Winter is coming

Liebe Leser,

von Termin zu Termin, die Konferenzen geben sich die Klinke in die Hand. Und trotzdem gehe ich in jeder freien Minuten in den unglaublich warmen November hinaus, um mein Gesicht in die Spätherbstsonne zu halten und durchzuatmen. Fast erscheint es mir dabei schicksalshaft, wie dieses Wetter uns in Deutschland noch ein paar Wochen mehr Zeit gibt, unsere Gemeinden auf einen unbekannten Flüchtlingswinter vorzubereiten. So fügen sich die Puzzleteile nach und nach zusammen, noch kann ich kurzärmelig im Freien sitzen. Dass in drei Wochen der Advent beginnt, verdränge ich völlig.

Die Zeit zwischen den Herbstferien und Weihnachten erlebe ich fast immer als dicht gedrängte Zeit. Die Fünfer kennen mich jetzt und nun muss hart gearbeitet werden. Die Treffen mit den Grundschullehrern stehen an, Elterngespräche ebenfalls. Mit Jans Mama zum Beispiel habe ich schon über sein Verhalten gesprochen, mit Francas Mama über das der Tochter. Kinder, die unter Druck stehen und nun Probleme mit den Leistungen haben UND dies dann auch durch aggressives Verhalten nach außen tragen. Beide Eltern sind sehr überrascht von den Noten und versichern mir ungefragt, dass ihr Kind ja immer gut war und natürlich die Gymnasialempfehlung hatte. Nicht das ein falscher Eindruck entstehe. Es fällt den Eltern schwer zu akzeptieren, dass die Karten neu gemischt werden.

Auch Adams Eltern habe ich endlich kennen gelernt. Es war ein nettes Gespräch, aber mein erstes, bei dem ich sprachlich an meine Grenzen kam, weil beide Eltern nicht gut genug deutsch sprachen, um die Feinheiten zu verstehen. Das Prinzipielle ja, aber die Feinheiten nein. Also wird sehr schnell klar, dass die Eltern ihn nicht unterstützen können. Das Gymnasium ist nicht so die Schulart für das Prinzipielle… Es tut mir fast leid, wie die Eltern erschrecken, als ihnen klar wird, dass Adam kein guter Schüler ist. Zuhause behauptet er das. Sehen die Eltern seine Noten nicht? Wissen sie nicht um die Bedeutung einer Sechs, einer Fünf, einer Vier minus? Haben sie den Elternbrief mit den Fördermöglichkeiten nicht gelesen?

Wahrscheinlich.

Gemeinsam überlegen wir, wie wir Adam helfen können. Hausaufgabenbetreuung? Gemeinsames Lesen von Jungendbüchern am Abend? (Würde auch der Mama guttun…) Die Eltern fragen gleich nach Nachhilfe, aber da bin ich der falsche Ansprechpartner. Rechtschreibförderkurs?

„Na, Adam sagt, er ist gut in Rechtschreibung. Er muss bestimmt nicht Förderkurs“, sagt seine Mama darauf, „Er hat immer gut geschrieben in Grundschule. Immer gut.“ Und nach einer Weile kommt heraus: „Er hat immer Texte auswendig gelernt. Adam kann gut auswendig lernen.“

Als ich der Mutter sage, dass am Gymnasium die Diktattexte vorher nicht mehr bekannt sind und somit nicht auswenig gelernt werden können, so wie es bei vielen anderen Aufgaben nicht auf das bloße Wiedergeben von Auswendiggelerntem ankommt, macht sie große Augen und sagt wieder: „Aber Adam war immer gut in Grundschule.“

Der Papa wiederholt immer wieder: „Wir wollen nur das Beste.“

Das will ich auch. Ich will Adam gar nicht von der Schule haben, das wäre absolut verfrüht. Auch wenn ich hier ahne, dass Adam keine Gymnasialempfehlung hatte, es würde mich zumindest sehr wundern, so kann ich mich momentan nur darum kümmern, wie wir ihm den Start erleichtern. Frühestens am Halbjahr könnte man, wenn vorher auch Fördermöglichkeiten ausgeschöpft sind, mit den Eltern über die Schullaufbahnmöglichkeiten in Deutschland reden.

Alle Eltern wollen nämlich das Beste für ihr Kind. Das Beste muss aber nicht immer das Gymnasium sein. Bei Adams Eltern habe ich den Eindruck, dass sie das deutsche Schulsystem noch gar nicht durchschaut haben. Kann man es denn durchschauen – bei dem Wandel? Warum nur will niemand mehr auf die Realschule?

Neulich traf ich Fabrice‘ Mutter. Der Junge hat unser Gymnasium verlassen und besucht nun die örtliche Realschule. Seine Mutter ist happy: ihr Sohn kommt gut mit, hat Freunde, bekommt gute Noten und ist vor allem glücklich. „Das war die absolut richtige Entscheidung, Frau Henner“, lacht die Mutter. Bin ich erleichtert, man weiß ja nie.

