Warum ich mich schäme

Liebe Leser,

letztes Wochenende wollte ich einen Blogbeitrag zum 3. Oktober verfassen. Auch ich habe von der Wiedervereinigung profitiert, in dem ich viele interessante Orte und freundliche Menschen kennengelernt habe. Dieses Jahr – ein Vierteljahrhundert nach der Vereinigung zweier Staaten, die zwar gemeinsame Wurzeln, aber eben auch eine unterschiedliche Entwicklung durchlaufen haben – erschien mir durch die Bilder der Flüchtlinge, die in unserem Land Zuflucht vor so vielem suchen, dieses Datum ein ganz besonders aufgeladenes zu sein. Ich erinnere mich vage, als Kind Bilder aus der Prager Botschaft gesehen zu haben, Menschen die in fast weiß ausgewaschenen Jeans und farbigen Bundpullovern über den hohen Zaun klettern. Reisetaschen, Müll und Glückstaumel.

Doch die Tagespolitik hat mir die Freude vergällt. Seit einiger Zeit telefoniere ich wöchentlich mit meiner Freundin Nancy aus Ostdeutschland. Sie wohnt am Rand einer Großstadt und auf ihrer Straße versammeln sich regelmäßig Pegida-Anhänger und die noch braunere Soße. Sie tragen kurz geschorene Haare und Plakate, die ich in unserem Land nicht für möglich gehalten habe – nicht mehr. Mit ihren Parolen reißen sie die Anwohner mit. Oder die Bürger schweigen. Nancy sagt, sie habe einfach Angst.

Angst vor den Leuten auf ihrer Straße.

Angst davor, dass diese Leute das Flüchtlingsheim daneben anzünden.

Aber auch Angst vor der Zukunft, wenn es in der Flüchtlingsunterkunft immer mehr werden.

Angst vor Gewalt, vor Elend, vor dem Fremden.

Fünfundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung reden wir über Lichtenhagen, als wäre es gestern gewesen, als könnte es morgen wieder geschehen. Ich habe keine Lösung. Ich verstehe die Probleme. Ich bin nicht naiv und weiß sehr wohl, dass man mit einem gebackenen Kuchen noch nicht die Welt rettet. Aber was dort vor Nancys Haustüre geschieht, das macht mich fassungslos.

Und ich schäme mich – dass wir Menschen so sind.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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31 Kommentare zu „Warum ich mich schäme“

      1. Du bist für die Aktionen anderer nicht verantwortlich, also kannst du dich nicht ernsthaft dafür schämen. Du kannst sie höchstens verachten. Genau das wird durch das Wort „Fremdschämen“ auch ausgedrückt – nur in eine dicke Schicht Selbstgefälligkeit und Hochmut gehüllt. Fremdschämen bedeutet eigentlich nur: „Gott sei Dank, ich bin nicht so“.

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        1. Da widerspreche ich. Ich empfinde Scham häufig sogar, wenn in einem Film jemand etwas ganz Dummes oder Peinliches tut. Das hat gar nichts mit Verachtung zu tun. Vielleicht eher mit Spiegelneuronen.

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          1. Mag sein. Ich will keineswegs absprechen, dass es ungute Gefühle erzeugt, wenn man mitbekommt, wie andere Dinge wie die o.e. tun. Ich möchte nur hinzufügen: Scham ist für mich etwas völlig anderes. Jeder Mensch dürfte bei eingehender Selbstreflexion genügend Gründe haben, sich für sich selbst zu schämen – sich für andere zu schämen hingegen ist das Leichteste auf der Welt und angenehmerweise ganz ohne persönliche Konsequenzen.

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            1. Fremdschämen ist in keinster Weise angenehm – und es ist leider ohne Konsequenzen, weil man sich obendrein noch hilflos fühlt, denn der andere handelt und man selbst steht ziemlich machtlos daneben.

