Der Wurm ist drin!

Liebe Leser,

es ist der 20. Dezember und in meinem Garten blühen die Veilchen. Ich sitze auf der Bank und trinke meinen Kaffee, esse ein paar Plätzchen und lasse mir die FrühlingsWintersonne ins Gesicht scheinen. Es ist so friedlich und langsam, ganz langsam entspanne ich mich. Zum Glück geht in der Familie alles seinen Gang, auch wenn Herr Henner ebenso viel zu arbeiten hat und wir beide uns fragen, wohin der Advent dieses Jahr eigentlich entschwunden ist – nicht nur meterologisch gesehen.

Ich bin so gerne Lehrerin und meine Klasse hat sich in den letzten Tagen sehr zusammen gerissen und sich von ihrer besten Seite präsentiert, dass ich, was meine Klassenleiterschaft anbelangt, wieder hoffnungsvoll dem neuen Jahr entgegenblicke. Auch sonst erwarte ich den Jahreswechsel. Ich möchte mit diesem unsäglichen Jahr in der Schule abschließen.

Im Kollegium herrscht eine solche Unzufriedenheit, dass es die Atmosphäre aller stark belastet hat. Selbst ausgeglichene Menschen wie ich leiden dann. Dabei geht es uns gut! Durch Gespräche mit Kollegen anderer Schulen weiß ich, dass unsere Schule funktioniert, vieles klappt besser als anderswo, so vieles wird nicht über die Köpfe des Kollegiums entschieden, so vieles wird von der Schulleitung abgefangen. Das sehen jedoch viele Kollegen nicht, die Meckerecke wird immer größer und lauter. Sie reißt uns alle mit in den emotionalen Abgrund. ICH WILL DA RAUS! Aber anderswo ist es – wie gesagt – sicher nicht besser und überhaupt, ich komme da nicht raus. Mein Schulleiter lässt mich nie im Leben gehen. Ich muss selbst etwas verändern…

Und dann habe ich mich tatsächlich auf unser Weihnachtskonzert gefreut. Der letzte Samstag im Schuldezember, ein altes Ritual, das kleine Orchester, die große Big-Band, der Schulchor, ein paar Sologesangseinlagen – für eine kleine Landschule ein stattliches Repertoire. Lassen wir das alte Jahr hinter uns, blicken wir nach vorne. Denken wir einmal nicht an die Schule, sondern lassen uns auf die Weihnacht einstimmen. Mit diesem Vorsatz fahre ich mit meiner Familie am Samstagabend zum Schulkonzert. Es wird ein unerträglicher Abend werden, den ich heute noch zu verdauen habe.

Ich erwarte kein Jugend-musiziert-Niveau, es ist ein Schulkonzert, aber die letzten Jahre waren doch auch in Ordnung. Was ist da bloß los? Die Instrumentalisten spielen so schlecht, dass es wirklich weh tut. Herr Henner guckt mich entsetzt an. „So schlecht sind die sonst nicht“, stammele ich. Der Chor singt so leise, dass wir schon in der Mitte des Publikums nichts mehr verstehen, und auch der Big-Band fehlt jeder Pep.

Am schlimmsten ist allerdings die Mentalität der Schüler. Vor dem eigenen Auftritt sind sie so aufgedreht, dass sie ständig reden, dem Vordermann Kopfnüsse verteilen und sogar aufstehen und rumlaufen – der Boden der Kirche knarzt, die Treppe zu den Emporen poltert. Sobald der eigene Auftritt vorbei ist, interressiert sie gar nicht mehr und sie benehmen sich entsprechend. Die Musiklehrer sind mit ihrer Performance beschäftigt. Die Schüler reagieren nicht auf die Erwachsenen, die sie ermahnen. „Pscht!“ wird einfach ignoriert.

Ich verschicke ein paar böse Blicke. Die Schüler meiner Klasse hören dann auch auf zu stören. Lissy guckt ganz schuldbewusst. Die anderen Schüler meiden absichtlich jeden Blickkontakt und ich bin gefangen in meiner Bankreihe und ganz ehrlich: Ich bin heute Abend bloß Gast, ich will mal keine Aufsicht führen müssen!