Und jetzt Adams Eltern, die eine Vier für eine passable Leistung halten. Nun, es ist alles Ansichtssache. Wir wollen nur das Beste. Immer wieder hallt dieser Satz in meinem Kopf. Wisst ihr, was mich daran stört?

Jeder redet von Diversität. Wir Lehrer sollen die Unterschiedlichkeit von Kindern anerkennen. Aber wenn wir das tun, wird uns vorgeworfen, wir würden aussortieren. Ich akzeptiere, dass es Menschen gibt, die schneller und schärfer nachdenken können als andere, genauso wie ich akzeptiere, dass es hübschere Menschen gibt als andere. Manche sind freundlicher als andere, manche sind stärker, manche witziger. Leider gibt es auch die ganz und gar talentfreien und mit denen empfinde ich Mittleid. Das ist einfach unfair.

Ayshe geht im Schulflur vor mir und sagt zu ihrer Freundin: „Das ist total gemein. Ich lerne total viel und schreibe doch bloß eine Vier und andere lernen gar nicht und schreiben eine Zwei. Das ist unfair!“ Nein, das ist das Leben, Ayshe. Du bist zum Beispiel sehr hübsch. Mit deinen großen, funkelnden, braunen Augen und deinem vollen, dunklen Haar verzauberst du mich, wenn du lachst oder mich fragend anguckst. Ich selbst hingegen werde nie vergessen, wie mein Vater einmal ganz lapidar zu mir sagte, als ich mich beklagte, dass so viele andere Klassenkameradinnen hübscher seien: „Na und? Dafür bist du schlauer!“ Was blieb mir anderes übrig, als zu akzeptieren, dass manche Menschen Pickel bekommen und andere nicht. Das ist das Leben.

Ich kann fördern und fördern und fördern. Einigen werde ich helfen können, bei anderen platzt irgendwann der Knoten von allein, aber es gibt genügend Kinder, die nicht die geistige Geschmeidigkeit besitzen, die nötig ist, um in Deutsch ein Essay zum Thema „Der Mensch als digitales Wesen“ zu schreiben, in Kunst einen Vergleich zwischen Werken von Michelangelo und Rodin zu verfassen, mit Integralen zu jonglieren und in Biologie in die Tiefe der menschlichen Gene abzutauchen. Ist das schlimm?

NEIN!

Das muss nicht jeder können. Ein Mensch ist nicht weniger wert, nur weil er einen Realschulabschluss hat. Bis vor kurzem ging es beim Schulabschluss „nur“ um den angestrebten Berufsweg – jetzt verbinden wir etwas Normatives damit. Etwas Besseres – das Beste! Das stört mich. Das Abitur ist der Abschluss, der zu einem erfolgreichen Studium befähigen soll. Nicht mehr und nicht weniger.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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10 Kommentare zu „Winter is coming“

  1. Ein sehr sehr schwieriges Terrain, welches Sie beschreiben.
    Eltern mit Migrationshintergrund meinen auch gleich, Ausländerfeindlichkeit spiele eine Rolle.
    Wichtig ist präventive Arbeit. Informationsabende in der Grundschule über die Durchlässigkeit des Schulsystems, über die gesellschaftliche Anerkennung der Handwerksberufe und über akademisches Proletariat.

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  2. Kann mich Hauptschulblues nur anschließen, kein einfaches Terrain. Zumal die Vorstellung der Eltern von dem, was eine gute Leistung ist, sehr von dem divergieren können – und in diesem Fall ja auch so – was tatsächlich gut ist.
    Es ist zugleich aber spannend, wie sehr auch Menschen, die nun eher bildungsfern sind – wobei das vielleicht auch schon wieder eine problematische Aussage ist, aber das nehme ich nach Lektüre deines Gesprächs mit den Eltern an – doch auf dem Zug sind, dass nur das Gymnasium etwas Gutes ist und sein kann.

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  3. Immer mehr schlechte Schüler, die ihr Abitur gerade so geschafft haben, entscheiden sich für ein Studium (vielleicht scheuen auch manche die Arbeit), es geistert die Mär vom hohen Verdienst immer noch umher. Wann wachen sie auf?
    Wie lange warte ich dieses Jahr schon auf einen Handwerker! Die Rechnung soll ich dann innerhalb von vierzehn Tagen zahlen – was ich gerne tue, bin ja froh, dass endlich der Schaden behoben wurde, und was mir zeigt, das Handwerk tatsächlich goldenen Boden haben kann. Es gibt zuwenig gute Handwerker in unserer Gegend, sie haben Arbeit satt und verdienen gut – wenn sie dann noch Ehrgeiz entwickeln und ihren Meister machen… also ich kann diesen Weg nur empfehlen.

