Ambitionierter Schulangfang

Liebe Leser,

 

diesen Samstag war landauf, landab die Schuleinführung der Erstklässler in Baden-Württemberg. Und auch wir waren zu Gast bei Freunden, deren sechsjähriger Sohn Tim nun endlich auch in die geweihten Hallen der Bildung eintreten darf. Und so stehen wir zwischen den Verwandten, dem filmenden Papa und der mitfiebernden Mama, als Klein-Tim seine Schultüte und die vielen anderen Päckchen auspackt. So versüßt und bunt geschmückt muss es doch eigentlich Spaß machen.

Aber Tim soll, bevor er mit den neuen Spielsachen losspielen darf, erst noch aus einem Buch eine Kostprobe seiner Lesekunst geben. Genervt verdreht er die Augen, aber dann liest er doch, die erste Seite fast fehlerfrei herunter, die Mama hängt ihm an den Lippen und hilft, wenn es mit einer schwierigen Lautverbindung noch nicht ganz klappen will. Schließlich gibt es Applaus für den kleinen Leser.

„Toll, was du schon kannst, Tim!“, ruft die Oma ehrlich bewundernd.

Aber ein wenig frustriert sagt die Mama: „Naja, in der Klasse können schon einige lesen.“

 

Dazu fällt mir eine Szene aus Kirsten Boies kleinem, aber sehr netten Buch „Mittwochs darf ich spielen“ ein, das ich hier zitieren möchte. Das Grundschulkind Fabia erzählt:

„Mama hat mit mir Lesen geübt, seit ich fünf war, jeden Tag ein bisschen. „Nur nicht zu viel!“, hat Mama gesagt. „Es soll dir ja Freude machen!“ Und sie hat ein Poster in meinem Zimmer aufgehängt, da waren alle Buchstaben drauf und so Bilder dazu, beim E zum Beispiel ein Esel und ein Apfel beim A. Das haben wir dann gelernt. Und es hat mir Freude gemacht, weil ich nämlich alles wusste, und ich hab mir gedacht, wenn ich in die Schule komme, dann kann ich schon alles, und ich bin die Allerklügste. Dann sagt die Lehrerin zu mir, dass ich es den anderen mal erklären soll, weil sie es nicht wissen, und ich weiß es ja schon. Da hab ich mich ordentlich auf die Schule gefreut.

Mama hat auch immer gesagt, ich hab da bestimmt einen Vorsprung. Heutzutage muss man darauf achten, hat Mama gesagt, und sie hat mir jeden Monat „Bussi Bär“ gekauft, wo lustige Schreib- und Rechenübungen drin sind für Kinder ab drei, das hab ich dann immer gemacht.

Aber wie ich in die Schule gekommen bin, war es doch ganz anders. Weil die anderen Kinder nämlich auch alle „Bussi Bär“ hatten, und Lesen geübt hatten sie auch alle heimlich. Da hab ich dann eben keinen Vorsprung gehabt, aber jedenfalls war ich nicht dümmer als die anderen, und Mama hat gesagt, da kann man mal sehen, wie nötig es war, dass wir jeden Tag geübt haben, wie stünde ich denn sonst da, und wir müssten von nun an eben jeden Tag noch ein bisschen mehr tun.“

aus: Kirsten Boie. Mittwochs darf ich spielen. Fischer Schatzinsel. 2012. S.32-34.

 

Armer Tim, nun ist der Vorsprung doch nicht so groß, dann wirst du wohl täglich mit Mama üben müssen. Ein kleines bisschen, du sollst die Freude ja nicht verlieren, aber die anderen Kinder dürfen dich nun mal auf keinen Fall überholen auf dem Weg zu den besten Plätzen in der Gesellschaft. Da kann man nicht früh genug anfangen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henne

 

P.S. Tim war kein Kind, was im Kindergarten unterfordert war und von sich aus das Lesenlernen eingefordert hat. Es war allein die Angst der Mutter, die Sehnsucht nach Anerkennung, der Stolz auf das perfekte Kind.

