Dann werd ich eben Grundschullehrerin!

Liebe Leser,

eine Spätsommernacht, ein französisches Restaurant und drei junge Damen in irgendeiner Großstadt in Deutschland. Halt, ganz so jung sind sie nicht mehr. Man könnte das jetzt am Lebensalter festmachen: bis dreißig jung, dann eher mittelalt…, aber man kann es auch an den Themen feststellen, die diese Abendgesellschaft dominieren. Es geht nicht mehr um eine verträumte Suche nach dem Lebensprinzen, die eigenen Kinder sind längst schon da und mit ihnen die mehr oder weniger festen Partner dazu. Es wird an diesem Abend auch weniger um Windelpupser und Einschulungssorgen gehen, nein es geht um die harte Realität der Berufswelt, die die Phase zwischen dreißig und fünfzig ausmacht.

An diesem Abend sitzen also drei mittelalte Damen am Restauranttisch, eine mit dem sicheren Beamtenstatus im Hintergrund, eine mit einer zwar unsicheren und auch stressigen, aber ihr viel Freude bereitenden Arbeit in einem Verlag und eine, die gerade in Elternzeit und wegen des zweiten Kindes in den Schoß der Heimat und Familie zurückgekehrt ist und nun keine adäquate Stelle findet. Um letzte werden sich die Gespräche drehen, denn ihre beruflichen Sorgen überdecken viel Lebensfreude.

Sie hat trotz eines formidablen Einserabiturs damals kein Studium begonnen, sondern eine Ausbildung, weil sie Lust darauf hatte. Sie hat sich ständig weitergebildet und später sogar ehrgeizig ein Fernstudium drangehängt, weil ihr nach und nach zwei Dinge bewusst wurden:

  1. Die berufliche Anerkennung geht irgendwie doch über den Geldbeutel und die anfängliche Freude am Beruf wurde schnell von dem Schatten überdeckt, nun ganz unten beim Gehaltsvergleich zu sein.
  2. Die Weiterbildungen und das Fernstudium führten nicht zum gewünschten Aufstieg und der damit verbundenen gesellschaftlichen Anerkennung. Nun nagt der Gedanke: „Hätte ich nur Medizin studiert!“

Bis jetzt war der Leidensdruck aber nicht so groß, da sie sich in vielen Jahren Berufserfahrung doch ein Stück hochgearbeitet hatte und im Speckgürtel einer der teuersten Großstädte Deutschlands doch berufliche und gesellschaftliche Anerkennung fand. Nun ist sie aber umgezogen, der Familie wegen, und sitzt am Rande einer der ärmeren Großstädte Deutschlands. Freie Stellen gibt es, aber gezahlt wird knapp über dem Mindestlohn. Alle Weiterbildungen beeindrucken zwar die potenziellen Arbeitgeber, gezahlt wird aber nicht mehr. Da sinkt die Motivation schnell dahin. Und der Gedanke an eine verpasste Lebenschance nagt und nagt.

„Ich könnte auch was ganz anderes machen…“, sinniert sie.

„Wenn du das wirklich willst, warum nicht? Wenn du dich jetzt umschulen lässt, oder vielleicht ein Aufbaustudium machst, eine verkürzte Ausbildung, dann bist du mit vierzig fertig und hast immer noch fünfundzwanzig Berufsjahre vor dir, viele Menschen haben heutzutage Brüche in ihrer Berufsbiografie.“

„Ja, ich würde sogar noch mal studieren oder eine verkürzte Ausbildung machen, nur was?“, fragt sie in die Runde.

Die Frauen überlegen. „Werden nicht Erzieherinnen gesucht?“, sagt eine.

„Nein, Erzieherin will ich auf keinen Fall werden, das ist nichts für mich“, antwortet die ratsuchende Frau so vehement, dass gar nicht weiter nachgefragt werden muss. Die Frauen überlegen weiter. Schließlich erzählt sie von einem Programm, mit dem man sofort an einer Grundschule als Lehrerin anfangen kann und dann berufsbegleitend ein Pädagogikstudium absolviert, vorausgesetzt man habe ein zu unterrichtendes Fach wenn auch nicht zwingend auf Lehramt studiert. Das wäre doch was.

