Mein Kind soll aber auch in den Förderkurs!

Liebe Leser,

während Adam sich beschwert, dass er in den Förderkurs gehen muss, „weil die andern haben da frei“, stehen heute Franziska, Lissy und Mia vor mir. Sie möchten bitte auch in den Förderkurs – wenn es nicht zu viele Umstände macht. Ach, da sprechen also die Eltern durch die Mädchen…

Diese Eltern haben schon am Elternsprechabend insistiert. Ihre Kinder hätten auch ein Anrecht auf den Förderkurs. Und sie seien ja noch nicht so gut – sprich sie haben im Diktat keine Eins geschrieben. Schon damals habe ich den Eltern erklärt, dass

  1. der Förderkurs nur für die ganz schwachen Schüler ist, die erst einmal die Basis aufholen müssen, denn genau das machen wir: absolute Grundlagen
  2. die Förderung nur funktioniert, wenn ich eine kleine Gruppe habe und damit sprengt jedes weitere Kind die Erfolgsaussichten der gesamten Gruppe,
  3. wir natürlich im „normalen“ Deutschunterricht auch immer wieder das Rechtschreiben üben, der Förderkurs also nur einer von vielen Wegen ist,
  4. ich die Eltern auch gerne mit Arbeitsheftempfehlungen unterstütze, wenn sie mit ihrem Kind zusätzlich das Rechtschreiben üben wollen, was an sich ja eine gute Sache und bei den Mittelprächtigen auch nötig ist.

„Nein, Ihr Kind wird nicht in den Förderkurs aufgenommen“, beende ich jedes Mal meine Ausführungen, „es schafft es auch so!“

Aber man kann es ja trotzdem versuchen. Also stehen die drei Mädels vor mir und klimpern mit den Wimpern.

„Das wäre ganz super, wenn wir in den Förderkurs kommen dürften – vielleicht wenigsten mal ab und zu – so?“

Freundlich – was können die Kinder dafür? – befördere ich die Mädchen vor die Türe, wünsche ihnen einen schönen Nachmittag und setze mich zu Adam. Der soll sein Diktat verbessern und braucht Hilfe. Er merkt nicht einmal, dass er gerade zum zweiten Mal genau die Wörter verschlimmbessert, die wir heute gemeinsam im regulären Deutschunterricht besprochen haben. Das Tafelbild dazu steht auf der vorigen Seite, aber Adam hat ja schon umgeblättert. Muss man das etwa noch wissen?

Elif sieht es gar nicht ein, dass ich ihr nicht einfach sage, wie man die gesuchten Wörter schreibt. Wozu darüber nachdenken? Kim entdeckt gerade , dass es ein Fugen-s gibt und man nicht in ein zusammengesetztes Substantiv ein „z“ hineinquetscht. Als ich ihm erkläre, dass man das „s“ dann einfügt, wenn man das Wort damit besser aussprechen kann, probiert er kichernd: „Arbeit-hose, Geburt-tag, Geburt-urkunde…“  Kim hat also wenigstens Spaß.

Jan meldet sich nach jedem Wort, was er geschrieben hat – oft falsch – und will, dass ich es bewundere. Wenn ich nicht sofort komme, lenkt er Sven und Maxim ab, die im Grunde genau wie Franca, Hendrik und Rike tatsächlich etwas lernen wollen. Jan landet allein auf der letzten Bank. Dann kann ich mich besser Maxim widmen. Maxim schreibt vieles falsch, weil er das strategiebasierte Schreiben kaum beherrscht, denn es scheitert schon am deutlichen Sprechen. Maxim spricht ein verwaschenes Russisch-Deutsch, das sich gerne mit dialektalen Brocken mischt – ein ganz gefähliches Kauderwelsch. Wie soll man „geworfen“ richtig schreiben, wenn man selbst „worfn“ sagt? Dreimal spreche ich ihm „Spargel“ vor und rolle dabei das RRRRRRRRR, bis er es wahrnimmt und endlich ein „r“ in seinen „Spagel“ einfügt, den er selbst als Beispiel für Wörter mit „sp“ gesucht hat. Bei der Frage, ob man Spaß groß oder klein schreibt, wird er wieder hängen bleiben. Er ist davon überzeugt, dass Spaß ein Adjektiv ist. Jetzt kann Sven auftrumpfen – soviel Sprachgefühl hat er im Deutschen. „Das heißt spaßig, du Dödel!“

