Schöne neue Medienwelt

Liebe Leser,

grob gesagt lassen sich die Kollegen in drei Kategorien teilen:

Typ 1 hat ein großes gelbes Notenbuch oder ein kleines rotes Notenbüchlein, in die er akkurat alle Noten einschreibt und mit dem er dann per Hand zum Halbjahr und Jahresende mit dem Taschenrechner den Notenschnitt ausrechnet. Nennen wir diesen Typ den Steinzeitlehrer (dieser Begriff stammt nicht von mir, sondern von einem Smartlehrer!)

Typ 2 hat ein Notenbüchlein und zuhause überträgt er alle verteilten Noten zusätzlich entweder in ein Notenprogramm oder meist in eine einfache Exeltabelle auf seinem Homerechner. Nennen wir diesen Typ den Exellehrer.

Typ 3 macht seine Unterrichtsrecherche im Lehrerzimmer am liebsten über das eigene Smartphone und bestreitet den Unterricht auch gerne mit dem Tablet, in das sogleich alle Noten eingetragen werden, die entweder in drei Backups in verschiedenen Clouds gespeichert werden oder zuhause mit dem häuslichen Rechner synchronisiert und sogar verschlüsselt werden. Nennen wir diesen Typ den Smartlehrer.

Natürlich gibt es noch Ausnahmen und Ausreißer und auch eine Menge Zwischenwesen, aber im Wesentlichen kann man unser Kollegium und sicher auch viele andere so einteilen.

Bis heute waren alle drei Typen glücklich mit dieser Art der Notenspeicherung – bis wir heute ein Anschreiben in unseren Fächern gefunden haben, dass uns darauf aufmerksam macht, dass das alles nicht sicher ist. Und nun sind wir die Bösen. Hacker könnten unsere Rechner angreifen, Schüler könnten unsere Notenbücher stehlen, ganz schlaue Informatiker könnten sogar die verschlüsselten Daten abgreifen. Dann wüsste jeder, dass Klein-Max auf dem Zeugnis eine Vier in Biologie hatte und Klein-Lise im Diktat eine Fünf. In einer modernen Gesellschaft darf so etwas nicht geschehen! Und nicht der Hacker, der Schüler oder der schlaue Informatiker wären schuld, sondern allein wir Lehrer, die die sensiblen Schülerdaten nicht sorgfältig genug aufbewahrt haben.

Eltern könnten klagen.

Schüler könnten klagen.

Die Konsequenz? Das weiß keiner. Die Steinzeitlehrer haben Angst, dass man sie zu einer digitalen Notenabgabe zwingt. Die Exellehrer regen sich auf, weil sie Exel höchstwahrscheinlich nicht mehr verwenden dürfen und die Smartlehrer recherchieren gleich im Netz nach Gesetzen, Möglichkeiten und Präzedenzfällen, die zeigen, dass ihr Tablet und ihre Notenapp als sicher einzustufen ist.

Und ich? Ich setzte mich an den Heimrechner und schreibe meinen Blog und frage euch, welche Diskussion führt ihr im Kollegium, was ist euch erlaubt, was wird euch verboten, welche Lösungen habt ihr gefunden oder macht ihr etwa gar nichts?

Viele neugierige Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

P.S. In diesem Schuljahr fällt mir wieder einmal auf, dass wir Lehrer sehr viel unserer Zeit aufwenden, um so einen Scheiß bürokratische Vorgaben umzusetzen, anstatt uns um den Unterricht zu kümmern und die Schüler… aber das nur so am Rande.

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27 Kommentare zu „Schöne neue Medienwelt“

  1. In Hessen muss man dem Schulleiter (und dieser dem Hessischen Datenschutzbeauftragten) melden und sich genehmigen lassen, wenn man Schülerdaten auf dem eigenen Rechner „verwalten“ will. Der Rechner muss dann passwortgeschützt sein und die Daten verschlüsselt. Außerdem muss man dem Hessischen Datenschutzbeauftragten jederzeit Zugang zu dem Rechner ermöglichen. Der Rechner wird quasi wie ein beliebiger Rechner in einer einer hessischen Verwaltung behandelt; streng genommen wie ein Rechner beim Einwohnermeldeamt.
    Die Schulen werden unregelmäßig überprüft, ob Genehmigungen seitens des Schulleiters vorliegen. Vor vielen Jahren wurde mein damaliger Schulleiter gerügt, dass solche nicht vorlägen, es sei aber lebensfremd anzunehmen, dass keine Lehrer Schülerdaten auf ihrem Rechner bearbeiten würden. So die Rechtslage – die Wirklichkeit sieht dennoch wohl anders aus.

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      1. Das hat mir eine gute Freundin neulich auch berichtet, dass sie ihren Rechner im Fall der Fälle präsentieren muss – inklusive externer Festplatten und allem. Datenschutz, aber nicht für Lehrer, oder wie?
        Begründet wurde das an der Schule besagter Freundin übrigens mit dem Urheberrecht, von wegen Digitalisierung von Schulbüchern und Materialien.

