Da beißt sich der Hund in den Schwanz

Liebe Leser,

 

heute wollte ich eigentlich zum Kooperationstreffen mit den Grundschulen gehen. Eigentlich. Nachdem zwei Lehrerinnen schon im Vorfeld abgesagt hatten, habe ich die anderen Lehrerinnen in den letzten Tagen per Mail kontaktiert, um zu erfahren, dass keine kommen wird. Dann muss ich wohl auch nicht hingehen.

Jetzt könnte ich mich über einen unerwartet freien Nachmittag freuen, aber ich hätte sehr gerne über ein paar meiner Kinder mehr erfahren.

Warum kann keiner den Jan leiden? Ist da schon in der Grundschule etwas vorgefallen, was ich wissen müsste? Dann könnte ich gezielter auf seine Außenseiterstellung in der Klasse reagieren. Bis jetzt tappe ich komplett im Nebel. Wieso ist der Junge nur so aggressiv?

Hatte Elif schon in der Grundschule so massive Probleme oder konnte sie dort noch durch Lernen ausgleichen? Welche Fördermaßnahmen hat sie schon erhalten, mit welchem Erfolg? Dann könnte ich besser einschätzen, welche Fördermaßnahmen greifen, welche sinnlos sind. Dass es ohne nicht geht, ist mir klar, aber muss ich tatsächlich erst alles selbst ausprobieren, darf ich nicht auf Erfahrungen aus der Grundschule zurückgreifen?

Und überhaupt, gerne würde ich auch ein paar positive Rückmeldungen loswerden. Wie fleißig sie im Unterricht sind, abgesehen davon, dass das mit den Hausaufgaben ein tüchtiger Kampf ist. Wie gerne sie aufs Gymnasium gehen, egal welche Noten sie schreiben. Wie viele Grüße ich ausrichten sollte!

Die Grundschullehrerinnen haben mir unabhängig voneinander mitgeteilt, dass sie nicht kommen, weil sie von den Eltern keine Einverständniserklärung bekommen haben, dass ich über die Kinder mit ihnen sprechen darf, Eltern müssten die Lehrer heutzutage von der Schweigepflicht entbinden. Aha.

Schweigepflicht. Ein Facharzt schickt dem Hausarzt die Untersuchungsergebnisse zu, damit dieser den Patienten weiterbehandeln kann. Anwälte tauschen sich aus, wenn sie an einem Fall arbeiten. Polizisten sprechen über einen Fall. Aber ein Lehrer darf in Baden-Württemberg nicht mehr mit einem anderen Lehrer über einen gemeinsamen Schüler sprechen!

HILFE!

Was glauben die, die sich diesen Unfug ausgedacht haben? Dass wir bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen und uns lustig machen über die dumme Tilla? Dass wir Witze reißen über den dicken Egon? Dass wir, weil die Grundschullehrerin den Jens-Uwe für blöd hielt, ihn jetzt auch für blöd halten und nur noch Vierer und Fünfer vergeben? Dass wir keine berufliche Professionalität besitzen?

Etwas anderes lässt sich kaum aus dieser absurden Regelung schließen.

Und das geht zu Lasten der Kinder. Ich fange ganz von vorne an. Ganz allein, ohne Vorwissen. Professionalität ist etwas anderes.

Das Gegenargument ist klar: So bekommt ein Kind eine weiße Weste und eine neue Chance. Alle werden glücklich.

Wie immer klaffen hier die schöne Theorie und die raue Praxis auseinander. Dass Elif, Adam und ein paar andere nicht auf Gymnasialniveau lernen, habe ich schon in den ersten beiden Schulwochen festgestellt, zumal wir vom Regierungspräsidium in dieser Zeit mit einer breit angelegten Testung der Kinder beauftragt wurden, die uns genau das bestätigte. Die Kinder haben eine neue Chance, weil sie neue Lehrer haben, aber das verbessert ihre Leistungen nicht, zumal die Anforderungen massiv gestiegen sind. Im Gegenteil, so vergehen wertvolle Wochen, in denen ich erst feststellen muss, wie tiefliegend die Defizite sind, welche Bereiche sie umfassen und welche Bedingungen von zuhause aus gegeben sind. Wertvolle Wochen, die ich nicht nutzen kann, dem Kind den Start zu erleichtern. Ich schaue erst einmal zu, wie es baden geht. Das macht das Kind nicht glücklich.

Interessant ist auch, dass viele Eltern mir gleich beim Elterngespräch sagen: „Also, um es vornweg zu schicken, mein Kind hatte die Gymnasialempfehlung!“ Ehrlich? Ich will das gar nicht wissen.