Liebe Mamas von Franziska, Lissy und Mia. Wenn ihr wüsstet, wie wir in der Förderung mit elementaren Sprachebenen kämpfen, dann würdet ihr wahrscheinlich gar nicht wollen, dass eure Mädels zu lange dieser Umgebung ausgesetzt werden. Ihr seht halt: Da bekommen einige Kinder etwas, was meinem vorenthalten wird, das ist ungerecht! Aber die Welt ist ganz anders, als ihr es euch vorstellt. Selbst am Gymnasium!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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11 Kommentare zu “Mein Kind soll aber auch in den Förderkurs!”

  1. Liebe Frau Henner,
    ich unterrichte auch einen Förderkurs in der 5., aber in Englisch. Im Gegensatz zu Deutsch müssen da noch gar keine Grundlagen da sein, da sie in der Grundschule Französisch hatten. Aber selbst der wenige Stoff der ersten Wochen bereitet den Schülern große Schwierigkeiten. Ich fürchte aber, alle zwei Wochen eine Doppelstunde mit Schülern aus fünf verschiedenen Klassen, hilft den Schülern nur wenig. Es hilft nichts: Sie müssen zu Hause regelmäßig arbeiten. Ich hatte auch viele Schüler, die kommen wollten (bzw. deren Eltern 😉 ), die ich aber nicht aufnehmen konnte.
    Viele Grüße aus dem Badner Land

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    1. Liebe Anna, bei euch ist die Situation ja noch einmal besonders: in der Grundschule Deutsch und Französisch lernen und dann in der fünften Englisch dazu – puh! Ich kann Eltern schon verstehen, wenn sie ihr Kind gefördert haben wollen, es ist zuhause doch recht mühsam und ich kann sogar Eltern verstehen, die finden, dass das eigentlich nicht ihr Job ist. Aber ein vierzehntägiges Konzept erscheint mir noch aussichtsloser als meine eine Stunde in der Woche, die im Grunde auch zuwenig ist – bei den Defiziten, die so viele meiner Schüler mitbringen – und so scheint es mir auch bei dir: es ist ein Kämpfen gegen die Windmühlen. Ich werde nur wenigen wirklich gerecht werden können. Ich sehe schon jetzt, dass wir Kinder fördern, die uns in ein, zwei, drei Jahren verlassen. Natürlich nicht alle und es lohnt sich auch so, aber manchmal macht mich diese Aussichtslosigkeit auch einfach nur traurig. Wie geht es dir dabei?

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  2. Puuh, schwierig, ja. Klar, die meisten Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind, und zusätzliche Förderung hört sich erst einmal besonders toll an. Aber dass die sich an die wirklichen „Problemfälle“ unter den Schülern richtet, das sieht man wohl nur, wenn man einmal so eine Stunde miterlebt hat.

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  3. Liebe Frau Henner,
    die Schüler in der Rheinschiene in Ba-Wü lernen ja inzwischen „nur noch“ eine Fremdsprache in der 5. Klasse (was ich persönlich auch wirklich sinnvoll finde). Ab dem nächsten Schuljahr muss das wegen der neuen Stundenverteilung in den Fremdsprachen Englisch sein. Das bedeutet, dass die Schüler gar nicht mehr die Möglichkeit haben, Französisch nach der GS ohne Unterbrechung weiterzulernen (womit es für mich keinen Sinn mehr macht, weshalb sie dann Französisch in der GS lernen). Aber gut, das ist ein anderes Problem.
    Englisch ist am Anfang wirklich einfach, insofern wird nichts Unmögliches von den Schülern verlangt. Aber beim Erlernen einer Fremdsprache ist regelmäßige Vokabelarbeit und Übung der Grammatik unabdingbar. Und da hapert es bei vielen Schülern: Ich gebe jeden Tag 10 Vokabeln auf und schreibe alle zwei Wochen einen Test. Obwohl ich die neu gelernten Vokabeln jede Stunde abfrage, lernen viele Schüler erst auf den Test und dann eben 70-80 Vokabeln. Das funktioniert natürlich nicht. Und die Hausaufgaben machen auch viele regelmäßig nicht. So funktioniert das nicht. Da hilft auch kein Förderunterricht.
    Was ich an dem Konzept des Förderunterrichts in den Fremdsprachen an meiner Schule am meisten moniere ist, dass ich Schüler aus fünf unterschiedlichen Klassen sitzen habe, von denen ich nur eine unterrichte, d.h. von vier Klassen kenne ich den Englischunterricht und deren Schüler. Es ist offensichtlich, dass die Förderschüler aus meiner Klasse am meisten profitieren, da ich sie aus dem regulären Englischunterricht kenne und um ihre individuellen Probleme weiß.

