Datenschutzverletzung anders herum

Liebe Leser,

ein Lehrer soll ja nicht nur unterrichten, motivieren, überprüfen, bewerten und erziehen, sondern er soll ja auch noch Daten schützen – darauf wird gar nicht mal von Seiten der Eltern oder Schüler, sondern von „oben“ sehr viel Wert gelegt.

Als ich Kind war, hat man nicht nur den Klassenschnitt und den Klassenspiegel an die Tafel bekommen, nein, beim Austeilen der Hefte wurden dieselben sogar kommentiert: „Claudia, eine sehr schöne Leistung und sehr sauber geschrieben, das ist eine Eins!“, „Jens, du ahnst es ja schon, du musst dich mehr anstrengen, das ist mal wieder eine Drei!“, „Tanja, wenn du dich mehr auf die Rechtschreibung konzentrieren würdest, könntest du mehr schaffen, nur eine Zwei!“ usw.

Wir sind alle froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Einen Klassenschnitt schreibe ich trotzdem unter die Arbeit, die Eltern können so die Leistung ihres Kindes besser in den Klassenkontext einordnen. Aber laut Datenschutz muss ich nun überlegen, ob ich einen Klassenspiegel rausgeben darf. Überlegen dann nicht die Kinder, wer die zwei Sechser hatte? Kann es überhaupt tröstlich sein zu wissen, dass noch vier weitere Kinder eine Fünf hatten? Aber dann dürfen auch die drei Einser nicht mehr ganz so stolz sein und die sieben Zweier? Schwierig, aber gar nicht das eigentliche Thema.

Und trotzdem, es geht ums selbe Prinzip, wenn ich die schlechten Kinder nicht beschämen will und deshalb alle Daten zurückhalte, dann kann ich die guten auch nicht loben. Denn wenn ich alle Einser und Zweier lobe, dann weiß ja jeder, wer eben keine Eins und keine Zwei hatte. Das nennt man Ausschlussverfahren. Und es ist bei uns sogar offiziell möglich. Denn die Schüler, die für ihr Zeugnis eine Auszeichnung oder ein Lob bekommen, stehen sogar in der Zeitung.

Lucy wartet schon auf die Zeitungsausgabe mit den Auszeichnungen. Von ihrer eigenen Schule weiß sie es ja, da war sie ja bei der Übergabe der Urkunden dabei, aber von dem Gymnasium, auf das die meisten Kinder aus ihrer Grundschulklasse gehen, weiß sie es nicht. In den Sommerferien wird das Geheimnis gelüftet. Caroline und Robert haben einen Preis, sind also tendenziell Einserschüler. Die beiden waren auch in der Grundschule super Schüler. Chiara erhält immerhin ein Lob und ist damit eine Zweierschülerin. Viel interessanter ist doch jetzt die Ausschluss-Information: Richard, Karl-Samuel, Jack und Beckie haben keine Auszeichnung und kein Lob, sind also allenfalls mittelmäßig. Und ich glaube, Lucy findet diese Information viel wesentlicher.

Und auch ich kann daraus Schlüsse ziehen: Chiara hatte die Empfehlung fürs Gymnasium nur knapp bekommen und ist nun eine Zweierschülerin, Beckie hatte in der Grundschule viele Einsen und damit eine klare Empfehlung und ist jetzt abgerutscht. Das ging soweit, dass Chiaras Mama ernstlich überlegt hat, ob sie ihre Tochter nicht lieber auf die Realschule geben sollte. Sie war so ein Kippelkandidat, aber jetzt können wir sehen, dass sie zumindest momentan auf die richtige Seite gekippt ist. Schön für Chiara. Aber jeder im Dorf kann lesen, dass Beckie es eben nicht auf ein Lob geschafft hat und sich seinen Teil denken. Vielleicht hat sie es auch nur knapp verfehlt, wer weiß das schon…

Wenn ich gar keine Leistungen öffentlich nenne, dann habe ich meinen Datenschutz, dann darf ich aber auch die positiven Leistungen nicht erwähnen. Aber wollen wir das? Wollen wir nicht auch die Kinder auszeichnen und loben, die einfach etwas Tolles übers Jahr geleistet haben? Und zur Auszeichnung gehört eine gewisse Öffentlichkeit dazu, das erhöht die Wirksamkeit. Das berührt die Grundfrage, ob wir alle gleich machen wollen oder ob wir auch Unterschiede betonen wollen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu “Datenschutzverletzung anders herum”

  1. Sehr treffend geschrieben! Aber Leistung ist ja mittlerweile etwas, das versteckt gehört, damit sich alle gleich fühlen dürfen… *seufz*
    Was eh nichts bringt, da sich die Schüler doch sowieso in der Pause austauschen werden.

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  2. Hm, bei mir gab’s auch immer überall die Notenverteilung dazu. Das fand ich meistens ja interessanter als die eigene Note *hust*, es zeigt viel besser, wie genau das mit der Arbeit lief. Hilft einem auch, wenn es bestätigt, dass das Niveau sehr hoch war, finde ich.

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