„Grundschullehrerin, das wär was für mich.“

Welches Bundesland bietet denn solche wahnwitzigen Programme? „Was, Sie haben mal Sport studiert oder Musikwissenschaften, na, dann geben wir Ihnen mal eine erste Klasse, den Rest machen Sie schon!“

?

Grundsätzlich traue ich meiner Freundin schon das Grundschullehrerinsein zu – nach einem Studium und nach einem Referendariat. Alles andere halte ich für unvernünftig und belastend für alle beteiligten Parteien. Man unterrichtet nicht mal eben so fünfundzwanzig Kinder verschiedenster Milieus mit verschiedensten Voraussetzungen und Motivationen in Grundlagen, die die Basis für ein ganzes Schulleben darstellen sollen – und erzieht sie nebenbei oder wohl besser hauptsächlich. (Wenn ich da an Frau Wehs Grundschulblog denke und die momentane Diskussion um Ramon…)

Wenn es nur diese eine Äußerung gewesen wäre, würde ich das vielleicht gar nicht zum Blogthema machen, aber es ist schon die dritte mittelalte Frau, die genau das sagt: „Grundschullehrerin könnte ich mir gut vorstellen.“ Alle drei sind Mütter, deren Kinder selbst noch nicht in der Grundschule sind oder gerade eingeschult wurden. Mütter, die ihren Kindern ein gutes Elternhaus mit viel Förderung bieten, mit Kindern, die nett und höflich sind und meist auch schlau, mit einem oder zwei Kindern zuhause, mit Zeit für die ausführliche Hausaufgabenbesprechung oder auch mal das Vorlernen und bei den Kleinen Vorlesen und Vorschulbücher bearbeiten.

Von den beiden anderen weiß ich inzwischen von den Großmüttern derselben, dass eben diese Mütter ihre Kinder auch ganz gerne mal anschreien, wenn eine schlechte Note nach Hause kommt oder die Hausaufgaben schlampig erledigt werden oder das Kind einfach mal so nicht funktioniert. Die Nerven liegen schnell blank, weil alle unter Druck stehen, besonders die Mütter, die arbeiten und Kinder erziehen, die erfolgreich werden sollen. Bei der dritten Frau, jene, die an diesem Abend mit am Tisch sitzt, weiß ich davon nichts, ihre Kinder sind noch zu klein für Hausaufgaben.

Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht um die individuellen Fähigkeiten. Allen dreien traue ich das Grundschullehrerinnensein zu… ja, ihr wisst es schon… nach einer fundierten Ausbildung. Ich selbst möchte mein Kind nicht einer unerfahrenen Quereinsteigerin anvertrauen, die nebenbei Fachkenntnisse erwirbt. Da sind Eltern heutzutage anspruchsvoll.

Worum geht es dann?

Ganz einfach, die Leistung von Grundschullehrerinnen wird klein gemacht, wenn man in der Gesellschaft das Gefühl erzeugt, jeder, der mal etwas studiert hat, könnte das und müsse den Rest halt nachholen. Nein, der REST ist das Entscheidende! Eine Zuckertüte herumzudrehen und so an die Tafel malen zu lassen, damit die Kinder das A schreiben lernen, reicht nicht, wenn Tom keine Lust hat, Mischa und Aylin sprachlich gar nicht verstehen, worum es geht, und Tatjana noch nicht einmal einen Stift halten kann. Und wenn man dann noch Ramon in der Klasse hat… Wer brave, funktionierende Kinder zuhause hat, kann sich den Alltag an einer deutschen Grundschule wahrscheinlich gar nicht wirklich vorstellen. Es ist eine sehr harte Arbeit, für die ich die Grundschullehrer und -lehrerinnen bewundere. Ich selbst würde mir das nicht aus dem Kalten zutrauen, obwohl ich jahrelange Berufserfahrung als Pädagogin habe und die Fünfer an unserem Gymnasium unterrichte.