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              1. Eben darum geht es: man ist machtlos und kann daher keine Verantwortung übernehmen. Die sogenannte Scham hat also bestenfalls mit Spiegelneuronen zu tun, nicht mit Nachdenken. Sinnvoller und ehrlicher wäre es wohl, bei sich selbst Fehler zu suchen, für die man sich schämen und die man tatsächlich ändern kann. Dazu braucht es im Gegensatz zur „Fremdscham“ Selbstreflexion und viel Ehrlichkeit sich selbst gegenüber – leider nicht jedem gegeben.

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  1. Ich verstehe dein Gefühl, und ich teile es ein Stück weit auch. Der braune Mob ist das Allerletzte.
    Leider wird auf Seiten der Politik zu wenig bis nichts getan, um denen das Wasser abzugraben, im Gegenteil, je mehr man sich mit der Situation befasst, desto mehr kommt man zum Schluss, dass die Planlosigkeit nur einen Nutznießer haben wird. Und das sind die Braunen.

    Wollen wir hoffen, dass sich das Deutschland 2017 nicht zu sehr von dem 2015 unterscheidet, allein, ich glaube nicht daran. Wenn es so weitergeht, seh ich wahrlich braun.

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      1. Stimmt. Nur: Was soll die Polizei machen? Ich denke, wenn sie eingreift, wird es noch weiter eskalieren (nichteingreifen ist aber auch keine Lösung), und da sie bereits mit den Flüchtlingsheimen überlastet ist, möchte man da vielleicht nicht noch mehr aufladen?
        Ich denke, dass eine besonnene, klare Politik den Rechten das Wasser abgraben würde. Eine klare Linie, wie es weitergehen soll, und nicht nur leere Phrasen.

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        1. Nancy kann teilweise gar nicht mehr bis nach Hause fahren, weil die Pegida die Straße verbarrikadiert – da sollte die Polizei schon eingreifen. Macht sie auch inzwischen, aber sehr zurückhaltend. Das erweckt nach außen den Eindruck von dem berühmten rechten, blinden Auge (selbst wenn es nur um Deeskalation geht).
          Handeln ist schwierig, nicht Handeln ebenso…

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          1. Puuh, ja, da sollte die Polizei schon eingreifen, um wenigstens das zu ermöglichen.
            Ich seh es wie du, die Situation ist sehr haarig und verfahren, und jedes Verhalten der Polizei kann und wird zu negativen Schlagzeilen führen.

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              1. Ja, das ist das eine. Auf der anderen Seite ist das Schweigen auch gefährlich, das Wort „Lügenpresse“ ist schnell auf den Lippen, wenn Dinge verheimlicht werden. DieSituation ist einfach unglaublich verfahren – und gefährlich.

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  2. Ich möchte nicht mit Nancy tauschen.
    Ich glaube aber, dass es zu schaffen ist.
    1956 kamen 600000 Ungarn binnen kürzester Zeit nach Deutschland, 10 Jahre vorher hatte Deutschland mit Millionen Flüchtlingen des 2. Weltkriegs (ja, auch ein Krieg) zu kämpfen.
    Was jetzt allerdings neu dazu kommt, ist, die vielen Menschen zu integrieren, die aus anderen Kulturen/Zusammenhängen kommen.

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    1. Der immerwährende Vergleich der Vertriebenen (keine Flüchtlinge) von 1945 mit den jetzigen Migranten zeigt entweder Ahnungslosigkeit oder bewußte Irreführung.

      Die von 1945 waren Deutsche, die zwangsweise aus Ihren Gebieten in das verbleibende Deutschland vertrieben wurden. Es handelte sich in erster Linie um Frauen oder eben Männer, die außerhalb des wehrfähigen Alters waren. Weiterhin handelt es sich um Deutsche, die teilweise nur in einen anderen Stadtteil mussten (Frankfurt/Oder), somit gab es vergleichsweise sehr wenig kulturelle Differenzen. Ebenso war die Gesamtsituation eine ganz andere, der Krieg, der die Vertreibung verursacht hatte, war gemeinsam begonnen und verloren worden.
      Diese Gemeinsamkeiten galten natürlich auch für Flüchtlinge aus der SBZ in die westlichen Zonen.
      Die Unterbringung der Vertriebenen erfolgte (musste erfolgen) durch Zwangseinquartierungen in extrem schlechte, beengte Verhältnisse.