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    1. Wieder was gelernt!
      Warum Französisch in der Grundschule und dann ab Klasse 5 nur noch Englisch, das ist mir auch ein Rätsel, obwohl ich die Vereinheitlichungstendez mit anderen Regionen verstehe, denn heute sind einfach zu viele Menschen mobil und Kinder aus der Rheinschiene bei Umzügen ins übrige Land doch recht benachteiligt, was die Sprache anbelangt. Aber nicht am Anfang – denn ja, anfangs ist Englisch noch einfach und auch bei uns, wo die Kinder ab der ersten Klasse in der GS Englisch haben, müssen die Lehrer in der fünften bei Null anfangen, weil das Niveau zu unterschiedlich und meist auch sehr, sehr niedrig ist. Also Reset und noch mal das ganze von vorne – was mich dann überhaupt am Fremdsprachenlernen in der GS zweifeln lässt – aber das ist wieder ein anderes Thema.
      Da ich mich mit dem Erlernen einer Fremdsprache überhaupt nicht auskenne, aber die Probleme der Fremdsprachenlehrer sehe, frage ich mich: Worin liegt eigentlich das Problem am Vokabellernen. Sind die Kinder das Auswendiglernen nicht gewöhnt? Wissen sie nicht, wie man auswendig lernt? Spielen die schlechten Rechtschreibkenntnisse, die ich ja in Deutsch beobachte und die in Englisch nicht viel besser sein werden, eine entscheidende Rolle? Sind die Kinder faul? Sind die Eltern überfordert damit, ihr Kind regelmäßig abzufragen? Mein Kollege Wolf klagt sehr über die Vokabeltest eines beträchtlichen Teils unserer Klasse, schiebt die schlechten Ergebnisse aber auch auf die intellektuellen Defizite einiger Kinder.
      Die Probleme sind so komplex, dass es keine einfache Lösung geben wird, aber genau deshalb ist es so schwierig, die Kinder adäquat zu fördern. Das Kultusministerium und die Eltern stellen es sich sicher leichter vor, als wir es in der Praxis empfinden.

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  4. Achja, das ist dieser typische Überehrgeiz mancher Eltern…

    Übrigens: Das mit dem ‚r‘ ist aber auch ganz fies. Kein Mensch spricht das „r“ in Sparrrrgel, also mit Ausnahme von Deutschlehrern, die darauf aufmerksam machen wollen. :mrgreen: Ich habe einer Französin auch schon oft erklärt, dass das Deutsche meist geschrieben wird, wie man es auch spricht. Das stimmt ja aber gar nicht immer – und da hängen wir uns auch oft am ungeliebten ‚r‘ auf: „leka“ – „lecker“ – „Aber wenn man das spricht, dann höre ich ‚leka‘!“ Ja, stimmt. Wasser, lecker, Bauer. Unser ‚-er‘ ist eigentlich ja doch viel eher ein ‚-a‘. Schwierig, das. Das muss man als Kind sowie als Fremdsprachler wohl einfach so hinnehmen.