  1. Die Erfahrung zeigt, dass mich sowieso einige Eltern anlügen, also können sie gleich auf diesen Satz verzichten.
  2. Auch Kinder, die „nur“ eine Realschulempfehlung hatten, können unter Umständen am Gymnasium erfolgreich sein und Kinder mit Gymnasialempfehlung verlassen unser Institut wieder. Kinder entwickeln sich unterschiedlich, Grundschulen fordern unterschiedliche Leistungen ein, Notenmaßstäbe differieren in gewissem Rahmen.
  3. Welche Leistungen das Kind in der Grundschule hatte, interessiert mich weniger, ich sehe die Leistungen, die ein Kind hier an unserer Schule schafft. Das ist die Grundlage für ein Elterngespräch.

Aber genau wegen dieser Information wurde jetzt die Kooperation zwischen den Schulen erschwert. Herr Mess schrieb, an seiner Schule in Bayern seien sogar die Zeugnisse in Kopie einsehbar. Dafür würde man den Baden-Württemberger Lehrer wahrscheinlich auf dem Scheiterhaufen der Ideologie rösten.

Ich will doch gar keine Zeugnisse einsehen, ich will auch gar nicht wissen, welche Empfehlung Sven oder Melanie hatten! Ich will doch nur ein guter Pädagoge sein, der weiß, dass Kinderschicksale nicht aus dem luftleeren Raum entstehen und dass ein Schüler von zehn Jahren bereits eine Vorgeschichte hat, die ihn prägt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

 

Viele Grüße aus Absurdistan von eurer Frau Henner, die sich jetzt gleich aufs Sofa setzt und versucht, ihren freien Nachmittag zu genießen grrrrrrrrrrrr*

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9 Kommentare zu „Da beißt sich der Hund in den Schwanz“

  1. Der Wahnsinn hat Methode: Es sollen die aus dem Entscheidungsprozess über den Bildungsgang der Kinder ausgeschlossen werden, die am kompetentesten Auskunft geben können: die Lehrkräfte. Damit will man das differenzierte Schulwesen über den Hintereingang zerstören, weil man es über den Vordereingang (Wahlen) nicht schafft.

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  2. Das Thema hatten wir doch schon mal ähnlich, oder? Ja das war der Datenschutz bei den Noten….

    Idiotische Vorschriften…
    Da geht der Datenschutz über den gesunden Menschenverstand.
    Das die Grundschullehrer dann gar nicht erst kommen, wenn ihnen dann sowieso jedes Wort negativ ausgelegt werden kann, versteh ich dann schon.
    Liebe Grüße!

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  3. Nein, Sie liebe Frau Henner würden – glaube ich – wirklich nicht über den dicken Egon Witze machen oder über die dumme Tilla lachen. Aber sind Sie sich sicher, dass Sie das für alle Kolleginnen beschwören könnten?
    Vielleicht haben Sie tolle Grundschulkolleginnen. Aber damit kann man einfach nicht auf alle Menschen dieser Spezies schließen.

    In meinen Konferenzen habe ich beispielsweise erlebt:
    – lächerlich Machen der Eltern und der Schüler
    – Weitergabe privater Informationen über die Eltern, die uns nichts angingen (und das Schulische nicht betrafen)
    – rassistische Äußerungen bis hin zu allgemeine Äußerung über intellektuelle Begabung von Menschen bestimmter ethnischer Herkunft
    – frech insistierendes Nachhaken nach Noten „aber was genau hat Cornelia in der ersten Klassenarbeit geschrieben“ Ich „Es war okay und angemessen“ Die GSL „ja aber die hat doch einfach nicht das Zeug zum Gymnasium welche Note genau?“. Ich „Im Schnitt“ GSL „Ja jetzt sagen sie schon welche Note. Ich kenn doch deren Nachbarin, die eine Cousine zweiten Grades meines Mannes ist und die hat auch schon zu mir gesagt, das die Cornelia das nicht packen wird, wo doch die Mutter mit dem Garten schon nicht rumkommt. Und da möchten wir schon wissen, wie das Mädchen jetzt steht?“.
    – Weitergabe von Dingen, die ich in der Konferenz gesagt habe. Also ich sagte, es mache mir Sorgen, dass B. so gar kein Grundinteresse an meinem Fach zeigt. Ob das in der Grundschule auch so gewesen sei? Daraus machte die Kollegin, dass ich was gegen B hätte und steckte das mehreren Müttern und auch B. s Mutter, weil man sich im Dorf eben kennt.