Anderthalb Stunden warte ich jede Minute, dass es endlich vorbei geht. Ich zähle die Titel auf dem Programm und zähle dann rückwärts. Das kann doch nicht wahr sein, selbst beim Weihnachtskonzert ist dieses Jahr der Wurm drin! Ich bin ehrlich erleichtert, als es überstanden ist und fliehe mit Lucy und Herrn Henner in die milde Nacht. Die Musiklehrer, die sich sonst nicht leider können, liegen sich noch beim Applaus in den Armen. Über allem scheint ein Stern.

Ist es ein fallender?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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12 Kommentare zu „Der Wurm ist drin!“

  1. Liebe Frau Henner, ich kann mir das Weihnachtskonzert an euerer Schule in etwa vorstellen.
    Auch ich war an meiner Schule am Donnerstag im Weihnachtskonzert; allerdings hatte ich vom Niveau nicht viel erwartet, nachdem ich bereits vor zwei Jahren, als ich neu an die Schule kam, gelinde gesagt erstaunt war. Nachdem es aber inzwischen nicht einmal mehr einen Profilkurs Musik gibt, kann zumindest von diesen Schülern einen niemand mehr überraschen mit Grundkenntnissen auf seinem Instrument.
    Das einzig brauchbare war dieses Jahr der Oberstufenchor. Ich hab mich allerdings für die Outfits der Mädchen fremd geschämt; nicht wenige sahen wie Prostituierte aus; ich übertreibe nicht.
    Einen Unterstufenchor gibt es nicht (!) und im Mittelstufenchor sind sieben (!!) Schüler – bei einer Schüleranzahl von 800 Schülern in der Schule…
    Die Schulband war fast schon peinlich: Schief singende Mädchen, die so selbstbewusst vorne stehen, als seien sie Popstars.
    Insgesamt spiegelte das niedrige Niveau das scheinbar immer weiter sinkende Niveau der Schulleistungen des durchschnittlichen Schülers wider…

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    1. Ich hoffe ehrlich, dass wieder bessere Jahrgänge kommen! Obwohl das ja eigentlich beim Konzert kein Jahrgangsproblem ist… nun gut, die Big-Band ist seit dem letzetn Abitur merklich ausgedünnt. Kann das tatsächlich daran liegen, dass die jungen Menschen weniger Zeit in ihr Hobby Musik investieren?

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  2. Eine Musiklehrerin, die ich mal fragte, weshalb es eigentlich immer weniger Schüler gebe, die ein Streichinstrument erlernen, meinte, es läge daran, dass die Schüler nicht mehr das Durchhaltevermögen hätten. Sie seien es gewohnt, immer sofort alles zu bekommen und nicht mehr, sich etwa über einen längeren Zeitraum erarbeiten zu müssen.

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  3. Puuh, schwierige Situation. Da mein altes Gymnasium einen recht erfolgreichen – im Sinne von: gut vernetzt, überall unterwegs, etc. – Musikzug hat(te?), gab es bei uns auch regelmäßig Aufführungen, gibt es noch immer. Leider merke ich davon immer erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Aber unvergessen bleibt mir die Carmina Burana in Erinnerung, ein Mammutprojekt, an dem zig Schüler und Lehrer gearbeitet haben – und das sich auch so anhörte.

    Ich glaube, Anna hat insofern recht, als dass bei vielen Schülern die Frustrationstoleranz geringer ist als früher. Andererseits haben viele heute auch das Problem, kaum noch Zeit für Freizeitaktivitäten zu haben, zwischen Nachmittagsschule, Sport, Nachhilfe etc.

    Ich drücke dir bzw. deinem Kollegium die Daumen, dass sich die Situation bessert, so schwer das momentan auch machbar scheint.