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    1. Nun ja, bei uns auf den Dörfern gibt es kein „lecka“, da verschwindet das „er“ eher ganz tief im Rachen: „leckrrrr“ 😉 Und nun ist die erste Regel beim strategiebasierten Rechtschreiblernen tatsächlich: „Deutlich sprechen und Silben schwingen“, wo die Baden-Württemberger doch so gerne die Silben entweder verschlucken oder eine zusätzlich anhängen. Noch absurder wird es bei meinen Kindern mit sprachlichem Migrationshintergrund: die kennen viele Wörter gar nicht. Woher sollen sie dann wissen, wie man sie richtig ausspricht?

      Aber Frau Henner diktiert voll die deutsche Normsprache. Deshalb können sich die Schüler nur bedingt herausreden. Darum habe ich den Regeln noch eine hinzugefügt und als Symbol ein kleines Öhrchen erfunden: Richtig zuhören!

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      1. Ja, das stimmt schon. Ich meinte aber, dass in der deutschen Normsprache das „-er“ eben nicht gesprochen wird (z.B. IPA zu ‚lecker‘: [ˈlɛkɐ]), ganz unabhängig von Dialekten, und das macht es eben schwierig. Ähnlich wie die Auslautverhärtung im Deutschen eben, das sind so Dinge, da muss man einfach durch, das kann man sich ja nicht immer von der Aussprache herleiten. Es bringt ja nichts, z.B. das „d“ am Ende von „Kind“ als deutliches ‚d‘ zu sprechen, weil es in der Sprachnorm ja nun mal zum ‚t‘ wird (also zumindest im Singular, im Plural haben wir’s dann ja doch wieder). Damit tun sich Schüler beim Schreibenlernen ja immer schwer, und seit man in der Grundschule nicht mehr so viel Wert auf Rechtschreibung legt, wird diese Problematik eben leider oft an die weiterführende Schule verlagert.

        Aber ja, beim Diktieren spricht man ja noch mal viel deutlicher (bzw. auch ein bisschen unnatürlicher) als sonst. Da ist das Öhrchen dann auch hilfreich 😉

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        1. Beim strategiebasierten Rechtschreiben – was gerade als das Non-plus-ultra gepriesen wird, würde man Kin“t“ verlängern, um Kin“d“er zu hören. Ich diktiere also durchaus Kin“t“ und die Kinder müssen selbstständig die Strategien anwenden, um rauszukriegen, ob hinten ein d oder ein t steht. Das wird tausendmal geübt. Und funktioniert trotzdem nicht. Nicht bei Hendrik und Rike, die Muttersprachler sind, und schon gar nicht bei Elif oder Maxim, denn die wissen gar nicht, wie man die Verlängerung nun exakt ausspricht. Und Josefine langweilt sich ohne Ende, denn sie hat die Strategien sofort kapiert.

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          1. Ohje. :/ Und wie war das früher? Wenn es da doch eher funktioniert hat, wieso kehrt man dann nicht zu den „alten“ Methoden zurück? Also, ich könnte mich nicht entsinnen, dass es bei uns so gravierende Probleme gegeben hat, was die Rechtschreibung anbelangt. Und klar beziehe ich mich da auch noch vorrangig auf Muttersprachler, die haben da eben Vorteile, aber wenn es jetzt selbst bei denen hapert…?

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            1. Einige der Kinder, bei denen es „hapert“, haben einfach prinzipiell ein Problem mit den Anforderungen am Gymnasium. Kinder mit Migrationshintergrund müssten unsere Sprache eh ganz anders erlernen und vor allem in ihrer Freizeit mehr mit Deutschsprachlern unternehmen, was leider oft nicht der Fall ist. Das eine ist also ein schulpolitisches, das andere ein politisches Problem. Rechnet man diese Kinder heraus, ist die Rechtschreibung gar nicht so katastrophal. Vor allem, wenn die Kinder aus Grundschulen kommen, in denen noch tatsächlich Wert auf richtiges Schreiben gelegt wird – und das nicht nur im Lernwortdiktat! Also hier allein drei verschiedene Ursachen.

              Für Kinder mit einer entsprechenden Vorbildung und dem entsprechenden Potential ist das strategiebasierte Rechtschreiben übrigens richtig gut, denn es funktioniert dann.

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