Ich sage das nicht so scharf an diesem Abend, weil ich die Freundin nicht verletzen will. Sie ist gerade eh so unsicher. Sie kann ja im Grunde nichts dafür. Sie hat von dem Programm gehört und wenn es diese Möglichkeit gibt, warum sollte sie es nicht wagen? Ich mache ihr Mut, sich genauer zu erkundigen. Vielleicht gibt es ja ein verkürztes Studium für Menschen mit Berufserfahrung? Mit Referendariat? Das wäre doch was!

Die gute Seite, liebe Grundschullehrerinnen, ist, euer Beruf scheint tatsächlich noch ein Traumberuf zu sein!

Liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu „Dann werd ich eben Grundschullehrerin!“

  1. Sehr schön geschrieben, Frau Henner. Wie immer halt 😉
    Ich kenne diese Diskussionen auch in meinem Freundeskreis. Da wird gerne immer auf unseren Beruf geschielt, mal etwas neidisch, mal etwas bissig, weil man natürlich nur die Vorteile am Lehrerberuf sieht. The grass is always greener on the other side. Auf der anderen Seite kann ich deine Freundin verstehen. Wenn ich einen Beruf ausüben würde, der mich auf der einen Seite unterfordert und andererseits auch finanziell nicht das bringt, was ich mir erwarte, würde ich auch viele Nächte lang wach liegen. Vor allem wenn man jetzt in „unserem“ Alter ist, wo man in seinem Umfeld miterlebt, wie alle „eine Stufe weiter sind“: Fester Partner, Kinder, schöner Wohnsitz, gut bezahlte Arbeit. Und man selber hockt noch in alten Strukturen fest, die man nicht abschütteln kann. Würde mich interessieren, wie sich deine Freundin entscheidet. Ist bestimmt nicht leicht…

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    1. Ich verstehe sie, aber es liegt weniger an ihr als an den Umständen. Für dieses Jahr kommt das Programm sowieso nicht mehr in Frage, weil die Schule schon angefangen hat, wenn es das Programm überhaupt so gibt… stellt man tatsächlich irgendwo in Deutschland einfach so Menschen als Lehrer ein? Ich meine, ich übernehme auch keine Bäckerei, obwohl ich schon das eine oder andere Mal einen Kuchen gebacken habe. Kuchen backen ist etwas anderes als eine Bäckerei führen – und genauso ist unterrichten etwas anderes als dem eigenen Kind bei den Hausaufgaben helfen.
      Ich bleibe dran am Thema und berichte.

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  2. Hm, ja, Quereinsteiger gibt es ja bei allen Schulformen (vor allem in Berlin!) und ich finde das immer ein bisschen komisch. Habe dazu auch gerade letztens erst im Ersten einen Beitrag gesehen zu 2 Quereinsteigern am Gymnasium. Da wurde ganz richtig gesagt: „Das Kollegium ist skeptisch – aber wer hört schon gerne, dass quasi jeder mit einem Fachstudium den eigenen Job mal eben so nebenbei erlernen kann?“ Ja, so ist das, ziemlich fragwürdig. Generell, wie ich finde, aber eben gerade in der Grundschule, wo doch noch mal eine Portion mehr pädagogisches Feingefühl gefragt ist. Was nicht heißen soll, dass Quereinsteiger nicht auch gute Lehrer werden können!

    Zutrauen würde ich mir das im Übrigen auch wohl in 100 Jahren nicht, und ich habe größten Respekt davor, dass die Grundschullehrer eben alle Grundlagen legen – sowohl, was das Verhalten in der Gesellschaft/im Klassenraum anbelangt, als auch die basalen Dinge wie Lesen und Schreiben.

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