Auf eure Gesundheit!

Liebe Leser,

während ich das schreibe, höre ich Lucy ausgedachte Englisch-Texte singend durch Haus laufen und freue mich, dass Lucy gesund ist. Es geht hier weniger um einen Schnupfen oder Husten. Es geht hier um das Große. Ich bin dankbar, dass Lucy noch keine schwerwiegenden Krankheiten hatte. Außer ein paar ein klein wenig einschränkenden allergischen Reaktionen muss sie auch nicht unter chronischen Symptomen leiden. Wie kostbar dieses Gut Gesundheit ist, lernt man ja bekanntlich immer dann zu schätzen, wenn es einem nicht gut geht – oder wenn man durch andere damit konfrontiert wird.

Am Anfang des Schuljahres kommen sie wieder, die Zettelchen mit Krankheitsbeschreibungen und Soforthilfemaßnahmen. In fast jeder Klasse sitzt ein Kind, was eine Einschränkung hat, die im Unterricht auftreten kann, bei der ein Erwachsener im Notfall helfen muss. Diabetes, Asthma, Epilepsie, das alles sagt mir etwas und inzwischen habe ich durch Erfahrung gelernt, wie man damit umzugehen hat, wobei ich dieses Wissen immer wieder auffrischen muss. Hat man nicht jedes Jahr Kontakt zur gleichen Krankheit, vergisst der Mensch so schnell. Oder verdränge ich?

Dazu kommen die Krankheiten, deren kompliziert lateinische Bezeichnungen erst einmal Fragen hinterlassen. Was muss ich tun, wenn das Kind weiß wird? Wann soll ich nochmal Wasser anbieten? Und wenn Schnappatmung einsetzt? Wo ist die Notfallspritze? Wie verläuft der Anfall? Wie schnell muss das Kind ins Krankenhaus? Das alles notieren die routinierten Eltern gern. Das ist gut, sie wollen helfen, irgendwie muss das Kind ja beschult werden.

Und so trage ich für dieses Schuljahr drei verschiedene Krankheitsbildbroschüren in meiner Schultasche mit mir herum, Krankheiten, bei denen es im Notfall um Leben und Tod gehen kann. An dieser Stelle soll es gar nicht um Überforderung gehen, auch wenn ich sehe, auf welches Glatteis wir uns begeben. Letztes Jahr versicherten mir zwar Eltern, dass ich als Ersthelfer nicht belangt werden könne. Und ja, einmal bekam ihr Kind dann tatsächlich in meiner Gegenwart einen Anfall und war kaum mehr ansprechbar. Das Zauberwort war das „kaum“, denn irgendwie habe ich es geschafft, dass das Kind lallend die Notfalltasche nahm und sich selbst medikamentierte. Die Wirkung war frappierend. Eine halbe Stunde später war das Kind mopsfidel.

Wunderwerk Medizin. Erst hinterher kamen die Gedanken, was eigentlich gewesen wäre, wenn das Kind schon bewusstlos gewesen wäre. Hätte ich trotz Zettel mit Anleitung richtig reagieren können, bis der Notarzt da ist? Solche Anleitungen sind nämlich gar nicht so einfach umzusetzen… und es geht hier nicht um Beatmen und Herzmassage.

Und da höre ich Lucy singen. Und wieder wird mir bewusst, wie glücklich man sein kann, wenn man gesund ist. Einige unserer „Patienten“ tragen ihr Leiden schon ein Leben lang mit sich, aber viele sind plötzlich irgendwann erkrankt. Es ist eine trügerische Sicherheit, eines Tages wacht man auf und alles ist anders.

Ich hoffe, dieses Schuljahr ohne schwerwiegende Situationen zu bestehen, aber vor allem wünsche ich uns allen eine große Portion Gesundheit!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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3 Kommentare zu “Auf eure Gesundheit!”

  1. Puuh, ja, das ist nicht ohne. Sowohl für die Kinder, die lernen müssen, damit umzugehen und versuichen, ein möglichst „normales“ Leben zu führen und so sein zu können, wie alle anderen, wie auch für die Lehrer, die im Notfall eben doch reagieren müssen.
    Ob und inwiefern du als Ersthelfer belangt werden kannst, das weiß ich nicht, meine mich aber an den Erste Hilfe-Kurs zu erinneren, in dem gesagt wurde, dass es eigentlich nur darum geht, den Notarzt zu verständigen und nach Kräften dafür zu sorgen, dass bis dahin der Zustand stabil bleibt. Hilft aber nichts, wenn Eltern im Ernstfall – den ich weder dem Kind, noch den Eltern noch einem Lehrer je wünsche! – dann mit Wut und Trauer reagieren. Sehr schwierige Situation.

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    1. Bis jetzt ist zum Glück fast immer alles gut ausgegangen – Verletzungen und dergleichen, das sind ja eher die Probleme der Sportlehrer. Bei zwei der drei oben beschriebenen Kinder geht es jedoch um mehr als ein Stabilhalten, bis der Notarzt kommt, sondern eine aktive Hilfe mit einem Notfallmedikament. Soweit ich das verstanden habe, ist ein Aufschub, bis der Arzt kommt, nicht möglich, weil zu gefährlich.
      Bei den Schülern erlebe ich sehr positiv eine Stärke, selbst mit dieser schwierigen Situation umzugehen. „Mir bleibt ja keine Wahl“, sagte ein Schüler, „aber ich bin dankbar, dass ich überhaupt zur Schule gehen kann.“
      Wenn das kein schönes Schlusswort ist.

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      1. Stimmt, eigentlich „gehören“ Verletzungen eher in den Sportunterricht.
        Ah, ok, also doch aktives Eingreifen. Hm, ja, dann wäre wirklich mal die Frage, wie das rechtlich ausschaut, wenn dir – was ich ganz sicher nicht hoffe! – ein Fehlgriff passieren sollte. Eigentlich schlimm, dass man sich solche Gedanken machen muss.

        Dass die Schüler so „gut“ damit umgehen, das finde ich ebenfalls positiv, da hast du recht. Wir bräuchten mehr mit dieser Einstellung.

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