Vielleicht ist auch deshalb Kirsten Boies Buch ein weniger bekanntes von ihr: es hält den ambitionierten Bildungsbürgern zu sehr den Spiegel vors Gesicht. Wer will das schon lesen?

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17 Kommentare zu „Ambitionierter Schulangfang“

  1. Hallo Frau Henne,
    das schockiert mich schon. Hätte nicht gedacht, dass das nun so ist. Besonders dieses Abschätzen des Anderen. Diese Beurteilung der Kinder durch die Kinder angestachelt von vielleicht den Eltern. Ich kann nur allen Eltern von Grundschulkindern sagen: Es ist egal! Wirklich! Ich habe ja nun drei ganz unterschiedliche Kinder. Der Große wollte schon immer mit dem Kopf durch die Wand und hat zur Einschulung Bücher mit 400 Seiten gelesen. Vielleicht hat er deshalb im schriftlichen Abi Deutsch ohne Mühe eine gute Punktzahl geschrieben. Aaaaaaaber wenn er auch noch den Fleiß besessen hätte den Unterricht zu besuchen und vielleicht ab und zu mal zu lernen, dann hätte nicht das Kind meiner Freundin, das Anfang der zweiten Klasse noch keinen korrekten Satz lesen konnte ein um Klassen besseres Abi abgelegt.
    Sag ich auch immer meinen Schülern. Wichtig ist nicht wo wir starten, sondern wo wir ankommen.
    Und am allerschlimmsten finde ich dieses „aus Dir wird eh nichts mehr“. Meine Tochter ist ein Spätentwickler und irgendwie hab ich manchmal auch das Gefühl ihr Gehirn funktioniert anders. Wie war das Kind glücklich, als ich ihr sagte, wie schlimm die schulische Karriere meiner
    Patentante verlief und wie ihre intellektuell überlegenen Geschwister immer auf ihr rumhakten (genau wie meine Söhne auf meiner Tochter). Und dann zu sehen: Nun mit 62 Jahren, wenn man zurück blickt, dann ist sie die Einzige aller Geschwister, die glücklich geworden ist in ihrem Leben. Die eine Weisheit jenseits jeder intellektuellen Maßstäbe entwickelt hat.

    LG
    Coreli

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    1. Vielen Dank für diesen weisen Kommentar!
      Es ist wichtig, wo wir ankommen – und unter ankommen verstehen wir beide Lebensglück.
      „Aus dir soll mal was werden“ heißt aber leider immer öfter nicht „aus dir soll mal ein glücklicher Mensch werden“, sondern „aus dir soll ein gesellschaftlich höher gestellter Mensch werden“. Wie das Leben zeigt, ist genau das nicht planbar, nicht programmierbar, nicht vorlernbar.
      Das ist eine Illusion, der sich eine ganz bestimmte Gruppe bildungsbürgerlicher Eltern hingibt – gespeist aus der Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg: wenn man kaum noch höher kommen kann, dann muss man den Status quo wenigstens unbedingt halten – mit allen Mitteln. Das hat etwas Darwinsches.

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  2. Ach herrje, ein sehr treffendes Zitat, liebe Lilo. Ich weiß nicht, wohin das alles noch führen soll, wenn einerseits Kinder schon zur Einschulung soweit getrieben werden, dass sie Lesen können (während andere im selben Alter kein Deutsch können). Was kommt als nächstes? Das kleine 1×1, um ja nicht dümmer dazustehen? Und dann merkt der kleine ABC.Schütze, dass er den Stoff schon kann und schaltet im Unterricht auf Durchzug, oder wie? Und landet dann in der Nachhilfe…

    Ich werd mich mal nach dem Buch umschauen, das scheint mir doch interessant zu sein.

