Was Herr Henry mit Frau Freitag zutun hat

Liebe Leser,

kurz vor fünf am Nachmittag schaue ich aus dem Fenster. Über den Schulhof rennt Herr Henry. Vielleicht ist es auch Frau Henriette, aber ich finde, dieses Eichhörnchen sieht irgendwie wie ein Mann aus, wie es so eine Riesennuss locker flockig vor sich her schiebt. Herr Henry hat an diesem Nachmittag mordsmäßig viel zu tun. Walnuss ins Versteck, wieder rüber über den Schulhof, neue Nuss holen, damit ab ins Versteck und so weiter und so weiter. Wer jetzt keine Nuss hat, findet bald keine mehr…

Es ist herrlich, ihm dabei zuzusehen. Und Zeit dafür habe ich, denn die Oberstufe hockt geduldig über einer Aufgabe. Text lesen, wichtige Inhalte herausarbeiten, gegebenenfalls im Lexikon Fachbegriffe und Fremdwörter nachschlagen, Wesentlichen ordnen – keiner murrt, alle benutzen ihre neuen Leuchtmarker, manchmal flüstert einer mit seinem Nachbarn, aber es sind nur kurze Verständigungsfragen. Zum Text. Was will man mehr?!

Auf meinem Nachttisch liegt gerade Frau Freitags Schulerlebnisroman „Voll streng!“, in dem selten Schüler freiwillig und schon gar nicht am Nachmittag in der letzten Stunde vor sich hinarbeiten, sinnvoll vor sich hinarbeiten, und dann auch noch Stifte und Blöcke dabeihaben und nachschlagen, wenn sie was nicht wissen. Frau Freitag arbeitet an einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin und die Schüler heißen Abdul, Ronnie und Fatma. Wenn ich Frau Freitag lese, weiß ich einmal mehr, in welchem Luxus ich hier lebe. Wenn ich sage: „Lest diesen Text und markiert Wesentliches“ und dann zwei Seiten Kleingedrucktes austeile, machen das meine Schüler und es kommt meist dabei etwas raus. Keine Angst, ich gebe nicht nur fiese Kopien aus, aber manchmal schon – wenn sie gut sind oder sehr, sehr wichtig. Und die Schüler sind weder sauer auf mich noch würden sie sich von Henrys Anblick dauerhaft ablenken lassen. Wie er so süß hüpft mit der großen, grünen Nuss zwischen den Vorderpfötchen…

Was Herr Henry mit Frau Freitag zu tun hat?

Nichts.

Und das genieße ich gerade.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu „Was Herr Henry mit Frau Freitag zutun hat“

  1. Ich kann dich gut verstehen. Ich hab auch eine Zeit lang bei Frl. Krise und Frau Freitag – oder wars umgekehrt? Ich komm da immer durcheinander – aber auch bei Frl.Rot gelesen, und das war teilweise sehr erschreckend. Was nicht heißen soll, dass die Kinder alle Taugenichtse wären oder so, aber was da an Energie und Kraft dafür draufgeht, damit überhaupt einmal Unterricht halbwegs stattfinden kann, das ist richtig übel. Wollen wir hoffen, dass die aktuellen Entwicklungen nicht daz führen werden, dass es über kurz oder lang an allen Schul(art)en so sein wird.

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    1. Es ist alles zu meistern, auch schwierige Schüler an Brennpunktschulen. Problematisch ist es, wenn ein Heer von Einzelkämpfern an der Schule vor sich hin arbeitet.
      Bei uns war der Weg so:
      *Leitbild entwickeln, und zwar ausformuliert und gedruckt
      *alle Maßnahmen der Schule müssen zum Leitbild passen
      *Kooperationspartner und Unterstützer im Viertel suchen
      Das ist natürlich der Anfang einer geplanten Schulentwicklung. Da braucht es die Mehrheit im Kollegium dazu und eine Schulleitung, die Visionen hat und nicht nur verwaltet und beurteilt.

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      1. Prinzipiell hast du recht. Und mein Respekt gilt allen Lehrern an Haupt- und Brennpunktschulen, denn das, was sie bzw. ihr leistet, das ist wahre Knochenarbeit und verdient deutlich mehr Anerkennung, als euch zuteil wird.

        Aber irgendwann stößt auch das beste Kollegium an seine Grenzen. Schüler müssen sich nämlich auch helfen lassen (wollen). Und da momentan Lehrer mehr und mehr leisten müssen inklusive Dingen, die mit dem Lehren an sich nichts mehr zu tun haben, wird das auch schwieriger. Und ich habe den Eindruck, als ob das Bildungssystem, so wie es war, mehr und mehr an seine Grenzen getrieben wird, ganz bewusst, bis es irgendwann zusammenbricht.

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  2. Liebe Frau Henner,
    ich lese sehr gerne deinen Blog. So als Grundschultante an einer „Brennpunktschule“. Alles ganz anders. Wobei ich es bei uns gar nicht so schlimm finde. Wir sind aber auch im Wandel und mischen uns etwas mehr durch (Profile können helfen 😉 ). Die auffälligen Schüler, ja die sind sehr anstrengend, aber noch kann ich immer den guten Kern sehen (das würde mir in älteren Klassen wahrscheinlich schwerer fallen- Pubertät und so). Die Gewalt die untereinander teilweise herrscht, die macht mir zu schaffen und das Gefühl, dass man manchmal gegen WIndmühlen arbeitet. Gelegentlich wünsche ich mir einen ELternführerschein…
    Vielleicht sollte ich in ein paar Jahren auch in die Provinz. Meine Ref- Schule war gutes Mittelmaß. Arztkinder und Arbeiterkinder. Und Inklusion. Noch machts aber Spaß und ich habe die Hoffnung Senfkörner unter die Leute zu bringen. Vielleicht sprießt es ja irgendwo?
    Ich freue mich schon auf deine weiteren Berichte dieses Schuljahr. Und so ein Mr. Henry, den gibts bei uns auch 🙂
    Viele Grüße aus der Stadt
    Jule

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  3. Auch ich unterrichte eine Chantal und einen Kevin und eine Aylin und einen Mehmmet, die Schüler sind hier jedoch zum Glück in dörfliche Strukturen eingebunden und die Eltern erscheinen meist beim Elternabend. Wenn Frau Freitag erzählt, dass sie in einer Abschlussklasse beim Elternabend mit einer Mutter allein dasitzt und dass die Schüler noch eine Woche vor der Prüfung keinen Plan haben und nicht mal einen Kugelschreiber dabei, dann verstehe ich die Entmutigung, das Zweifeln, den Ärger.
    Ich habe Respekt vor den Lehrern, die dann Strukturen schaffen, um trotzdem möglichst viele junge Menschen zu erreichen. Ich frage mich manches Mal, woher ihr die Kraft nehmt.
    Wenn ein Kollegium dann gemeinsam etwas angeht, dann ist das sicher ein erster Schritt. Leider erfährt man bei Frau Freitag nie, wie die Schule, an der sie unterrichtet, als Gesamtgefüge (nicht) funktioniert.

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