Wenn Frau von Ostrach etwas sagt, schweigen die Krümel

Liebe Leser,

Tischgesellschaften im Lehrerzimmer sind organisch gewachsen. Wenn ein Kollege geht, dann kann sich ein neuer dahin setzen. Besonders beliebt für Veränderungswillige sind Elternzeiten, weil man dann mitten im Jahr seinen Platz wechseln kann, wenn man an seinem Tisch nicht glücklich wird. Aber nur ganz selten setzen sich Kollegen demonstrativ fort oder veranstalten sogar einen Ringtausch mit einem ebenso unzufriedenen Kollegen. Ich habe immer noch die gleiche Perspektive auf die Kollegen, aber unser Tisch hat sich im Laufe der Jahre verändert. Und ich bleibe hier sitzen, auch wenn Frau von Ostrach manchmal sehr anstrengend ist.

Sie kann charmant sein, mütterlich und herzlich. Und mit ebensolcher Emphase klagt sie über alle, die es nicht so gut wissen wie sie selbst – also den Rest. Frau von Ostrach ist der Kuchen und wir sind die Krümel. Wenn man ihr allerdings das Gefühl gibt, das zu akzeptieren, kann man an einem Tisch mit ihr sitzen. Dann tut sie sogar so, als setze sie sich mit uns auf eine Augenhöhe. Die Schule – das reinste Theater.

Nun hat Frau von Ostrach meine Klasse in Deutsch übernommen. Diese netten, aber übersensiblen, chaotischen, kreativen Sechser vom letzten Jahr, die mir immer noch im Schulhaus entgegenwinken, als wären sie die neuen Fünfer. Fachlich lasse ich auf Frau von Ostrach nicht viel kommen, der Übergang von meinen Anforderungen zu ihren kann sozusagen nahtlos vonstatten gehen. Vermute ich.

Heute sitzt Frau von Ostrach am Tisch und schwärmt von dieser Klasse: „Was die schon alles können, wie die erzählen können, also da sind schon ein paar kluge Köpfe dabei…“

Ich lächelte, ja, ich kann sofort ein paar Namen aufzählen, aber das wird Frau von Ostrach gleich für mich machen.

„… Also zum Beispiel der Bernhard und der Justus, wie die beiden heute über ihre Lieblingsbücher gesprochen haben!“

Moment: Bernhard und Justus – beide mit einem gerade noch so Befriedigend?

Auch der Mathelehrer am Tisch blickt irritiert auf. Er ist neu hier in der Lehrerzimmerecke und wagt es, Frau von Ostrach zu widersprechen: „Hab ich die Namen jetzt richtig verstanden, also das wundert mich…“

Ich falle dem Mathelehrer schnell ins Wort: „Naja, die Erfahrung kann Frau von Ostrach ja selbst machen und überhaupt, vielleicht haben sich die Jungs über die Ferien auch wahnsinnig entwickelt. Zuzutrauen wäre es ihnen.“

Der Mathelehrer lächelt zurück und nickt. Er hat verstanden. Beide Jungs sind sehr extrovertiert und big charming. Nach dem ersten Aufsatz werden wir schon erfahren, ob sie sich auch im Schriftlichen endlich auf gymnasialem Niveau befinden. Frau von Ostrach wird uns sicher stolz oder entsetzt, aber auf alle Fälle mit viel nach außen getragenem Gefühl davon berichten.

Ich wünsche ihnen einen großen Sprung. Wie gesagt, es sind beides sehr liebenswerte Jungs. Schade nur, dass Frau von Ostrach Maximilian, Hannah und Lea nicht erwähnt, meine Lichtblicke, wenn es wirklich kompliziert wurde. So unterschiedlich ist es im Leben. Alles bleibt im Fluss.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu „Wenn Frau von Ostrach etwas sagt, schweigen die Krümel“

  1. Achja, ich finde die Dynamiken im Lehrerzimmer auch immer ganz spannend. Die Dame klingt aber wirklich etwas anstrengend – du Arme! 😉

    P.S., das nichts mit dem Artikel zu tun hat, nur, weil mir das hier jetzt gerade aufgefallen ist: Wird ‚extrovertiert‘ eigentlich (inzwischen?) als korrekt anerkannt? Ich bin dahingehend ein bisschen dolle geschädigt worden, von einer sehr strengen Dame, ihres Zeichens Latein- und Deutschlehrerin: „KINDER, auch, wenn alle Welt extrooovertiert sagt, auch die Zeitungsfritzen und die Moderatoren im Fernsehen, es heißt extraaaavertiert. Introooo und extraaa, Kinder, extrooo kennt das Lateinische nicht. Dass ihr mir das niemals anders schreibt, ich kriege da einen Anfall ohnegleichen, sag ich euch!“ … Öhm, ja. Tatsächlich habe ich aber nicht nur bei den „Zeitungsfritzen“, sondern auch bei einigen Germanisten (und jetzt eben auch bei dir 😉 ) die populäre Version ‚extrovertiert‘ gelesen, daher die ganz ehrlich gemeinte Frage. Im Übrigen ist das sowas, wobei man sich immer dämlich vorkommt, wenn man das eigentlich Richtig(er)e (in dem Fall extravertiert) sagt. Ein bisschen so, wie wenn man im Mündlichen noch „wegen + Genitiv“ statt Dativ verwendet… *Germanisten-Fragenexkurs-Ende*

    (P.P.S.: Ich hoffe, ich habe die Bezüge zum Lateinischen richtig hergestellt, ansonsten darf Herr Mess mich gerne korrigieren 😉 )

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  2. Sind die Umzugsaktionen bei dir am Tisch vor allem der Frau von und zu geschuldet? Die könnte auch mal umdenken, warum so viele Leute bei ihr in der Umgebung den Platz wechseln. Aber die Leute mit einem Riesenego merken sowas wohl nie…

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    1. Ein Riesenego ja, aber deswegen ist dort noch niemand umgezogen, denn sie hat auch ein Riesenherz und ein Riesenmitteilungsbedürfnis: diese Ecke am Tisch ist eher von der unterhaltsamen Sorte, wenn man sich nicht emotional involvieren lässt – das habe ich nach und nach gelernt und kann dort ohne größere Schäden gut sitzen. Da gibt es ganz andere Tische im Lehrerzimmer…

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