Lernstand 2015

Liebe Leser,

es ist vollbracht! Vielleicht kann ich jetzt endlich mit dem Unterrichten anfangen?

Nachdem ein Schüler in der Grundschule schon mit VERA Bekanntschaft geschlossen hat, wird er nun gleich zu Beginn an der weiterführenden Schule mit Lernstand konfrontiert, einem Test der mathematischen Grundfertigkeiten abfragt und die Lesefähigkeit überprüft. Das ist das gleiche Prinzip wie die früheren Vergleichsarbeiten, die gerade abgeschafft wurden.  Eine neue Kuh wird also wieder mal durchs Dorf getrieben, aber ich gebe zu, diesmal hat sich das Ministerium ein paar mehr Gedanken gemacht. Es gibt positive Aspekte.

Der Test soll es mir als Lehrer ermöglichen, die Entwicklungsstufen des Leseverständnisses bei jedem einzelnen Kind zu diagnostizieren, um – und das ist hier das Entscheidende – die Kinder dann gezielt fördern zu können. Diesen Gedanken hört man allerorten und er ist nachvollziehbar.

Nach den ersten Stunden mit Elif, dachte ich auch: „Oh Mann, was will das Mädchen hier? Sie schreibt schlecht, sie liest schlecht. Hoffentlich ist sie in Mathe gut?“ Dann habe ich mich pädagogisch verhalten und gedacht: „Nee, Frau Henner, jetzt sieh das mal als Chance – die förderst sie jetzt, so gut du das kannst, und vielleicht entwickelt sich das Mädchen. Wenn nicht, dann hast du wenigstens dein Möglichstes getan.“ Nach diesem Gedanken habe ich mich wirklich gut gefühlt.

Lernstand soll uns nun zu einer genaueren Diagnostik verhelfen UND dann gezielt Fördermaterial zur Verfügung stellen. Ich kann also Elifs Lesegeschwindigkeit untersuchen und sie dann mit den anderen Kindern aus der Klasse vergleichen – oder den gesamten Jahrgang hinzuziehen. Und ich kann feststellen, ob Hendrik tatsächlich verpeilt ist oder es nur den Anschein erweckt, weil er immer ungekämmt ist und extrem verwuschelt in die Schule kommt. Ich habe eine Basis, auf der ich die Kinder für die verschiedenen Förderprogramme unserer Schule auswählen kann. Und wenn Vladimirs Eltern in die Sprechstunde kommen, kann ich dann noch viel präziser mitteilen, was sie mit ihm üben können, wenn sie denn wollen. Ich kann Angebote machen, das ist schon mal was.

Nur hat das Ministerium versäumt, das ganze so positiv darzustellen.

Im Gegenteil, so, wie es jetzt gelaufen ist, zieht man einen Beamten nicht auf seine Seite. Wir wurden informiert, wie und wann wir Lernstand durchzuführen haben. Alle Unterlagen sind aus dem Netz herunterzuladen. Es handelt sich pro Schüler um 16 Seiten, die kopiert und in zwei verschiedenen Stapeln zu tackern sind. Nur für Deutsch. Wisst ihr, wie lange es dauert, wenn man achtundzwanzig Mal 16 Blätter kopiert, zur Kontrolle abzählt und in zwei Stapeln tackert? Dann müssen die Eltern informiert werden und die Kinder beruhigt. Kaum sind sie am Gymnasium und sowieso von der Größe und Fremdheit überfordert, werden sie ständig getestet. Meine Fünfer haben sich große Sorgen gemacht. Ich glaube, einige Kinder befürchten, dass die Lehrer jetzt sofort merken, dass sie nicht zu den Besten gehört haben. Soviel zur neuen Chance. Die Fünfer werden nicht mehr als unbeschriebene Blätter kommen.

Und nun muss ich die 16 Seiten pro Schüler auswerten, dann in eine Computermatrix eingeben, um die Ergebnisse zu erhalten, und dann wieder die Eltern informieren, mit den Schülern sprechen, mit den Kollegen das Ergebnis diskutieren. Und das, obwohl ich eigentlich endlich mit meinem Unterricht anfangen wollte.

Merkt ihr was? Ja, es ist ein guter Gedanke und ich lehne ihn nicht ab, aber das Organisatorische vergällt einem die Freude. Da es sowieso größtenteils Multiple-Choice-Fragen waren, warum hat man nicht ein Programm dafür entwickelt und die Kinder mit ausreichend Zeit vor den Computer gesetzt und die Häkchen setzen lassen? – das muss doch möglich sein. Nein, wegen Lernstand 2015 wird der halbe Wald von Baden-Württemberg abgeholzt…

Und nun genug gemeckert, jetzt muss ich korrigieren! Und dann guck‘ ich mir das Fördermaterial an, ich bin gespannt, ob es mir meine Arbeit erleichtert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu “Lernstand 2015”

  1. Dieses Martyrium haben wir auch jedes Jahr in Bayern mit Jahrgangsstufentests. Kiloweise Papier, das gestapelt und getackert aufschlägt und ausgewertet werden darf. Matrixeingaben, Rückmeldebogen ans Ministerium, bei Krankheitsfall müssen wir selber einen eigenen Nachholtest erstellen. Vielen Dank. Immerhin bekommen wir die Unterlagen schon kopiert. Ist schon mal was 😉 Aber wirklich heiß begehrt ist dieser Test ebenso wenig wie bei euch.

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  2. Ja, ja, das Bildungsministerium. Wenn ich das so lese, schaudert es mich. Ob mal je einer dieser Beamten darüber nachgedacht hat, was es in einem 10/11 jährigen Kind auslöst, wenn es mit solch einem Batzen Zetteln überhäuft wird und man ihm auch noch mitteilen muss, es wird getestet? Sicher nicht.

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  3. Tja, wenn man bedenkt, was da alles an Zeit dafür draufgeht, zu erheben, wo welches Kind Defizite hat. Anstatt von vornherein mehr Grundschullehrer einzustellen, damit die Klassen kleiner werden und jeder Viertklässler anständig lesen, schreiben und rechnen kann. Anstatt, dass man dafür sorgt, dass nicht jeder auf Schule XYZ gehen kann, bloß, weil dort die Zimmer so schön und die Schüler so nett sind. Anstatt, dass man daüfr sorgt, dass die Hauptschulen aufgewertet und solide von Psychologen, Sozialarbeitern und co. begleitet werden, damit sie endlich wieder aufgewertet werden.
    Kein Vorwurf an die Lehrer, die all das ausbaden müssen. Im Gegenteil, ihr habt meinen Respekt!

    Taugt denn wenigstens das Fördermaterial, oder bietet das nur die Anleitung, wie du dir selbst Material erstellst? Das würde mich nämlich nicht mal wundern.

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