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  2. Schrecklich! Und wie soll man dann Noten machen bzw. eintragen? Alle in ein zentrales Büchlein im Schultresor? Und was, wenn der aufgebrochen wird? Oder die Schule explodiert/von einem Loch verschluckt wird/Aliens auftauchen?
    Und selbst wenn, wer kräht denn danach, welche Note Klein-Felix hat? Die Mitschüler erfahren das doch sowieso – spätestens dann, wenn die Note bzw. das Zeugnis nicht gezeigt wird, ist doch klar, dass es nicht so gut ist. Und später muss man sich damit bewerben, also sehen es noch ganz viele Menschen mehr… So sehr ich für Datenschutz bei ärztlichen Dingen, Surf- und Konsumverhalten bin, so sehr finde ich das hier völlig überzogen.
    Und ja, irgendwann haben Lehrer so viel bürokratischen Mist zu erledigen, dass sie nicht mehr zum Unterrichten kommen.
    Aber hey, wen interessierts, wir beschließen einfach mal, dass Lehrer dann 35 Stunden an der Schule zu sein haben, und alle Problem sind gelöst! *Sarkasmus off*

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    1. Es wird tatsächlich diskutiert, ob ein zentraler, gesicherter Computer in einem abschließbaren Zimmer in der Schule (natürlich passwortgeschützt) die Lösung wäre… dann hätte es ein Hacker auch ganz leicht, einmal drin, alle Daten abgezockt. Den Hacker will ich sehen – und meinen Chef, wenn dieser Rechner abstürzt.

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      1. Haha, und was, wenn der PC mal streikt? *hustwindowshust*
        Oder abschmiert? Werden die Noten für das Schuljahr dann einfach gestrichen, oder wie? :mrgreen:
        Nene, nach dem zu urteilen, was du berichtest, was Tina im Praxissemester erlebt und der Frau Weh passiert, komm ich zu dem Schluss, dass sich die geballte Dummheit aus 16 Bundesländern ausgerechnet in den Bildungsministerien wiederfindet – die Alternative wäre nämlich, dass es Absicht ist.

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  3. Meine (ehem.) Schule hat vor Jahren ein Notenprogramm gekauft, das für alle verbindlich ist und das auf dem Smartphone oder dem Pc verwaltet wird.
    Alle Daten, die auf Rechnern, Servern, zentralen Servern o.ä. gespeichert werden, sind nicht sicher. Genauso wenig wie analoge Aufzeichniungen in den gelben oder grünen Lehrerplanern. Die können auch geklaut werden.
    Man will wieder Pferde scheu machen bzw. Lehrkräfte (meist brave Beamte oder Angestellte) verunsichern und damit klein halten.

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  4. Ja, da macht man wieder mal den Bock zum Gärtner.
    Ich mein, irgendwo muss der Lehrer die Noten auch erst mal aufschreiben, oder? Auf der Arbeit stets ja wohl auch?

    Ich hab da eigentlich Vertrauen zu den Lehrern, die lassen ihre Notenbüchlein gewiss nicht irgendwo rumliegen, allein der Stress, der Wiederbeschaffung….
    Irgendwann werden die Noten ja auch im Klassenbuch auftauchen müssen. Das ja nicht ständig irgendwo eingeschlossen sein kann, weil ja jeder seine Eintragungen machen muss.

    Das ist wieder mal eine blödsinnige Vorschrift, die total am wahren Leben vorbeigeht. Sowas kann man eigentlich nur noch ignorieren.

    Liebe Grüße
    Sylana

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  5. Am wenigsten Stress müssen die Steinzeitlehrer haben – Notizbücher sind einfach schwer zu hacken.
    Bei uns bricht immer ein, zweimal im Jahr die große Panik im Ministerium aus, dann werden aktionistisch Rundmails geschrieben, in denen die offiziellen (!) Notenportale der Schulen als supersupergefährlich erklärt werden (Hacker!!!! Einself!!!! Und die Eltern!!!!! Sie werden alle klagen!!!! Und die Schüler!!!!! Sie werden alle durch Bloßstellung ihrer Leistung demotiviert!!!!! Einself!!!!). Worauf die Schulleitung ergeben seufzt und für ein paar Monate ein paar Alibifunktionen sperrt, bis ich der Wahn wieder kurz gelegt hat.
    Die sind, vom Ministerium abwärts, alle von Angst getrieben. Warum auch immer. Was ist das Schlimmste, was einem Beamten im Kultusministerium passieren kann, selbst wenn irgendein Dolm ein Schulportal hackt?

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  6. Also so viel ich weiß, sind Notenprogramme auf dem Tablet an sich absolut tabu wegen Datenschutzproblemen, die vor allem bei Android so eklatant sein sollen. Einen Notenmanager gibt es, der wird allerdings von einer externen Firma betrieben und kostet Geld. Angeblich ist das auch datenschutzrechtlich heikel, weil die Noten der Schüler dann auf deren Server liegen. Und das sieht die bayerische Regierung etwas kritisch. Offiziell MÜSSEN wir sogar schriftlich Buch über die Noten führen. Notenprogramm auf dem PC ist aber ok. Also zweigleisig fahren. Macht halt auch gleich doppelten Aufwand…

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    1. Uns wurde tatsächlich bedeutet (in Bayern), wir könnten alle Noten NUR im schulischen Notenportal (einer externen Firma) eintragen und müssten keine privaten Listen mehr führen. Einige haben das dann auch getan, als dann aber das Notenportal abstürzten und Noten verloren gingen, sind alle wieder ein „zweigleisiges“ System gefahren.

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        1. Ich nehme an, das kommt in den besten Familien vor; selbst das Pentagon wird gehackt und google verlor schon Daten durch Blitzschlag. Kannste nichts machen. Aber ich war von vornherein sehr, sehr mißtraurisch, als uns gesagt wurde, es reiche, Noten nur noch über das Notenportal zu dokumentieren.

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      1. Bei uns zumindest offiziell nicht. (Vielleicht aber eigentlich schon, und die entsprechende Anweisung liegt in irgendeiner Schublade und wurde uns nicht zu Gehör gebracht. Man weiß ja nie.)

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