Entspannung

Liebe Leser,

ist euch eigentlich aufgefallen, dass ich kaum noch über Lucy berichte? Meine Tochter macht inzwischen ihr Ding für sich. Und ich freue mich über die neue Gelassenheit, die in Schuldingen damit in unsere Familie einkehrt.

Im letzten Schuljahr musste sich Lucy vor allem daran gewöhnen, dass die Mama an der gleichen Schule unterrichtet und die Klassenkameraden zum hundertsten Mal fragten: „Ist das deine Mutter?“ Meine Kollegen waren zum Teil mir gegenüber unsicher, was sie mir aus dem Unterricht erzählen sollen. Ich musste lernen, meine Neugier zu zügeln. Und ich musste – wie alle anderen Eltern auch – lernen, dass mein Kind am Gymnasium schon irgendwie allein zurecht kommt.

Lucy braucht keine Hausaufgabenkontrolle. Wenn sie unsicher ist, dann meldet sie sich schon. Lucy lernt von sich aus, vielleicht nicht immer vorausschauend, aber hey – sie ist elf Jahre alt! Wie andere Eltern auch, frage ich ab und zu: „Und, was steht in der nächsten Woche an? Schreibt ihr irgendwas? Soll ich dir bei irgendetwas helfen?“ Oder ich sage auch mal bestimmt: „Nächste Woche schreibt ihr Englisch, ich erwarte, dass du dich vorbereitest.“ Lucy wiegelt dann ab: „Mama, ich mach das schon, keine Angst, alles unter Kontrolle!“ Da ich weiß, dass Lucy im Großen und Ganzen Recht hat, kann ich entspannen.

So wie die Kollegen sich entspannt haben. Mir erzählt kaum noch einer Anekdoten aus dem Unterricht. Schade und gut so. Auch ich erfahre jetzt erst am Mittag, was mein Kind so alles erlebt hat. Heimlich ärgere ich mich zwar über den Mathelehrer, aber ich sage nichts. Lehrer sind so schrecklich empfindlich und Lucy steckt eh in einer Schublade fest, also halte ich meinen Mund, wenn er mal wieder etwas Dummes sagt. Es gibt Kollegen, mit denen kann ich gut über Probleme sprechen, die sind tatsächlich an sachlicher, konstruktiver Kritik bzw. an Vorschlägen oder auch einfach nur einer Sicht von außen interessiert. Frau Carroll fragt sogar manchmal von sich aus, wie die Dinge aus ihrem Unterricht zuhause beim Mittagstisch ankommen. Der Mathelehrer gehört definitiv nicht dazu. Zum Glück wechseln die Lehrer im Schnitt aller zwei Jahre.

Natürlich gibt es immer mal Spannungen, aber nichts erscheint unlösbar. Ist das nicht ein wahrer Luxus?

Und nun sehe ich die Eltern meiner Fünfer. Gerade trudeln die ersten Noten der ersten Klassenarbeiten im ersten Jahr am Gymnasium ein und viele Eltern müssen erst lernen, dass ihr Super-Duper-Grundschulkind oder der Goldschatz jetzt in der breiten Masse der Mittelmäßigkeit aufgeht und einige Eltern rudern kräftig dagegen an. Nachhilfe, Lehrergespräch, Vorlernen. Ich möchte ihnen zurufen: „Entspannen Sie sich! Ihr Kind ist in der fünften Klasse und muss noch nicht den Nobelpreis erhalten.“

Ich merke es auch bei den Kindern. Seit den Herbstferien kämpfen sie. Was vorher noch Spaß und Trallala war, ist sicher auch auf Zureden der Erzeuger einer Motivation zum Arbeiten gewichen. Momentan wird rangeklotzt. Da wird es nun extrem wichtig, dass auch Erfolge zu verbuchen sind, sonst sinkt die Motivation gleich wieder. Und wenn sich Erfolge einstellen, dann werden auch die Eltern ruhiger. Aus meiner eigenen Erfahrung dauert diese erste Unsicherheit aber mindestens bis zur ersten Halbjahresinformation. Bis dahin ist der Druck in allen Familien riesig. Danach nur noch in denen, deren Kinder unter dem Schnitt liegen.

Zum Glück sind Lucy und ich dieser Phase entwachsen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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7 Kommentare zu “Entspannung”

  1. Ich merke bei meinen Kleinen auch wieder diese gewisse Verbissenheit – auch bei den Eltern.Dieses Jahr habe ich viele, die die schlechten Noten ihres Nachwuchses schlecht verkraften. Aber denen kann ich immer glaubhaft versichern, dass es da einfach Defizite gibt, die sie aus der Grundschule mitgebracht haben. Am liebsten ist mir immer die „Mein Kind war in der Grundschule immer ein glatter Einser“-Eltern. Dass wir sämtliche Zeugnisse in Kopie haben, die das Gegenteil beweisen, wissen wohl die wenigsten. Vielleicht sollte ich künftig mit dem Zeugnisstapel ins nächste Elterngespräch gehen…

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    1. Im Ernst – ihr könnt die Zeugnisse einsehen? Boah! Vor mir sitzen auch viele dieser Mein-Kind-war-in-der Grundschule-immer-gut-und-hatte-natürlich-die-Grundschulempfehlung-fürs-Gymnasium!-Eltern und ich kann nur raten, wer die Wahrheit sagt und nun einfach mit anderen Maßstäben zu kämpfen hat oder wer mir schamlos ins Gesicht lügt, denn offiziell dürfen ja nicht mal die Grundschullehrerinnen verraten, wer welche Leistungen gebracht hat.

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      1. Warum ist da so Geheimniskrämerei bei euch? Hat das was mit Datenschutz zu tun? Das wäre ja bescheuert, immerhin werden da ja einfach nur Schulakten von einem Profi an den anderen weitergegeben. Wie bei einem regulären Schulwechsel…

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        1. Durch den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung will man kein Kind brüskieren, jedem einen neuen Start gönnen und deshalb ist das alles Datenschutz – du weißt ja, das ist DAS Totschlagargument!

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          1. Das klingt so, als wolle man den Gymnasiallehrern unterstellen, dass sie ihre Noten denen der Grundschule einfach nachempfinden, ohne auf die tatsächlich erbrachten Leistungen zu schauen. So ein Käse! Hat die Regierung schon dazu Stellung genommen, dass die Noten in der Unterstufe notgedrungen nach unten rutschen… bzw. das Niveau?

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  2. Schön zu sehen, wie du und Lucy damit umgeht, nämlich gelassen und letztlich sehr erwachsen, wozu natürlich hauptsächlich du etwas beiträgst. Dadurch erlaubst du es ihr aber auch, selbst zu reifen.

    Von dem Terz um die Grundschulnoten halte ich nichts, es sind letztlich Schulnoten und keine Staatsgeheimnisse. Letztlich sieht auch jeder Lehrer, welcher Schüler Defizite hat und welcher nicht. Ach, aber die Ideologie eben, alle Kinder können problemlos Abitur machen, wenn man nur den Lehrern keine Noten zeigt, was? *seufz*

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