      Die jetzigen Migranten kommen alle über sichere Drittländer und sind freiwillig hier, die kulturellen Differenzen sind teilweise prohibitiv hoch. Außerdem ist die potentielle Anzahl um einiges höher, wenn der Maßstab der jetzt Anwesenden weltweit angelegt wird, dann reden wir von einer anderen 10er Potenz. Weiterhin muss man das nicht im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sehen, sondern zu den entsprechenden Alterskohorten und dann werden die Zahlen schnell erschreckend.

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      1. @rhadamanthys
        Oh nein.
        Die Ungarn waren Ungarn.
        Die deutschstämmigen Flüchtlinge aus Osteuropa sprachen zwar deutsche Dialekte, gruppierten sich aber in der BRD eigenen Gemeinschaften, die zum Teil bis heute bestehen.
        Und die vielen Hunderttausende, die mit dem 3. Reich kooperiert hatten und vor ihren Staaten nach Westen flohen (oder auch gleich im Westen blieben), die waren wohl auch keine Deutschen.
        Und wenn dem auch so wäre, wie Sie sagen, bliebe immer noch das Problem der Unterbringung, der Qualifizierung, der Anerkennung von Abschlüssen.

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        1. 1945 waren die große Masse Deutsche aus Gebieten, die vorher Deutschland waren. Die Volksdeutschen waren ebenso Deutsche. Die Gemeinschaften waren keineswegs Parallelgesellschaften, sondern eher landsmannschaftliche Vereine.
          Zu den Ungarn, das war sicher schwierig, die waren aber bis auf die Sprache ziemlich kompatibel. Im übrigen wurde auch damals versucht auszuwählen.http://m.spiegel.de/spiegel/print/d-31882329.html

          Von den ca 200.000 hat Österreich die meisten sehr rasch weitergeleitet. Auch war die Zusamensetzung anders, da kamen nicht nur die Quartiermacher.

          Der Vergleich hinkt nicht, der ist beinlos.

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    2. Momentan denke ich noch gar nicht ans Integrieren, wenn man um das Wohl der Flüchtlinge dort fürchten muss. Eben habe ich die Kommentare einer Internetseite zu dieser Flüchtlingsunterkunft im Internet gelesen. Mir ist schlecht.

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  3. Ich kann Vieles nachempfinden, was ihre Freundin ängstigt. Aber ihrem Satz, werte Frau Henner, möchte ich energisch widersprechen:
    „Und ich schäme mich – dass wir Menschen so sind.“
    Wer ist in diesem Fall WIR? Ich bin es nicht, Sie sind es nicht, ihre Freundin ist es nicht und ich unterstelle mal, die Leser ihres Blogs auch nicht. Was habe ich mit dem Rassistenpack außer der zufälligen Nationalität gemeinsam? Nichts! Und deshalb schäme ich mich nicht für diese Leute, sondern bekämpfe sie politisch.

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    1. Natürlich sind nicht alle Menschen so – aber es sind erschreckend viele, wenn die „falsche“ Stimmung aufkommt. Es ist nicht nur die Pegida, die dort verantwortlich. Es beginnt zu eskalieren, weil die Anwohner BEIFALL klatschen – normale Menschen, nette Menschen. HUNDERTE inzwischen.
      Und dann die Kommentare im Netz – aus ganz Deutschland – verbaler Applaus und braune Volksverachtung. Und viele, die dort schreiben, sind auch normale, nette Menschen. Es sind nicht wenige.

