Paul rettet meinen Tag

Liebe Leser,

das Schullandheim entpuppt sich immer mehr als harte Probe. Meine Klasse sehnt sich nach Ruhe, aber die mit der Parallelklasse mitreisende Sportlehrerin hat das volle Aktionsprogramm geplant – da müssen jetzt alle durch. Einige Kinder sind an ihrer Leistungsgrenze. Natürlich könnte ich jetzt sagen, sie sind verweichlicht, aber ist das jetzt fair, das den Kindern vorzuwerfen?

„Warum nehmt ihr denn solche Kinder überhaupt mit?!“, kommt als Kommentar. Soll lustig gemeint sein, aber ich höre die Ernsthaftigkeit hinter diesem Wunsch. Und nein, ich stehe zu meinen Hanseln, irgendwie ist mir sympatisch, dass sie viel lieber am Bergbach verweilen wollen, als noch ein paar Höhenmeter zu schrubben. Die Steine sind so schön rund und hell… was man da alles draus bauen könnte, wenn man nur Zeit hätte.

Sie wollen sich Zeit nehmen. Es gibt immer eine Gruppe Kinder, die entweder bei Wolf oder bei mir läuft und mit uns reden will. Was die Kinder alles erzählen! Sie genießen dieses Gefühl, von fremden Erwachsenen ernst genommen zu werden. Und ich genieße, dass Kinder gerne mit mir reden.

Aber am Abend gleich nach dem Essen beginnt das gleiche Chaos wie die Tage vorher. Heute ist der dritte Tag und der Heulhöhepunkt dürfte damit erreicht sein. Ich staune über mich selbst, wie ich nur noch funktioniere. Trösten, verarzten, schimpfen und nebenbei den nächsten Tag vorbereiten. Als ich kurz die Beine hochlegen will, geschieht die nächste Katastrophe und Wolf und ich rennen los…

Als ich endlich die Gute-Nach-Runde machen kann, sitzen in dem einen Jungszimmer noch ein paar bei einem Deutschland-Quiz. Paul (der seinen Fotoapparat übrigens wiedergefunden hat) weiß nicht weiter.

„Wofür ist Jena bekannt?“

Ich nehme ein Glas vom Waschbecken und halte es lächeln an mein Gesicht.

„Schau mich an, dann weißt du es“, meine ich.

Paul guckt irritiert.

„Na Paul, wofür ist Jena bekannt?“, frage ich und schiele mit den Augen zu dem Glas.

„Für Schönheit?“

Ach, Paul, du bist ein Schatz! Du weißt, wie man Frauen wieder glücklich machen kann. Mit diesem netten Satz gehe ich in mein Zimmer, ach was, ich schwebe. Gute Nacht, meine Süßen!

Viele Grüße aus dem Schullandheim von eurer Frau Henner

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3 Kommentare zu „Paul rettet meinen Tag“

  1. Wie süß und versöhnlich für den Tag, guter Paul…😊
    Freue mich schon auf den nächsten Beitrag. Herrlich, Ihre Tagesberichte.
    LG Paula J.

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