Von der Sorgenbox

Liebe Leser,

ich bin gerne Lehrer. Ich bin gerne Fachwissenschaftler, gerne Lehrender und auch sehr gerne Pädagoge. Es macht mir Freude, mich um meine Schäfchen zu kümmern und dafür auch einmal über den Tellerrand zu blicken. Zwar musste ich im Studium auch Psychologie studieren, aber ich maße mir nicht an, Psychologe zu sein. Trotzdem wird in dieser Richtung von mir einiges abverlangt, denn meine Schäfchen tragen auch ihr seelisches Päckchen mit sich herum. Und wie kann ich mich um Leistungen kümmern, wenn noch nicht einmal das Zwischenmenschliche stimmt? Wie soll ich von einem Kind erwarten, dass es mitarbeitet, wenn es sich ungeliebt fühlt, verlassen von der ganzen Welt?

Wenn ich direkt frage, ob es Probleme gibt, dann schütteln alle den Kopf, wenn ich das Sorgenkästchen hinstelle, in das man anonym etwas einwerfen kann, sagen die Kinder: „Muss man da was reinstecken?“

„Nö, wenn alles paletti ist, muss man nichts reinstecken“, antworte ich und wundere mich, denn ich finde die Atmosphäre nicht so doll.

Also krame ich und finde ein Spiel zur Visualisierung von Klassendynamiken. Es geht ganz einfach. Tische und Bänke werden weggeräumt, damit eine Bahn frei wird. An die eine Seite der Bahn klebt man einen Zettel, auf dem steht „ich stimme voll zu“, auf die andere Seite einen Zettel, auf dem steht „ich stimme gar nicht zu“. Und dann geht es los. Man liest Aussagen vor und die Kinder sollen sich stumm auf dem gedachten Strahl positionieren – Graustufen sind erwünscht.

Am Anfang kommen einfache Fragen, mit denen man testen kann, ob die Kinder den Strahl mit den Polen begriffen haben. Können Sie potentielle Entweder-oder-Behauptungen von differnzierenden Aussagen unterscheiden?

  • Ich habe ein Haustier.
  • Ich mag Schokolade.

Das sind nur so Beispiele und man kann seiner Fantasie freien Lauf lassen. Die Kinder wärmen sich auf und werden nach und nach stiller. Aus einem Spiel wird dann schnell Ernst, denn jetzt kann ich alles Mögliche erfragen.

  • Ich gehe gerne zur Schule.
  • Manchmal ist es mir in unserer Klasse zu laut.
  • Es gibt bei uns Kinder, die andere schlagen.
  • In den Pausen habe ich Freunde zum Spielen.
  • Manchmal habe ich Bauchweh, wenn ich in die Schule muss.
  • usw.

Stumm rutschen die Kinder hin und her. Neugierig gucken sie nach ihrer Position und der der anderen. Meist sind es eher verstohlene Blicke. Während einige recht schnell ihre Position finden, sieht man, wie andere tatsächlich überlegen und ganz bewusst auf dem Strahl eine Stelle suchen. Selten stimmt jemand einfach voll zu oder lehnt die Sätze rundherum ab. Nur Vladimir und Jan machen zwischendurch Quatsch. Vladimir aus Prinzip und Jan, weil er seine eigene Position in der Klasse noch nicht gefunden hat. Bei einigen Fragen jedoch finden auch sie zu sich selbst.

Um der Situation die Schwere zu nehmen, mische ich gegen Ende wieder unverfängliche Fragen unter und höre mit einer absolut harmlosen auf, die den Anschluss an den nächsten Unterrichtsschritt findet. Denn nach dieser „Arbeit“ wollen wir noch etwas ganz Vergnügliches machen. Wie bei der Kindernachrichtensendung logo. Da werden ernste Themen gebracht und dann durch Lustiges wieder abgemildert, damit die Kinder nicht zu beunruhigt ins Bett gehen.

Während wir nun ein Wochenend-Einläute-Quiz machen, fragt Franca leise: „Darf man noch was in die Sorgenbox tun?“

Klar darf man, dafür ist sie da. Franca ist dann nicht die einzige, die noch einen Zettel einwirft. Es gibt einiges, was die Kinderherzen schwer macht. Es ist doch nicht alles paletti und durch das Spiel konnten sie es zeigen, ohne etwas sagen zu müssen. Einige haben jetzt den Mut, das sogar in Worte zu fassen. Im Grunde geht es darum, dass sie gemocht werden wollen.

