Berufswünsche

Liebe Leser,

im Städtchen treffe ich zwei ehemalige Schülerinnen aus meinem Leistungskurs, die zwischen FSJ und Studium bei ihren Eltern vorbeischauen. Die eine war eine stille, aber sehr gewissenhafte Schülerin, die kontinuierlich sehr gute Leistungen brachte – außer im Mündlichen, weil sie da zu schüchtern war, obwohl sie die richtigen Gedanken hatte. Die andere war eine lebendige Schülerin, eher mittelmäßig begabt und im Mündlichen zurückhaltend, weil sie spürte, dass sie ihre Gedanken nicht gut auf den Punkt bringen kann.

Nach dem obligatorischen „Wie geht es Ihnen?“ und „Was machen Sie so?“ erzählen die beiden jungen Frauen von ihren weniger erfreulichen Erfahrungen im FSJ, bei dem sie gerne etwas gelernt und geleistet hätten, statt dessen aber herumsitzen mussten und sich gelangweilt haben.Beide plappern munter drauflos, das hätten sie schon mal gelernt, keine ist mehr still oder zurückhaltend – es sind nette, junge Damen.

„Und jetzt?“, will ich wissen.

Die sehr gute Schülerin will Biologie studieren, eine spezielle Richtung, die ich gleich wieder vergesse, weil ich mir ad hoc nicht viel darunter vorstellen kann und mein Gehirn sehr effektiv solche Informationen aussortiert, wer weiß, wann ich die beiden wiedersehe… Aber ich nicke interessiert. Das ist sicher spannend, und das meine ich auch so.

Die mittelmäßige Schülerin strahlt mich an und sagt: „Und ich Frau Henner, ich studiere Lehramt auf Gymnasium, genau Ihre Fächer!“

„Schön“, sage ich und wundere mich.

Ihr war es nie so zugefallen wie ihrer Freundin, egal welches Gebiet, die eine war begabt, die andere nicht. Und nun studiert die Unbegabte meine Fächer. Keine Frage, sie kann sich entwickeln und sie bringt zumindest schon ein offenes Wesen mit. Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute. Aber trotzdem ärgert mich das Symptomatische daran:

Die sehr gute Schülerin sucht die Herausforderung und will in die Wissenschaft und die mittelmäßige will Lehrerin werden, da weiß man, was man hat, da kann man sich vorstellen, was auf einen zukommt. Das ist kein Einzelfall. Einige unserer Schüler wollen gerne Lehrer werden, aber die besten, die wollen „höher hinaus“. Das finde ich einfach nur schade, denn wir brauchen schlaue Köpfe, Quer- und Weiterdenker. Lehrersein kann ein sehr herausfordernder Beruf sein, ein anstrengender, aber auch ein sehr dankbarer, weil unmittelbarer. Aber er scheint nicht sehr attraktiv zu sein für die Besten eines Jahrgangs.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Die ander

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5 Kommentare zu “Berufswünsche”

  1. Ich weiß nicht, liebe Frau Henner, ob wir mit unseren Urteilsschlüssen immer so richtig liegen.
    Ich habe sehr oft erlebt, dass junge Menschen außerhalb der Schule ganz anders sind, sich entfalten können.
    Und warum soll bei der „mittelmäßigen“ jungen Dame nicht in der Zwischenzeit viel passiert sein?
    Zudem: Auch am Gymnasium sind zunehmend andere Qualitäten gefordert, nicht nur excellentes Fachwissen. Vielleicht hat sie ja eine Portion von …

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    1. Du hast Recht, dass sie natürlich noch dazulernen kann und davon gehe ich aus. Unsere Abiturienten sind ja noch keine fertigen Menschen, sie entwickeln sich noch. Und jetzt kommt das ABER: ich erlebe immer wieder, dass es Menschen zum Lehramt zieht, die gar nicht so für die Sache brennen, sondern die das sichere Boot anstreben, die Angst haben vor einer freien Konkurrenz in der großen Welt und deshalb das kleine, beschauliche Schulleben wählen. Das finde ich schade.
      UND ich freue mich, wenn die „mittelmäßige“ Schülerin mir während eines Praktikums oder später dann beweisen kann, dass ich mit meiner anfänglichen Eimschätzung völlig falsch gelegen habe und sie eine tolle Lehrerin wird. Da bin ich ganz ehrlich, ich freue mich über jeden guten Lehrer 😉

