Außenseiter

Liebe Leser,

ich hatte es geahnt, dass Rike wenig Freunde hat und auch Franca nicht zu den beliebtesten Kindern gehört. Adam stößt mit seinem Unverständnis, was sich täglich zeigt, auch viele Kinder ungewollt vor den Kopf und Vladimir spielt ganz absichtlich den Underdog und Jan den Klassenclown, was bei kaum einem auf Gegenliebe trifft. Aber warum ist Sven ebenfalls so unbeliebt? Und erst recht die stille Tabea? Und dann gibt es ja noch Elif und Keran und…

Frau Henner hat mal wieder ein Soziogramm angefertigt. Und die Ergebnisse sind frappierend. Nix mit Klassengemeinschaft. Nach sechs Wochen Schule sind meine Fünfer ein Haufen Einzelgänger geblieben. Und sie können ganz klar sagen, wen sie nicht mögen – und das sind viele und das wird auch von vielen bestätigt. Außenseiter über Außenseiter.

Ich frage mich, wie Rike und Vladimir und die anderen Außenseiter überhaupt noch ihre Füße auf den Boden bekommen können. Denn wie bei diesem Problem so oft der Fall, mögen sie sich untereinander auch nicht – also besteht nicht die kleine Chance, dass die vielen Außenseiter sich zusammentun und eine eigene Gruppe bilden könnten.

Nützt da überhaupt Ursachenforschung?

Ich schaue mir die Außenseiter genauer an. Jedes dieser Kinder weist eine Besonderheit auf. Eine seltsame Frisur, eine seltene Krankheit, lange Leitung, Gewaltbereitschaft, ständiges Augenrollen, Stummfisch-Syndrom, besondere Körpergröße… aber wenn ich mir die anderen Kinder anschaue, mein Gott, jeder hat doch irgendeine Besonderheit! Josefine ist dick und wird nicht abgelehnt, Mia sagt auch keinen Ton und gilt nicht als merkwürdig, Hendrik ist total verpeilt und wird dafür nicht abgestraft. Wieder einmal frage ich mich: was macht eigentlich ein Opfer zum Opfer? Und wie gelingt es anderen Kindern mühelos, beliebt zu sein, Freunde zu finden oder zumindest in der großen grauen Masse unbemerkt aufzugehen?

Ich bin froh, dass Lucy das kann. Sie findet immer Anschluss, streckt ihre Fühler mal hierhin mal dorthin. Das wird sie nicht verlieren, wenn sie erwachsen wird. Schon mal eine Sorge weniger. Denn, wäre ich Rikes Mama und wüsste um das vernichtende Urteil der Klassenkameraden, ich wäre unglücklich und könnte doch so wenig tun. Als Mutter hat man keinen Einfluss mehr in diesem Alter. Das muss Rike schon selbst klären. Aber wie?

Und jetzt komme ich wieder ins Spiel. Natürlich werde ich den Eltern nichts von dem Soziogramm sagen, das ist nur für mich als Arbeitsgrundlage. Ich habe nun Schwarz auf Weiß, dass ich ganz dringend etwas tun muss. Also sitzt Frau Henner am Wochenende da und kramt aus alten Ordnern Sozialspiele heraus. Vor einigen Jahren war ich da mal auf einer Weiterbildung. Endlich kann ich das wieder anwenden!

Obwohl… lieber wäre mir, es wäre nicht nötig.

Denn die Erfahrung hat mir gezeigt, ich kann Sozialspiele spielen, Selbstvertrauen aufbauen, Klassenrat abhalten, Sorgenkisten packen, warme Duschen regnen lassen… ein Außenseiter bleibt leider zu oft ein Außenseiter. Doch diesmal ist es besonders spannend. Ich hatte noch nie so viele Außenseiter in einer Klasse. Das ist eine völlig neue Erfahrung und vielleicht auch eine Chance.

Problem erkannt – jetzt heißt es, das Problem anzugehen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu “Außenseiter”

  1. Schwierige Situation. Ich finde es aber toll, dass du sie angehst, zumal du dabei auch das notwendige Fingerspitzengefühl an den Tag legen wirst. Wenig ist schlimmer als solche Dinge, bei denen man hinterher als Schüler den Eindruck hat, dass es nur um Bloßstellung ging, ohne eine Lösung anzubieten.

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    1. Habe heute Nachmittag Stunden an einem neuen Sitzplan gesessen. Es ist zum Haareausreißen. Ich kriege immer zwei, drei Kinder nicht unter – egal, wie ich es drehe. Aber ich muss die Außenseiter in die Klasse kriegen… naja, mal drüber schlafen.

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        1. Heute habe ich den neuen Sitzplan verkündet und die meisten Kinder waren voll begeistert. Sogar die ganz schwierigen Fälle haben einen Sitznachbarn. Nur drei Kinder, liebe, nette, sitzen nicht neben dem absoluten Wunschpartner, aber auch nicht neben jemandem, den sie nicht leiden können. Und da finde ich, hey, man kann auch mal neue Menschen kennen lernen.
          Heute bin ich sehr zufrieden in die Ferien gegangen.

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          1. Das ist doch schön! 🙂
            Und ich glaube, dass die drei netten Kinder sich mit den neuen Sitznachbarn durchaus arrangieren können und werden. Und ich find das auch vollkommen in Ordnung, dass du das so geregelt hast.

            Die Ferien hast du dir auch verdient. Genieß sie! 🙂

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    1. Kann man im Internet kinderleicht unter http://www.pabst-software.de/doku.php/programme:soziogramm-editor:start
      Namen aller Schüler eingeben, Rechtsklick für Zuneigung, Linksklick für Ablehnung, auf Zeichnen umschalten und schon ist die Grafik fertig!
      Um Zuneigung und Ablehung bestimmen zu können, sage ich den Kindern, dass eine neue Sitzordnung entstehen soll und sie notieren bis zu drei Namen Mädchen und bis zu drei Namen Jungen neben denen sie sitzen möchten und das ganze nochmal, neben wem sie auf keinen Fall sitzen möchten. Dann hat man für jedes Kind bis zu zwölf Namen und genügend Daten.

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