Zettelwirtschaft

Liebe Leser,

am Wochenende muss ich keine Zeit mit Unterrichstvorbereitung vertrödeln, was ich vor zwei Wochen geplant habe, reicht mir immer noch in die nächste Woche. Ich möchte zwar gerne unterrichten, wirklich. Ich möchte gerne bei den Fünfern reinkommen und mit dem Stoff anfangen. Ich habe so viele schöne Ideen! Aber ich komme nicht dazu und es liegt nicht an den Kindern. Naja, nur zum Teil. Natürlich verbringe ich fünf bis zehn Minuten damit, sie an ihre Plätze zu scheuchen, seltsame Fragen zu beantworten, längst überfälliges Geld einzusammeln. Aber hey – es ist erst zweite Schulwoche vorbei und im Großen und Ganzen sind die neuen Fünfer recht verständig, außer das mit dem Duzen, das kapieren sie einfach nicht.

Ich komme nicht zum Unterrichten, weil ich ständig Zettel austeilen muss, die ich dann noch erklären muss. Da reicht das einfache Vorlesen nicht, es kommen immer Fragen – zum Teil auch berechtigte. Ja, ihr könnt den einen Euro gleich mitbringen. Wenn’s geht, passend. Wie, du weißt eure Telefonnummer nicht? Ach, deine Mutter weiß sie nicht – könnte sie bitte noch einmal nachgucken, das ist wichtig, falls dir etwas passiert. Das könnt nicht ihr entscheiden, das machen eure Eltern für euch. Nein, im Computerraum darf man wirklich nicht trinken. Wenn du den Bibliotheksausweis verlierst, meldest du dich bei Frau Häuptchen, genau so, wie es gerade eben erklärt habe. Wie, du hast keinen Zettel mehr – dann muss ich dir den noch einmal kopieren. Das Schreiben zum Elternabend hast du schon erhalten, ich habe hier den Rücklaufabschnitt, ach, deine Eltern wissen nicht mehr, wann? Reicht es, wenn du dir ins Hausaufgabenheft 20 Uhr einträgst? Ja, du solltest dein Hausaufgabenheft jeden Tag mitbringen. Warum?

Dann müssen die Kinder zu dem Zettel noch informiert werden. Abgabe noch diese Woche bitte mit Unterschrift der Eltern! Und dann renne ich den Zetteln wieder hinterher. Meist noch mit Rücklaufliste zum Abhaken. An der deutschen Zettelwirtschaft ist wohl schon so mancher Baum gestorben.

Aber vielleicht sollen auch unsere Schüler einfach besser im Ausfüllen von Formularen werden? Wen interessieren schon Kurzgeschichten und die Rechtschreibung? Was wären wir ohne Elternbrief, Elternabendeinladung, Bibliotheksordnung, Computerraumnutzungsanweisung, Informations zum nächsten Testverfahren, Telefonlisten, Religionszugehörigkeitslisten, An- und Abmeldungen, AG-Betreuungslisten, Hausaufgabenbetreuungsanträgen, neuen Busfahrkartenanträgen, Schülerversicherungen, Zustimmungen zur Bildveröffentlichen auf der Homepage, Wandertagsinformationen u.a. … es sind ja erst zwei Wochen Schule.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu „Zettelwirtschaft“

  1. Ohje. Deckt sich mit meinen Hospitationsstunden der letzten beiden Wochen (wieso stehe ich um 5 Uhr auf, um mir dann erst mal 2 Stunden lang Organisatorisches reinzuziehen?! *schnief*), und bei uns steht auch noch Schullandheim an. Da kannst du dir ja vorstellen, was das für ein Act ist. 😉 („Und dürfen wir auch einen Wecker mitbringen? Und wann müssen wir immer so aufstehen? Und jetzt echt kein Handy? Auch keinen MP3-Player? … Aber Radio ist ok? Auch nicht? Und mussten Sie schon mal mit einem Kind ins Krankenhaus? Und haben Sie schon mal die Polizei gerufen? Und haben wir da auch Freizeit? Wann müssen wir denn ins Bett? Brauchen wir auch Wanderschuhe? Gehen auch Turnschuhe? …“)

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    1. Nächste Woche – ich habe es mir ganz fest vorgenommen – nächste Woche geht es los. Dann kommen nämlich bald die vielen Fortbildungen zum neuen Bildungsplan und dann ist auch kein regelmäßiges Unterrichten möglich 😉

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      1. Ach, der neue Bildungsplan, sitmmt ja! Immerhin habt ihr am Gymnasium dann nicht noch ein neues Fach, wie hieß das doch gleich? Glück war es nicht, aber irgendsowas in Richtung Wirtschaft oder Konsum… *seufz*

        Viel Spaß auf den Fortbildungen, die hoffentlich etwas bringen werden – und ruhig berichten, wie es war! 🙂

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  2. Kommt mir alles sehr bekannt vor 😉 Viele dieser Sachen könnte man mittlerweile so schön entzerren und direkt an die Eltern übergeben, wenn man das digital machen würde. Aber bei uns besteht der Chef auch nach wie vor auf das gedruckte Wort. Und zu Jahresbeginn gibt’s davon jede Menge.

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    1. Ich glaube auch, dass viele Eltern digital dem noch nicht gewachsen sind, das ist halt was anderes als whatsappen… aber die Kinder sind eindeutig der Zettelwirtschaft noch nicht gewachsen… und ich als Klassenlehrer auch nicht!

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  3. … und trotz der Zettelflut fühle ich mich als frischgebackene Sextanermama erschreckend uninformiert.
    – Vertretungsplan: Was ist das? Muss mich das interessieren? Wir kennen bislang nur verlässliche Grundschule. Und überhautpt, wieso fällt Unterricht aus?
    – Essensbestellung in der Mensa: wird das je klappen?
    – Nachmittagsbetruung und Nachmittagsunterricht: Wie passt das im Tagesplan zusammen?
    – Klassenfahrt noch vor den Herbstferein: Warum will noch niemand Geld von mir, die Fahrt findet schon in drei Wochen statt?
    Bis zum ersten Elternabend muss man den Beteiligten wohl fairerweise Zeit geben. Und das Kind hat die organisatorischen Anforderungen (unterschiedliche Lehrkräfte / Fächer / Schulstandorte) erstaunlich gut im Griff. Insofern gehe ich davon aus, dass die Schule sich schon melden wird, wenn sie von mir etwas erwartet.

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    1. Das glaube ich sofort!
      In einer Schule gibt es so viele Kleinigkeiten, die sich aber in wenigen Wochen eingespielt haben, die kann man gar nicht alle befriedigend erklären, das muss sich einspielen. Alle wissen, wie es geht, nur die Fünfer sind total ahnungslos – und für sie ist es tatsächlich oft zu viel. Ich kann mir vorstellen, dass da auch manchmal Fehlinformationen zuhause ankommen. Fünfer sind so aufgeregt und verstehen dann auch mal was falsch. Zum Glück wird alles nicht so heiß gegessen und bei euch scheint es ja recht gut zu funktionieren.
      Glückwunsch!

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