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  2. Das stimmt leider, und angesichts der absolut katastrophalen Einstellungschancen frage ich mich ehrlich gesagt oft eher, wieso beim Lehramtsstudium nicht von vornerein viel zulassungsbeschränkter agiert wird. Es ist überlaufen wie sonst kaum ein Studiengang, und in den meisten Fällen – Ausnahmen bestätigen die Regel, sicherlich – bleiben die mittelmäßigen Schüler auch mittelmäßige Studenten, so meine Erfahrung. Nun wird uns aber sowieso notentechnisch schon immer erzählt, dass man mit einem Examen, das schlechter als etwa 1,5-1,8 ist, ohnehin nichts anfangen kann, jedenfalls nicht in den Geisteswissenschaften. Wieso man dann nicht von vornerein einen Riegel vorschiebt, wie das z.B. bei Medizin oder Pharmazie geschieht, weiß ich nicht.
    Ansonsten erlebe ich übrigens oftmals die entgegengesetzte Reaktion von der deinigen: „Wie jetzt, du studierst Lehramt?! Hä, du hattest doch ein richtig gutes Abitur?“, oft auch „aber mit deinem Abi hättest du eigentlich schon Medizin oder BWL oder sowas machen sollen!“, manchmal geht es gar in Richtung „du verschwendest dein Potential“, was ich richtig traurig finde und mich gleichzeitig eher sauer macht. Ich finde es naheliegender, dass man auch mal gute Abiturienten im Lehramtsstudium sehen will, aber gut.

    Ansonsten bin ich derzeit um ehrlich zu sein auch ein bisschen desillusioniert – habe gerade inoffiziell mitbekommen, dass der Anspruch auf einen Refplatz in BaWü mit dem kommenden Bachelor/Master-System wegfallen wird. Und nach all den Geschichten aus dem Ref usw. bekomme ich manchmal wirklich das Gefühl, dass überhaupt niemandem mehr daran gelegen ist, den Beruf für gute Leute attraktiv zu gestalten. Schade, sehr schade.

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    1. Hey, Kopf hoch!
      Ich habe genau das gleiche erlebt: „Was Lilo, DU studierst Lehramt? Wieso nicht Medizin oder Jura?“ Das hat mich damals ganz schön gekränkt. Vor allem, weil es von meinen eigenen Lehrern kam. Was hatten die denn für ein Selbstbild?!
      Nun bin ich auf dem Land und der Gymnasiallehrer zählt neben dem Apotheker und dem Landarzt noch zu den angesehenen Persönlichkeiten 😉 und ich habe Geisteswissenschaften studiert und sofort ein Angebot bekommen und in den letztes Jahren haben wir auch viele Geisteswissenschaftler an unsere Schule bekommen… glaube also nicht allen Schwarzmalern. Ich bin glücklich. Du bekommst deine Stelle auch und kannst sie ausfüllen, weil du gut bist.
      Aber das Problem ist damit nicht aus der Welt, es wäre schön, wenn das Lehramt ein attraktives Studium auch für Begabte wäre und nicht zum Sammelbecken für Unentschlossene verfällt. Sonst sinkt der Wert des Lehrers immer mehr, siehe oben.

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      1. Ach, du bist die erste Person, die mir hier mal wieder ein bisschen Optimismus gibt, danke. 🙂 Ansonsten liest man nur die schrecklichen Artikel, dass gerade BaWü ganz vorn dabei ist, Leute nur noch für das Schuljahr anzustellen und über den Sommer in die Arbeitslosigkeit zu schicken etc. … Aber dass man wirklich gute Noten braucht, um überhaupt die Chance auf eine Stelle zu erhalten, das glaube ich inzwischen wirklich. Und die Frage nach dem nicht vorhandenen NC stellen sich bei uns auch wirklich viele (vor allem eben die „guten“ Studenten, ist ja klar).

        Auch wirklich schön zu hören, dass der Beruf bei euch noch ein gewisses Ansehen genießt – das ist hier leider überhaupt nicht so, wir haben hier die Standardfloskeln von wegen „Hauptsache 1x alles vorbereitet, danach immer wieder die ABs kopiert und 3 Monate Ferien“ etc., oder auch: „Wer nichts kann, der wird halt Lehrer“ oder so. Man braucht schon ein dickes Fell, um da drüber zu stehen; schön ist’s echt so gar nicht.
        Und wie gesagt: attraktiv gemacht wird es einem halt auch nicht, bzw. das Studium ist noch ganz okay, aber aus dem Ref habe ich bisher noch nie irgendwelche positiven Erzählungen gehört, das war immer nur ein gesammeltes Werk von Horrorgeschichten…

        P.S.: Vielen Dank für das Kompliment/die positive Einschätzung, aber warten wir jetzt erst mal die nächsten 3 Monate ab; da wird sich dann wohl zeigen, ob ich wirklich gut bin 🙂 – oder nur eine große Klappe habe…

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