    PS: „Bussi Bär“ hab ich auch ein Heft von gehabt. 😳

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    1. Ein Bussi-Bär-Heft ist ja auch nicht schlimm 😉 , Lucy hat ab einem gewissen Zeitpunkt auch gerne diese Vorschulbeschäftigungshefte bearbeitet, deshalb war für mich das Signal klar, das Kind gehört in die Schule. Aber in den Sommerferien vor der Schule meinem Kind das Lesen und Schreiben beizubringen, damit sie besser als die anderen ist, nein darauf wäre ich nicht gekommen.
      Im Übrigen gibt es tatsächlich schon so Matheaufgaben für ganz Kleine: da hält sich die Schwangere eine Taschenlampe an den Bauch und leuchtet hinein und sagt „1 Licht“ oder „2 Lichter“, wenn sie zweimal leuchtet. Dieser Trend kommt natürlich aus den USA und bleibt hoffentlich auch dort. Sonst wandere ich aus in meinen tiefen Wald und unterrichte Eichhörnchen in Zapfensuche.

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      1. Das beruhigt mich dann doch! 😀
        Aber klar, irgendwann ist man als Kind dann eben bereit für die Herausforderung Schule, weil der Wissensdurst stärker wird. Aber es sollte doch wirklich reichen, in die Schule zu gehen, dort lernt man doch alles, was man braucht. Sich da – noch vor der Einschulung! – verrückt zu machen und das Kind schon mehr oder weniger versteckt auf Leistung zu trimmen, das ist echt daneben.

        Diesen Unsinn aus den USA sollte man am besten gleich wieder zurückschicken, das braucht man echt nicht. Denn letztlich führt es doch zur Zweiklassengesellschaft, in der es eben die Bildungsbürger gibt, die Wissen vermitteln können, und die, die vielleicht eher weniger mit Büchern und Lernen zu tun haben, und deren Kinder geraten dann vielleicht schlimmstenfalls unter die Räder.

        PS: Pass auf, dass du keine grauen Eichhörnchen erwischt, dass sind zugewanderte aus den USA, die werden sicher schon von ihren Eltern darauf getrimmt, Zapfen zu finden. 😉

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  3. Klein Tim’s gab es leider auch zu unserer Kindergarten-/ Grundschulzeit so einige. Ich fand zu den übermotivierten Eltern auch auffällig, dass sich die Erzieherinnen der beiden Kindergärten unseres kleinen Städtchens ein battle untereinander lieferteon,wer die meisten lesenden Kinder einschult. Das setzte damals dem Ganzen noch die Krone auf.

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    1. Um Gottes Willen – da haben die Kindergärtnerinnen mitgemacht?!
      Und unser Kindergarten ist froh, wenn die Kinder bei der Einschulung komplette, grammatisch richtige, deutsche Sätze sagen können, vielleicht auch mit einer Nebensatzkonstruktion…

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  4. Das heißt aber nur, dass ich mein Kind lesefähig zur Schule schicken muss, damit es nicht von Vornherein auf den hinteren Rängen herumkrebst, oder?
    Es heißt auch, dass von Vornherein eine ganz breite Streuung im Leistungsspektrum herrscht: die einen können schon Bücher lesen, die anderen noch nicht das ABC.
    Das heißt auch, dass das, was die Schule verlangt, verfälscht ist durch das, was Eltern durch ihre Vorarbeit schon an Wissen und Können aufbauen?
    Und: man kann Eltern ja nicht hindern, mit ihrem Kind im Vorfeld zu üben, d.h. dieser Effekt wird sich noch verstärken?

