Ich wollte schon immer mal eine Kuh Lilo nennen

Liebe Leser,

um mich herum dampfen fünf Kühe, eine ist in einem Extraraum untergebracht, weil sie schon ihr kleines Kälbchen pflegt. Die anderen warten noch auf ihre Niederkunft. Lina ist besonders anhänglich. Sie streckt mir ihren krausen Kopf entgegen und schleckt mit ihrer rauen Zunge meinen Arm ab. Zur gleichen Zeit klettert ein kleiner Mops auf meinen Schuhen herum, die beiden großen Pferde beteiligen sich auch an diesem Stallgespräch. Nur die vielen, kleinen Katzen haben sich verzogen.

Ich hole Eier.

Glücklich, die Eier im Dorf zu bekommen, von Hühnern, die alt werden dürfen und dann riesige, dünnwandige und unheimlich gut schmeckende Eier legen, bin ich und verzückt von diesem Stall, der mich an die alte, englische Fernsehserie „Der Doktor und das liebe Vieh“ erinnert.

Der Nebenerwerbsbauer freut sich über mein Interesse und erzählt und fragt und krault nebenbei die Tiere.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragt er.

„Lilo Henner“, antworte ich.

„Lilo – schön. Ich wollte schon immer mal eine Kuh Lilo nennen. Wissen Sie, ich habe da gerne einen Bezug. Ich muss eine Person kennen, die so heißt. Die Lina, das war früher die Postbotin bei uns“, dann stockt er und lacht, „ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“

Nein, ich habe nichts dagegen, das ein kleines Kälbchen vielleicht bald Lilo heißt und in diesem Stall heranwachsen darf zwischen Pferden, Mops und einem Bauern, der entgegen jedem Trend seinen Kühen Namen gibt und sie abends krault. Ich bin sehr dankbar, dass ich nach und nach solche Orte und Menschen entdecke.

Dass ich dafür noch tagelang in der Schule leicht nach Stall rieche, nehme ich in Kauf. Aber das nächste Mal ziehe ich meine Gummistiefel an!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu “Ich wollte schon immer mal eine Kuh Lilo nennen”

  1. Ach, da werd ich als Städter schon ein wenig neidisch. Und wenn ich denke, dass viele Kinder wohl nie im Leben ne echte Kuh sehen oder anfassen werden…
    Gut, ein Mops im Stall, das ist schon komisch. 😀
    Und der Geruch nach Tier ist gar nicht so schlimm. 😉

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  2. Ich will mal eben einwerfen, dass ich in der dritten Klasse auf dem Land eine Exkursion auf einen Bauernhof gemacht habe, wo an just diesem Tag ein Kalb auf die Welt kam. Für mich als kleiner Steppke war das wohl echt eine der traumatischsten Erfahrung meiner Grundschulzeit… Gleich nach unserem Gestapo-Sportlehrer…

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    1. Den Gestapo-Sportlehrer hatte ich auch, aber er war weiblich und hat mich lange traumatisiert, ebenfalls erschreckend fand ich die Szene, wie ein Schaf ein kleines Lämmchen beim Durchzug über unsere Wiesen gebar und der ruppige Schäfer das Mutterschaf gleich zum Mitlaufen zwang und das Lämmchen an den Hinterbeinen mitschleifte. Es ist nicht alles Idylle, nur weil es wie von gestern scheint, wohl wahr!

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  3. Ach Frau Henner, wäre es nicht wunderbar, wenn es auch noch Schulen ähnlich Ihrer Beschreibung gäbe. Keine Industrieschulen mit über 1000 Schüler/Schülerinnen und 50 bis 100 Lehrern/Lehrerinnen Sozialpädagogen/Sozialpädagoginnen usw. Diese Industrieschulen von denen jeder schon mal aus den Medien gehört hat. Die Schüler/Schülerinnen kennen die Lehrer/Lehrerinnen nicht und umgekehrt. Wo die Kinder aussortiert werden, wenn sie das Leistungziel nicht erreichen.
    Ich habe mir überlegt, ich werden Nebenerwerbslehrer, das geht auch ohne Ausbildung. Das Wohnzimmer wird ausgeräumt, da stelle ich 6 Tische und Bänke auf. So wie ich das in verschiedenen Schulmuseen gesehen habe, mit Wandtafel und Kreide, Kartenständer. Rohrstock werde ich nicht brauchen, da ich mit Leib und Seele unterrichten werde. So eine richtige Zwergenschule mit Kindern aus allen Jahrgängen und mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten. Den Lehrplan richte ich an den Erzählungen meines Vaters (Jahrgang 1935) aus (Politik nicht). Ich habe auch noch ein Paar alte Schulbücher aus den 60igern vom Flohmarkt, sogar mit altdeutscher Schrift.
    Vor Arbeitsbeginn als Industriekaufmann bereite ich ein paar Arbeitsblätter vor. Damit, falls ich mich verspäten sollte, meine Frau oder meine oder ihre Eltern einspringen können. Nach meinem Feierabend beginnt dann der Unterricht, ganz individuell für jedes Kind.Viel brauchen sie nicht zu lernen. Arbeiten werden nicht geschrieben, Leistungsdruck soll es an meiner Schule nicht geben.
    Auf das Eltern ihre Kinder nach mir benennen wollen.
    So sollte Schule sein.

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