    Ich kann mich leider an keinen Fall erinnern, in dem mir das Gespräch nützliche Erkenntnisse gebracht hat. Und meine wertschätzenden Rückmeldungen über vermeindlich untaugliche Schüler (die wie von mir auch eingeschätzt später problemlos ein gutes Abitur gemacht haben) brachten ebenso wenig Selbstreflektion, wie Rückmeldungen über Schüler, die in der Grundschule als völlige Überflieger eingestuft wurden und bei uns eher durch verzweifeltes Nichtkönnen auffielen.

    ich habe mich da halt mit möglichst neutralem Gesichtsausdruck hinbegeben und meine Fertigkeiten in Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg geübt.
    Aber seit unsere Schulleitung den Informationsaustausch kurzfristig völlig unterbunden hat, bin ich auch nicht unglücklich.

    Herzliche Grüße
    Coreli

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    1. Ich habe in gut 15 Jahren Schuldienst keine einzige Konferenz erlebt, auf der so respektlos über Schüler gesprochen wurde.Ich habe meine Schulleitungen immer als sehr verständnisvoll und „auf Schülerseite“ erlebt (was vom Kollegium auch durchaus bemängelt wurde), wenn es z. B. über Vorrückungen nach langer Krankheit abzustimmen war (und die Sinnhaftigkeit, Leute abstimmen zu lassen, die die Schüler nicht selbst im Unterricht haben, lässt sich durchaus in Frage stellen). Wenn derartige Fälle vorgestellt wurden, dann immer sehr wohlwollend und die Schüler wurden im bestmöglichen Licht gezeigt.
      Anders natürlich in informellen Gesprächen zwischen Kollegen, wo „nervige“ Schüler durchaus genervt besprochen wurden.

      Aber der Fall liegt ja hier anders – Frau Henner weiß ja schon, wie die Pappenheimer so sind, so ein Gespräch kann also keine Voreingenommenheiten erzeugen! Wenn das Gespräch vor Schulanfang stattfinden würde oder im September, könnte ich mir das vorstellen, aber es ist November. Glauben die Leute denn, dass sich die Schüler vor den Ferien 180 Grad anders verhalten als danach?

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    2. Ich weiß genau, was Sie meinen. Ich habe das auch schon erlebt – vorrangig aber von den GS-Lehrerinnen, die sich tatsächlich „nur“ bestätigt sehen wollten. Das war unangenehm, aber ich habe es recht schnell verdrängt. Auf der anderen Seite habe ich auch wertvolle Informationen erhalten, die mir den Umgang mit den Schülern erleichtert haben, weil ich so herausfinden konnte, welches Selbstbild die GS-Lehrerinnen hatten und so auch die Leistungen der Kinder besser einordnen konnte.
      Dass man mir jetzt per se diese berufliche Professionalität abspricht, finde ich also dennoch ärgerlich. Gerade meine „Sorgenkinder“ bringen schon ein Päckchen aus der GS mit und ich wäre gerne mehr informiert.

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  4. Tja, mit dieser Logik müsste man ja auch verbieten, dass sich Ärzte untereinander austauschen oder gegenseitig Meinungen einholen, denn auch die könnten ja, möglicherweise, vielleicht einmal, eventuell und höchst potentiell wahrscheinlich lästern. Man könnte dann aber auch gleich jeden zwischenmenschlichen Kontakt verbieten, denn jeder lästert irgendwann über jeden und nach jedem Gespräch hat man beim Gegenüber eben keine weiße Weste mehr. Sorry, aber das ist doch Schwachfug! Weiße Weste heißt für die Schüler, dass sie an der neuen Schule eine Chance bekommen. Aber wie Frau Henner schreibt, stellen die Lehrer schnell fest, wer Defizite und Schwierigkeiten hat. Dazu sind sie ja auch ausgebildet. Hier aber die Gymnasiallehrer erst im Dunkeln fischen zu lassen ist hirnlos.

    Und, ganz ehrlich: Selbst wenn Lehrer lästern, so what? Das ist ein menschlicher Zug, der sich durch das Komunikationsverbot ganz sicher nicht austreiben lassen wird. Und die allermeisten Lehrer sid professionell genug, um Lästerei und Unterrichtsgeschehen und Schülerleistung voneinander zu trennen.
    Und im Gegensatz zu den ach so lieben und tollen Eltern, die natürlich niemalsnienicht und sowieso niemals über Lehrer lästern, meist, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, was für eine Arbeit da erledigt wird, haben die Lehrer noch eher Grund dazu.

    Nene, es stimmt schon, was rwadel schreibt, es ist nur ein weiterer Versuch, das mehrgliedrige Schulsystem zu zerstören, hinterrücks, leise und heimlich, denn eine Mehrheit dafür gibt es so ganz sicher nicht.

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  5. Ich würde gerne hier auch noch einmal mir Luft machen. Aber es ist alles schon von meinen Vorrednern gesagt worden. Die Lebenszeit, die durch solche Spirenzchen verloren geht und eine richtige Analyse des Förderungsbedarfes verhindert, ist frustrierend groß. Ist ja egal. Ist ja nur unser Nachwuchs 😦

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