Der Stein der Weisen

Liebe Leser,

 

am Wochenende habe ich über meine Klasse nachgedacht und ihr Problem. Heute habe ich einen Stein mitgebracht. Er war noch feucht und roch nach Erde. Was so ein Stein alles in sich aufnehmen kann… vielleicht auch unsere Sorgen?

Wir sitzen im Kreis. Nur wer den Stein hat, darf sprechen. Ich beginne. Mir liegt einiges auf dem Herzen. Also fange ich mit den Worten: „Mich belastet, dass…“ an und erzähle dem Stein, wie mich die Terrorismuswelle beschäftigt, wovor ich Angst habe und was mich daran traurig macht. Ja genau, mich macht traurig, dass wir nicht einmal im Kleinen miteinander klar kommen, wenn sich die Erwachsenen schon so viel Leid zufügen. Und dann erkläre ich dem Stein, dass es mich traurig macht, dass sich einige Kinder in meiner Klasse nicht verstehen und dass nicht offen darüber gesprochen wird. Ich bin ratlos.

Ich lege den Stein in die Mitte des Kreises. Es dauert nicht lange und Franca holt sich den Stein und dann Josefine und Tom und viele andere Kinder. Keiner quatscht, alle wollen hören, was den anderen bedrückt. Viele haben Angst, auf den großen Weihnachtsmarkt nach Stuttgart zu fahren oder ins Fußballstadion zu gehen, weil dort doch so viele Menschen sind und vielleicht auch Terroristen. Die Kinder mögen nicht mehr allein durchs Dorf laufen, seit dort in Grüppchen die Flüchtlinge herumstehen. Es sind doch alles Männer und die sehen so fremd aus. Und dann noch die Klasse. Wir wollen nicht mehr streiten. Wir haben das so satt! Ich bin traurig, dass ich mich mit Franca streite, das sind doch immer so Kleinigkeiten, das ist es doch gar nicht wert! Josefines Stimme bricht ganz leicht, aber niemand lacht.

Mir läuft eine Gänsehaut über den Arm. Der Stein wird schwerer und schwerer. Fast alle Kinder haben etwas dem Stein anvertraut. Wir vergraben ihn am Ende der Stunde im Park. Weg mit den Sorgen, wir wollen nach vorne schauen! Jedes Kind hat eine Woche Zeit zu überlegen, was wir nun tun können. Jedes. Ich möchte von jedem Kind einen Vorschlag haben und jeder soll überlegen, welche aktive Rolle er dabei spielen kann. Hier darf sich niemand herausnehmen.

Selten habe ich soviel positive Energie gespürt.

Nein, das ist nicht der Stein der Weisen, ich mache mir keine Illusionen. Es ist allemal ein Anfang. Aber ich glaube, das ist genau der Anfang, den wir alle gebraucht haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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3 Kommentare zu “Der Stein der Weisen”

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