Misslungene Differenzierung

Liebe Leser,

nun habe ich meinem Neigungskurs schon einiges  beigebracht und sehe frohen Mutes dem Abitur entgegen – das wird schon! Es gibt ein paar, die schaffen locker den zweistelligen Bereich, ein paar „Einser“ erwarte ich eigentlich auch und ein paar werden im mittleren Bereich eine solide Leistung ablegen. Jeder, wie er kann, würde ich sagen. Auch meine beiden Sorgenkinder werden schon irgendwie durchkommen.

Nun hat es sich in den letzten Stunden ergeben, dass der Kurs in drei Gruppen arbeitet. Eine Gruppe habe ich zusammengestellt – das sind die Zugpferde, die sollen sich mit dem umfangreichsten Thema beschäftigen. Der Zufall hat die anderen Gruppen in gute und mittelmäßige Schüler geteilt. Das greife ich auf und gebe heute jeder Gruppe eine entsprechende Aufgabe.

Pillepalle, aber sinnvoll fürs Abi den Schwächeren, sie stellen aus vorhandenem Material eine Begriffesammlung zusammen.

Eine gut zu meisternde Aufgabe für die mittlere Gruppe, die in einer mündlichen Präsentation mündet.

Und die mit Herausforderung und Schreiben verbundene Aufgabe für die Blicker.

Ich bin richtig stolz auf meine spontane Idee zur Differenzierung. Jeder macht etwas, das ihn weiterbringt, und die Präsentation am Ende läuft nicht nach dem ewig gleichen Muster ab.

Die mittlere Gruppe wird mein Erfolgsmodell. Sie quatschen die ganze Stunde, fragen sich und mich intelligente Aspekte, diskutieren und notieren sich Wesentliches für eine mündliche Präsentation. Schön.

Bei den schwächeren Schülern ist es totenstill. Wenn ich vorbeigehe und wissen will, ob sie Hilfe brauchen, verneinen sie das. Am Ende erhalte ich die Begriffesammlung – allein, es ist keine sinnvolle Begriffesammlung! Sie waren trotz Material (in dem vom vorigen Jahrgang das Wesentliche sogar schon farbig markiert worden war) nicht in der Lage, den Kern der Aufgabe zu erkennen, geschweige denn sie zu lösen.

Und die starken Schüler? Die diskutieren anfänglich auch, notieren sich Sachverhalte und beginnen dann mit dem Schreiben. Aber sie sind ein wenig sauer: „Sind wir etwa die einzige Gruppe, die das jetzt schriftlich ausformulieren soll?“

Denn Schwachen hat jemand gefehlt, der sie auf den rechten Pfad bringt und auch antreibt, den Starken ging die Erkenntnis ab, dass zur sehr guten Leistung eben auch das Sich-Plagen gehört. Nur die mittlere Gruppe hatte neben dem Lernen auch noch einen gewissen Spaß-Faktor und ging zufrieden aus der Stunde.

Und was lernen wir daraus?

Differenzierung ist schwieriger, als man uns glauben machen will.

Schönes Wochenende und viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu “Misslungene Differenzierung”

  1. Danke für diesen Einblick. Ich finde das auch oft total schwierig, zumal man oft auch sagt, man gibt den leistungsstarken, die sowieso schneller sind, einfach noch zusätzliche (dann vllt auch etwas schwierigere) Aufgaben. Weiß nicht, Förderung ist schön und gut, aber das sieht aus Schülerperspektive eher so aus, dass man fürs Schnell-Sein noch „bestraft“ wird, indem man mehr machen muss. Hmpf. Ich finde das sehr knifflig. Auf jeden Fall eine große Herausforderung!

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    1. Ich seh das wie Tina, oft erlebt man es als Schüler nicht unbedingt positiv, wenn man zusätzliche Aufgaben bekommt, oder eben umfangreichere, auch wenn die einen erst richtig fordern. Das ist keine leichte Aufgabe, die man als Lehrer hier zu bewältigen hat.

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  2. Das Schwierige bei Differenzierung sehe ich darin, dass man den Wettbewerb zwischen den Schülern auflöst. Denn sicherlich aus unserer Nicht-Lerner-Perspektive mag es erstmal ungerecht wirken, dass sich so unterschiedliche Charaktere an den selben Aufgaben abarbeiten sollen und für manche daraus eine demotivierende Erfahrung wird. Ich denke aber, Kinder und Jugendliche sollten durchaus die Erfahrung machen, sich mit ihrer Altersgruppe problemlos vergleichen zu können, was die Bearbeitungsfähigkeit/-geschwindigkeit angeht. Denn nur so können sie feststellen, wo Handlungsbedarf besteht. Entscheidend ist eben, dass man versucht, Misserfolgserlebnisse in Energie zum Weitermachen kanalisiert.

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  3. Vielleicht sollte man nicht leistungsdifferenziert aufteilen, sondern in jede Gruppe Zugpferde stecken. Schüler helfen sich gegenseitig oft sehr viel.
    Aber, Frau Henner, Umgang mit Diversität ist enorm schwierig. Da gibt es wenig Rezepte.

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  4. Das mit den Zugpferden ist so eine Sache. Im Grunde ja, einer, der kapiert hätte, wie es funktioniert, und es wäre in der schwächeren Gruppe sicherlich gelaufen. Auf der anderen Seite war die Aufgabe so leicht, dass ich nicht vermutet hätte, dass man die irgendwie nicht verstehen kann. Kann man aber, das habe ich lernen müssen. Selbst die durchschnittlichen Schüler haben in dieser Gruppe nix hingekriegt, es war eher so eine Dynamik nach unten.
    Jetzt mache ich die Aufgabe selbst, denn morgen muss das Material für alle da sein… vielleicht geht da noch einigen ein Licht auf.

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