      Und wie kann ich dagegen ankämpfen – ganz konkret? Ich wüsste es gerne. Auch hier wird diskutiert, aber es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, dass wir denen, die jetzt hier sind, irgendwie über den Winter helfen müssen. Momentan braucht man nicht mal meine Hilfe, weil sich schon viele kümmern, aber man könne ja auf mich zukommen…

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        1. Fremdschämen ändert nichts – ist aber als Gefühl einfach nicht wegzubekommen. (Bin halt ein ziemlich gefühlsvoller Mensch…) Aber ich merke, wie ich nicht einmal mehr Nancy ganz erreichen kann. Sie sagt dann, ich solle nicht aus der Ferne urteilen, dabei gibt es auch in Baden-Württemberg vergleichbare Flüchtlingsunterkünfte mit ähnlichen Strukturen – und die Menschen reagieren anders.

          Mir fällt auf, dass die seriöse Tagespresse einige Vorkommnisse (wie die in Nancys Stadtteil) gerade unter der Decke hält. Natürlich, es soll keine Nachahmer finden. Keiner soll an den Pranger gestellt werden. Niemand will die Stimmung noch weiter aufheizen. Aber das Schweigen ist auf der anderen Seite auch der Nährboden für Gerüchte. Wenn ich nicht im Netz die Handyvideos gesehen hätte, würde ich nicht glauben, was dort los ist.

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  4. Und das ist der Grund, warum wir Lehrer sein müssen! Lebt Vielfalt vor! Zeigt offen Interesse für anderes! Jede Klasse bei uns bringt neue Nationalitäten in die Schule. Wir haben Italiener, Franzosen, Griechen, Vietnamesen, Japaner, Türken. Als Fremdsprachenlehrer baue ich regelmäßig Sprachfetzen aus anderen Kulturen ein. Ich wechsle mit den italienischen, französischen oder englischen Schülern auf dem Gang gerne mal das eine oder andere Wort in der Fremdsprache oder lasse mir was Neues erklären. Wenn wir als Lehrer nicht der Jugend beweisen können, wie bereichernd so eine Vielfalt sein kann, wer soll es denn dann?

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    1. Stell dir vor, es haben sich schon Eltern beschwert, weil Lehrer mit ihren Schülern über die Flüchtlingsproblematik gesprochen haben!
      Mit meinen Fünfern, die auch Wurzeln überall auf der Welt haben, habe ich das Thema noch nicht angeschnitten. Mir fehlt da noch der richtige Aufhänger – es soll ja auch nicht zu pädagogisch aufgepropft wirken.

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      1. Ernsthaft!? Das ist wahnsinnig traurig. Wozu den Kindern Scheuklappen vor der Realität anerziehen? Je früher man über die Problematik aufklärt, umso besser. Stammtischparolen, die alles verdrehen, hören sie früh genug… 😦

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        1. Die Eltern fürchten, wir könnten ihren Kindern eine politische Meinung aufdrängen, und ich glaube, sie fürchten auch, dass die häusliche Meinung dadurch schneller öffentlich wird. Denn die Kinder erzählen ja eins zu eins, was zuhause am Abendtisch gesagt wurde. Und da hört man auch genaus solche Stammtischparolen…

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  5. Interessante Radiosendung. Kam heute früh im Radio. Es geht um Probleme, aber auch um den Versuch, die Situation menschenwürdig zu bewältigen. Und das in einem kleinen, konservativen, schwäbischen Ort!
    [audio src="http://mp3-download.swr.de/swr2/wissen/sendungen/2015/10/swr2wissen-20151006-messstetten-tausende-asylsuchende-als-nachbarn.12844s.mp3" /]

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  6. Ich möchte ein Plakat auf Nancys Straße anbringen. Darauf soll einfach nur stehen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
    Aber die Pegida ist gut organisiert, die patroulieren inzwischen die ganze Nacht dort. Kein Bürger schreibt also ein Plakat oder hängt es raus. Und man entschuldigt sich damit, dass es sowieso sofort wieder abgerissen werden würde.

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