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    1. Wir reden hier von einer Grundschule in einer universitär geprägten Großstadt und ja, ich fürchte, dort werden sich die soziokulturellen Aspekte durch solche Tendenzen verstärken. Aber ich kann dich insofern beruhigen: dieses Vorlernen nützt nicht sehr lange etwas. Ich kenne einige Tims und es sind gute Schüler, aber den Vorsprung, den sie hatten, haben die anderen schlauen Kinder recht schnell aufgeholt. Die Tim-Mütter haben natürlich dafür gesorgt, dass ihre Kinder auch sonst gut waren, aber je länger die Kinder zur Schule gingen, desto weniger konnten die Eltern beeinflussen. Und dann hatten auch die anderen schlauen Kinder eine Chance, die keinen Rückhalt im Elternhaus haben.
      Das ist ein Grund, warum ich mir inzwischen sehr genau überlege, welche Leistungen ich wie stark bewerte. Plakate zum Beispiel, die mir Kinder zu Buchvorstellungen zuhause anfertigen, beziehe ich nicht mehr in die Bewertung ein – die sind nämlich häufig von den Eltern erstellt worden – und die Eltern bekommen von mir keine Note, so gerne es manche hätten.

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      1. Das beruhigt mich ein bisschen.
        Übrigens haben Kolleg/Innen von mir genau die Erfahrung gemacht, dass ganze Lesetagebücher und Portfolios weitgehend von den Eltern erstellt werden – bis hin zu Fachsprache, die kein 10-jähriger drauf hat. Jegliches Unrechtsbewußtsein fehlte dann sowohl auf Eltern- als auch auf Kinderseite. 🙂

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        1. Schlimm ist, dass es für die Kinder, die ihre Plakate, Lesetagebücher, … selber gestalten schwierig zu verkraften ist, dass sie maximal eine 3 bekommen können. Die Eltern der Anderen sind einfach besser. Ich habe oft die Sorge, dass begabte Schüler dann aufgeben.

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          1. Ja, so richtig doof, dass es auffällt, stellen sich leider nicht alle Eltern an…
            letztes Jahr hatte ich bei einer mündlichen Prüfung einen 7.-Klasser, der in seiner Vorstellung sagt: „It is my dearest wish to study Business Administration at Oxford and therefore my English needs to be flawless…“ – nee, is klar. Da war wohl der Wunsch der Eltern Vater des TExtes…Den Rest seiner Prüfung sprach er dann darüber, dass er wirklich wirklich wirklich einfach nur gerne ein Popstar wäre, weil E-Gitarren sind cool. Das klang deutlich authentischer…

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  5. Hmm… Jeden Tag ein kleines bisschen damit es noch Spaß macht klingt ja irgendwie logisch. Aber dass es dann im Unterricht trotzdem totlangweilig wird und Klein-Tim schnell die Lust verlieren wird, daran hat die liebe Frau Mama nicht gedacht? Gut, ich habe auch schnell lesen gelernt, aber als ich in die Schule kam, konnte ich noch nicht mehr als meinen Namen (teilweise in Spiegelschrift) schreiben… Und leider kann ich aus eigener Erfahrung sagen, was passiert, wenn man ein Fach super interessant findet und über den Unterricht hinaus arbeitet: Es wird im Unterricht langweilig und deprimierend, weil man nichts neues lernt, der Lehrer nimmt einen so gut wie nie dran, weil man mit seinem Wissen sonst die Unterrichtsplanung zerstört und am Ende findet man das Fach/Thema einfach nicht mehr interessant… Was echt schade ist:( Und das so etwas von Eltern unterstützt wird ist eigentlich nur traurig.

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    1. Genau das ist die Gefahr!
      Unterstützen, Mut machen, Vokabeln abfragen, gemeinsam ein Buch lesen und drüber sprechen, eine gute Kinderzeitung anbieten, Ausflüge machen – ambitionierte Eltern können neben dem Unterricht so viel Gutes tun, um ihr Kind zu fördern, aber bitte nicht vorlernen, das kann die Lust an der Schule nachhaltig stören.

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      1. Demnächst auch in Ihrer Gemeinde, es sei denn der versprochene Klimawandel kommt noch bis November.
        Im Ernst, es kommen allein über Österreich täglich noch ca. 10.000 und teilweise liegt ab Ende Oktober Schnee, erfrieren lassen geht schlecht, private Wohnungen zu beschlagnahmen kommt beim Wähler auch nicht so gut an, also bleiben öffentliche Gebäude.

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