Erste Eindrücke und eine erdrückende Mama

Liebe Leser,

unausgeschlafen, aber voll motiviert stürze ich mich wieder in den Schulalltag. Was bleibt mir auch anderes übrig, wenn eine Klasse voll Fünfer vor mir hockt, mit den Füßen raschelt, mich duzt und reinruft, als lächeln, erklären, Scherze machen. An den Fünfern liebe ich, dass es im Grunde alles nette Kinder sind. So viel kann ich schon sagen, die kleinen Arschlöcher sind anderswo, aber nicht in meiner neuen Fünften.

Eben wurden sie von ihren Mamas und manchmal auch von den Papas hergebracht, unser Direktor hat sie alle am Eingang in Empfang genommen und die Eltern extra begrüßt, quasi abgefangen, während wir die Fünfer ohne Elternhelikopter in die Klassenräume begleiten konnten. Das sind so die neuen Tricks. Aber sie funktionieren nur bedingt.

Die Klasse ist lebendig, allen voran Jan, der ständig etwas zu erzählen hat, prinzipiell ohne Melden. Hendrik macht einen verpeilten Eindruck, Vladimir will allein sitzen und macht den Kasper, Adam lässt sich gerne ablenken und Tim und Tom in der ersten Reihe geben momentan die zwei Schlaumeier ab. Merkt ihr was? Ich rede nur über Jungs.

Die Mädels überlassen den Jungen die Bühne, sie haben sich an den Rand gesetzt oder nach hinten, melden sich, wenn es etwas zu sagen gibt, und verhalten sich ansonsten ruhig. Einzig Franca tanzt aus der Reihe. Sie und Jan ergänzen sich. Hat der eine mal doch nichts zum Reinrufen, platzt garantiert die andere rein.

Alles nette Kinder, die sich finden müssen in einer neuen Situation. Tag eins von vielen, ich habe ein gutes Gefühl. Es riecht nach Arbeit, es riecht nach Potential und es riecht nach Schulfreude.

Bis ich in der ersten großen Pause eine Mutter auf dem Flur sehe. Hat sie solange mit anderen Müttern gequatscht, dass sie immer noch da ist? Will sie nur mal Mäuschen spielen? Oh nein, sie steuert mich an. Die erste große Pause verbringe ich nun damit, mir von der Mutter erklären zu lassen, wie man mit ihrem Sohn umzugehen hat, was besonders wichtig ist, worauf man immer achten sollte und was alles so passieren kann. Aha.

Wenn sie mir wirklich etwas erklären würde… aber sie sagt immer nur Halbsätze, die mit Bemerkungen wie „Na, Sie wissen schon“ enden. Was weiß ich? Ich kenne Sven gerade einmal eine Stunde. Er verhält sich völlig unauffällig. Aber jetzt habe ich keine Gelegenheit mehr, den Jungen unvoreingenommen kennenzulernen. Ich weiß zuviel über ihn, aber die Informationen sind konfus und nützen mir wenig. Also der Sven.

Ich schaffe es, mich loszueisen, aber die Pause ist gegessen – mein Brot hingegen nicht. Ist egal, schließlich habe ich genug Ferien gehabt. Mir kann heute nichts mehr etwas anhaben – ich bin Superwoman!

Bis ich in der zweiten großen Pause die Mutter wieder durchs Schulhaus tigern sehe – auf der Suche nach ihrem Sohn und anderen Lehrern, die ihn vielleicht unterrichten könnten.

„Ich kläre das mit meinen Kollegen“, biete ich hilfsbereit an, „wir können uns alle einmal zusammensetzen und über Sven sprechen. Aber nicht heute am ersten Schultag, da ist zuviel los, ich rufe Sie an.“

Diesmal schaffe ich immerhin das halbe Brot und lerne, dass ich mich mit dieser Frau nicht auf ein längeres Gespräch einlassen darf. Es bringt einfach nichts. Mein erster Vorsatz in diesem Jahr: Nein sagen zu Svens Mama, nein, ich habe jetzt keine Zeit.

Am Ende dieses Schultages muss ich meine Fünfer zum Bus begleiten, sie einweisen, ermahnen, trösten, dass ihr Bus auch noch kommt. Zum Glück sind die Großen heute super hilfsbereit. Die neuen Fünfer sind am ersten Schultag in ihrer Kleinheit und naiven Ängstlichkeit eine wahre Attraktion.

