Schweigen

Liebe Leser,

Wahrzeichen werden rund um den Erdenball blau-weiß-rot bestrahlt, Flaggen hängen auf Halbmast, auch wir schweigen eine Minute lang, um der Opfer des Attentats in Paris zu gedenken. Wir sind angehalten worden, mit den Schülern nach der Schweigeminute ins Gespräch zu kommen, Diskussionen zuzulassen, Ängste zu nehmen. Meine Oberstufe will nicht. Den Jungen aus der ersten Bank war die Schweigeminute schon peinlich, ich höre ihr Feixen. Überhaupt sind sie müde – ist ja Montag und „Sie wissen schon“ der Montag folgt bekanntlich aufs Wochenende…

Ganz anders die Kleinen, bei ihnen herrscht Verunsicherung und auch Angst. In der Unterstufe bekommt man schon viel am Familientisch mit, hat aber noch nicht den Überblick über die eigene Rolle im Weltgeschehen. Die letzte Schweigeminute wegen der Amokopfer haben sie noch nicht erlebt. Das hier ist neu und auch bedrohlich.

So bedrohlich, dass es in der Mittelstufe zu einer gefährlichen Vermischung des Attentats und der Flüchtlingskrise kommt. Von Mauern ist dort die Rede, von alle Flüchtlinge raus. Hier sprechen die Eltern durch ihre Kinder, aber die Jugendlichen sind schon so groß, dass sie auf dem besten Wege sind, das zu ihrer eigenen Meinung zu machen.

Wir haben geschwiegen und der Opfer gedacht – nun müssen wir unbedingt reden!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

12 Kommentare zu „Schweigen“

  1. Danke, Frau Henner. Genau diese Thematik hat mich heute den ganzen Vormittag aufgeregt, so sehr, dass mir irgendwann die Tränen gekommen sind. Ich werde auch noch einen Beitrag schreiben, wenn sich mein Gemüt wieder ein bisschen beruhigt hat.
    Ich bin auf jeden Fall in allen Punkten ganz bei dir. Ja, Reden ist hier das A und O.

    Gefällt mir

  2. Es gibt auch andere Beispiele.
    Heute war ich von 8.00 bis 18.00 Uhr an einer Schule in meiner Funktion als Jurymitglied eines Schulpreises.
    Die SMV hatte eine Trauergedenkminute – nein – -feier organisiert, bei der alle Lehrkräfte und SchülerInnen um 12.00 Uhr sich vor der Schule versammelten. Eine Frau der SMV – es sind alle junge Erwachsene – saß auf den Schultern eines jungen Mannes und gab das Zeichen, und alle waren still. Nach einer Minute sprang sie herunter. Das war aber nicht alles. Die Treppen zur Schule waren bemalt in den Farben der Trikolore, es standen dort die Namen von Syrien, Irak, Libyen, Somalia, Nigeria usw.
    Gleichzeitig war ein kleiner Basar aufgebaut, mit dessen Einkünften die Schule eine Schule mit Kindergarten im Senegal unterstützt.
    Diese Schüler einer wunderbaren Schule treten auch offen gegen Pe-, nein, Mügida auf.
    Zu gegebener Zeit, Mitte Januar, werde ich in meinem Blog über diese Schule berichten.

    Gefällt 1 Person

    1. Bin ehrlich interessiert. Für viele meiner Schüler sind die Ereignisse weit weg – sowohl die Flüchtlingsströme, als auch die Attentate in Paris. Da wird dann nur wiederholt, was jemand wiederholt hat, weil er vom Nachbarn einen Bericht über eine Sendung gehört hat…

      Gefällt mir

  3. Habe das Thema mit meiner Oberstufe gestern noch weit über Schulschluss hinaus behandelt. Ich war echt beeindruckt, wie differenziert und erwachsen sie die Anschläge sehen. Wie viel Hintergrundinfos sie sich selber dazu angelesen haben. Nicht einfach irgendwelche dummen Statements mit offensichtlicher Schwarz-Weiß-Malerei. Sondern wirklich fundierte Aussagen. Da wachsen ein paar ganz kluge Köpfe heran, die die nächsten Jahre vieles zum Guten wenden können. Wenn man sie lässt!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s