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    1. Das ist wie bei einem Riesen-Frachter – da muss die Bremse schon Kilometer vor einem Haltpunkt reingehauen werden, um rechtzeitig abzustoppen. Entsprechend lange wirken (Fehl-)Entscheidungen nach.

      Gut und gerne 10 Jahre lang dominierte das Starren auf die „Studierendenquote“, die angeblich in Deutschland zu niedrig sei, die Diskussion. Dass bei diesen Vergleichen Äpfel nicht Birnen, sondern Essiggurken gegenübergestellt wurden, wollte noch vor zwei, drei Jahren niemand hören. Da ist es kein Wunder, dass sich die Vorstellung, der Mensch beginne erst beim Abitur, unausrottbar in den Köpfen festsetzt.

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  4. Naja, in den Führungsetagen ist der Nicht-Akademiker tatsächlich selten, aber meine, hier auch schon geäußerte, Beobachtung der letzten 20 Jahre. Heute macht ein FH-BWLer den Job, den vor 20 Jahren eben der Bürokaufmann gemacht hat. Was allerdings erheblich zugenommen hat, ist die berechtigte Forderung nach Englischkenntnissen.

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  5. Mir ist es als Schülerin ganz ähnlich gegangen, als ich in der achten Klasse zum Halbjahr das Gymnasium verlassen hab (nach dem Willen meiner Eltern, seit der sechsten Klasse hab ich ziemlich rumgekrebst)… Ich dachte, meine Zukunft ist „hinüber“.
    Auf der Realschule war aber dann alles gut, nach der 10.Klasse ging ich auf die FOS und hab Fach- und Allgemeines Abitur gemacht und studiere nun schon i dritten Semester Lehramt – hätte mir das vor 5 Jahren jemand erzählt, ich hätte ihn oder sie ausgelacht.
    Inzwischen ist es so, dass ich sage, ich würde jederzeit wieder den „Umweg“ über die Realschule gehen, da ich dort und an der FOS so viel mitgenommen und gelernt habe, was mich bis heute prägt!
    Viele Grüße

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    1. Es freut mich immer wieder, Erfolgsgeschichten von Realschülern zu hören. Danke und viel Erfolg auf der weiteren Laufbahn! Umso mehr schmerzt mich, wenn ich nun sehe, wie gerade diese solide Schulform in Baden-Württemberg kaputt gemacht wird.

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    2. Ich schließe mich dem Dank der Hausherrin an.

      Das zeigt nämlich gerade, dass man in BaWü und auch anderswo bildungspolitisch gerade am falschen Ende herumdoktert.

      Es ist gerade nicht entscheidend, ob nun die Grundschule vier oder sechs Jahre dauert. Ebenfalls ist eine frühzeitige Aufteilung auf verscheidene weiterführende Schulformen ist nicht des Teufels.

      …WENN auch in späteren Schuljahren eine möglichst reibungslose Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Bildungslaufbahnen gewährleistet ist, sodass auch „Spätentwickler“ eine Chance haben. Dieser Aspekt kommt viel zu wenig heraus.

      Leider geht die Bildungspolitik zur Zeit verbreitet eine andere Richtung, und sie tut das nicht einmal aus sachlich nachvollziehbaren Gründen, sondern unter rein ideologischen Vorzeichen. Die unlängst erhobene Forderung aus den Reihen der baden-württembergischen Grünen nach der Abschaffung des Gymnasiums sollte man sich da gut merken.

      Jedenfalls führen solche Veränderungen schon mittelfristig dazu, dass ein an für sich vorzeigbares staatliches Schulsystem mit Schmackes an die Wand gefahren wird – die Eltern, die es sich leisten können, werden dann schon für ihre Kinder geeignete Privatschulen finden, um dem entgegenzuwirken. Unter die Räder kommen die, die sich das nicht leisten können. Ich halte so eine Politik für asozial – andererseits auch deren Proponenten für viel zu intelligent, um diese Entwicklung nicht klar zu erkennen.

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      1. In Sachsen gibt es nur eine Zweigliedrigkeit: das Gymnasium und die Mittelschule, auf der sowohl der Hauptschulabschluss als auch die Mittlere Reife möglich sind. Da das Gymnasium mit einem recht hohen „NC“ von 2,0 aber eben auch nur rund 40% eines Jahrgangs aufnimmt, verkommt die Mittelschule nicht zur Restschule.
        In BaWü will man nun endlich die Restschule/ Hauptschule abschaffen – das ist verständlich – und legt sie ebenfalls mit der Realschule zusammen. Das gefällt den Realschuleltern natürlich nicht und sie schicken ihre Kinder aufs Gymnasium. Inzwischen besuchen 60% eines Jahrgangs das Gymnasium. Das kann sich nun noch steigern. Wieder nix gewonnen, denn nun werden die Realschulen die potentiellen Restschulen und das Gymnasium noch mehr belastet.

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