„Oh, guck mal, wie süß der ist!“, sagt eine Oberstufenschülerin und zeigt auf meinen kleinen Keran. Ach ja, der Keran…

Da steuert schon wieder Svens Mutter auf mich zu. Sie hat den ganzen Vormittag in unseren Schulfluren verbracht und ist jetzt am Bus, um ihrem Sohn zu zeigen, wie er wo einsteigen muss, um ihn dann sicher mit dem Auto nach Hause zu fahren. Sie hat mir nichts Neues zu sagen, ich habe ihr nichts Neues zu sagen. Trotzdem will sie ein Gespräch.

„Frau Svensmama, wir verbleiben wie besprochen, ich muss mich aber jetzt um die anderen Kinder kümmern, dass jedes seinen richtigen Bus findet“, sage ich und gehe schnurstracks in die andere Richtung. Wäre ja noch schöner, wenn ich gleich am ersten Tag kapituliere…

Ich werde dieses Schuljahr sicher wieder viel Spaß haben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu „Erste Eindrücke und eine erdrückende Mama“

  1. Viel Spaß mit Svensmama Frau Henner. Mich erwischte es heute morgen mit einem dicken Zettel mit Leuchtstift angemalt „An alle Lehrer die Markus XYZ unterrichten!“ (Name geändert). Nun: Markus bekommt ab und zu Krampfanfälle und dann solle man in seiner Schultasche nach einer Spritze suchen und sie ihm in den Mundraum verabreichen und gleichzeitig den Kopf weich gepolstert betten. Ja. Ist sicher nicht schön für Markus und hat der sich auch nicht ausgesucht. Aber was, wenn mich das überfordert? Darf ich da mal die Eltern besuchen und das mit denen üben? Wo in der Schultasche? Geht es noch ungenauer? Wie sieht die Spritze aus? Und darf ich mal so spontan ins Klassenzimmer fragen „und wer von Euch ist nun der Markus mit den Krampfanfällen?“ Theoretisch könnte der ja genau jetzt den Anfall bekommen. Aber dann wüsste ich auch wer Markus ist oder?
    LG
    Lehrschwester Coreli

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    1. Bei kranken Kindern stehe ich auch immer wieder vor kleinen und größeren Schwierigkeiten, bin da aber dem Kind gegenüber recht milde gestimmt – das Kind kann einem ja eher leid tun.
      Viele Eltern suchen dann das Gespräch und erklären alles sehr genau – meist noch einmal schriftlich mit Hinweisen zu Internetseiten zur Selbstlektüre. Und jedes Jahr unterrichte ich mindestens ein solches Kind, was gesonderte Rettungsmaßnahmen bedarf – mindestens. Ja, da darf man sich auch mal überfordert fühlen!
      Der Zettel allerdings ist wohl etwas sehr ungenau… mich wundert, dass ein Lehrer überhaupt eine Spritze verabreichen darf, wir dürfen doch nicht einmal Holzsplitter entfernen, wenn ein Kind sich einen eingezogen hat.

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  2. Liebe Frau Henner, da auch ich im Ländle unterrichte, hatte auch ich meinen ersten Schultag nach den Sommerferien. Auch ich bin auf einer Landschule; aber in Stadtnähe und bin heilfroh, in der Stadt zu wohnen um genau solchen Müttern nicht beim Einkaufen oder sonstigen „nicht-beruflichen“ Aktivitäten zu begegnen. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Beschreibungen von heute aus poetischen Gründen übertrieben dargestellt sind…

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  3. Die Mama hat vielleicht schlicht Angst – das macht es für Dich nicht leichter, liebe Frau Henner, aber vielleicht hilft es, wenn man versucht, ihr die Angst zu nehmen?

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    1. Ja, sie hat Angst, auch wenn sie das nicht zeigt, und die Angst macht sie blind für die Bedürfnisse der anderen Kinder – geschweige denn der Lehrer. Deshalb hatte ich mich auch im ersten Gespräch bemüht, ihr genau diese Ägnste zu nehmen. Im Laufe des Schultages wurde ich dann… ähem… weniger fürsorglich.

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