Aber das ist nicht so einfach. Jetzt wäre ich gerne richtiger Psychologe. Herausfinden, was Sache ist, ist das eine, aber darauf nun angemessen zu reagieren, das ist das andere.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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4 Kommentare zu „Von der Sorgenbox“

  1. Ist ja witzig, Frau Henner! Genau so eine Box habe ich erst vor vier Wochen in meiner Klasse benutzt! Es war viel mehr ein holzgefertigter kleiner Briefkasten , der sich bei Bedarf öffnen lässt. Ich würde das Ding gerne irgendwie im Klassenzimmer deponieren, damit ich regelmäßig Sorgenpost bekomme. Ich habe aber Angst, dass sich jemand dran zu schaffen macht und die Post rausklaut etc. Wie handhabst du das? Denn sobald man den Kasten immer nur dann mitbringt, wenn man Unterricht hat, sieht die Klasse ja, wer was einwirft und beginnt zu tuscheln…

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    1. Du formulierst genau mein Problem, ich hätte auch gern einen richtigen, metallenen Briefkasten fest an der Wand, aber ich denke, dass ist mal wieder gegen jegliche Brand- und Datenschutzverordnungen.
      Willst du viele ehrliche Rückmeldungen, hilft auch, die Kinder einfach alle einen Zettel schreiben zu lassen, man kann ja auch was Positives rückmelden. Das geht aber nicht jede Stunde und so fängt man leider auch nicht die akuten Problemchen ab, die so zwischendurch passieren. Eine wirklich befriedigende Lösung habe ich noch nicht.

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  2. Sorgenpost / Sorgenkästchen sind als Begriffe gut gewählt, gefällt mir besser als unsere. Um Herrn Mess gleich mal mit einzubeziehen, wir haben am Schulsekretariat einen sogenannten Kummerkasten hängen, ein handelsüblicher Briefkasten, der abgeschlossen ist. Die Schüler können anonym oder mit Namensangabe ihren Kummer aufschreiben, den Zettel in einen Umschlag stecken. Auf diesen schreiben sie dann den Namen des Lehrers, den der Brief erreichen soll. Die Sekretärinnen leeren einmal am Tag die „Post“ und verteilen diese ins Lehrerfach. Wir haben den Kummerkasten seit drei Jahren. Ein Kollege, der längere Zeit im Krankenhaus und in der Reha verbringen musste und dort einen Patientenbriefkasten für Sorgen und Probleme nutzen durfte, stellte uns den Kummerkasten auf einer Konferenz vor. Der Kummerkasten wird ganz regelmäßig genutzt, fast alle Lehrkräfte finden ihn gut, die Schüler sowieso. „Jetzt wäre ich gerne richtiger Psychologe. Herausfinden, was Sache ist, ist das eine, aber darauf nun angemessen zu reagieren, das ist das andere.“, wie Sie schreiben, Frau Henner, kann ich sehr gut nachvollziehen. In solch einer Situation war ich auch schon einmal. Wir haben bei uns an der Schule eine wirklich tolle Sozialpädagogin, die einen super guten Draht zu einem Psychologen hat. Ich habe die Sozialpädagogin damals ansprechen können und somit kam fachliche Hilfe zum Tragen, sehr zum Wohle der damaligen Sorgen behafteten Schülerin. Ihr Problem wurde damals übrigens gut gelöst. Mit solchen Menschen im Hintergrund fühle ich mich einem Sorgen- oder Kummerkasten gut gewappnet und wünschte, es gäbe sie an jeder Schule.

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    1. Danke für den Tipp mit dem schulweiten Kummerkasten, das hat was!

      Zwar haben wir endlich eine Schulpädagogin, die einen Tag in der Woche für unsere Schule da ist – immerhin – aber leider scheint sie mir nicht besonders kompetent zu sein. Zumindest schlägt sie genau das vor, was ich eh schon mit meiner Küchenpsychologie mache. So bekomme ich wenig neue Impulse. Manches müsste ich tatsächlich an professionelle Kräfte außerhalb der Klasse auslagern können, da haben Sie völlig Recht. Schön, dass es bei Ihnen so gut funktioniert.

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