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  4. Irgendwie könnten sie gerade auch von meiner Schule sprechen, nur dass die in Nds steht. Die Qualität unseres Weihnachtskonzertes sinkt von Jahr zu Jahr. Und alle haben die Hoffnung, dass jetzt nach der Umstellung zurück auf G9 wieder stärker AGs belegt werden. Ich bin glücklicherweise in einem Jahrgang der irgendwie sehr musikalisch ist und wir haben sogar einen relativ ordentlichen Musik LK hinbekommen. Allerdings zähle ich selbst mit meinen 9 Jahren am 1. Instrument und seit 2 Jahren zusätzlich am 2. Instrument auch eher zu den Ausnahmen… „Leider“ macht mein Jahrgang in wirklich allen musikalischen AGs ca. 40% aus, sodass alle Musiklehrer sagen, dass mindestens die Hälfte von uns noch mindestens ein Mal sitzen bleiben muss um die „Kleinen“ anzuwerben und anzulernen…

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  5. Die Gründe sind meiner Meinung nach vielfältig. Meine Kinder spielen klassische Orchesterinstrumente und sind / waren in der Grundschule eher Exoten. Dass hier täglich (!) geübt wird, stempelt mich fast schon zur Eislaufmama. Aber für ein Saiteninstrument ist das einfach unerlässlich. Das fordert die Eltern, denn sie sind bei den Kleinen für die entsprechende Motivation verantwortlich. Ich wohne hier städtisch, der Großteil der Kinder geht zur Nachmittagsbetreuung in der GS. Für alle Fächer, die die Musikschule nicht ohnehin im Haus der GS unterrichtet, wird es organisatorisch schwierig.
    Dann die Schulen selbst: An vielen Grundschulen gibt es gar keine ausgebildeten Musiklehrkräfte. Nur etwa 20% aller Musikstunden in den den Grundschulen im Ländle wird tatsächlich von Fachkräften unterrichtet, hat der Verband der Schulmusikder vor einigen Jahren ermittelt. Dies ist allerdings auch dem Fächerverbund MeNuK geschuldet.
    Wie viele Lehrerwochenstunden werden in musikalische AGs investiert? An der Grundschule meiner Kinder noch relativ viele, an vielen – auch Gymnasien – gar keine. Sind diese attraktiv für die Zielgruppe? Dort wo es gut funktioniert ist ein „Musiklandheim“ auswärts als externe Probenphase üblich.
    Und sicherlich auch das Gymnasium selbst. Mein Sextaner hat 2x wöchtenlich Nachmittagsunterricht, dazu zwei Fremdsprachen (L, E). Da er bereits ein Instrument spielt außerdem 3x wöchentlich Unterricht bzw. Probe in der Musikschule. Dass er den vierten musikalischen Termin in der Schule nicht wahrnehmen möchte, kann ich absolut verstehen.
    Mein persönliches Fazit: Die wirklich guten Kinder werden von den Schulensembles nicht gelockt („das ist so furchtbar, jeder spielt einen anderen Ton und die Lehrkraft sagt nix“), allein von der „ich-möchte-mich-selbst-verwirklichen-Fraktion“ kann man kein klassisches Musikleben aufbauen.

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    1. Danke für die ausführliche und persönliche Analyse! Auch ich denke mit Grauen an die Flötengruppe in der Grundschule, die von einer Nichtmusikerin unterrichtet wurde, um die Lehrerin weniger im regulären Unterricht einsetzten zu müssen. Und ja, wenn ich abends meine Busaufsicht erledige und dran denke, wie spät es eigentlich ist, dann kann ich die Schüler verstehen, die dann nicht auch noch üben wollen. Und ohne Üben ist halt auch kein Erfolg zu erwarten. Ein bisschen Rumklimmpern macht vielleicht Omas glücklich, aber es ist noch keine ernst zu nehmende Musik.
      Eine Ganztagesschule muss her, aber um die Qualität kümmert man sich erst einmal nicht, so zumindest landauf landab die Tendenz. Eine AG mit wenig Verpflichtungscharakter kann das tagtägliche Üben und die fundierte Musikschulausbildung nicht ersetzen. Aber wenigstens sind die Kinder betreut, so sagte man mir. Wer will schon Elite? Das darf man ja gar nicht mehr sagen. Wieso sollen einzelne Kinder einen Vorteil haben, nur weil ihre Eltern auch außerhalb der Schule kümmern? Das führt dazu, dass man bei uns am Ort die Grundschule jetzt künstlich in den Nachmittag verlängert, damit alle Kinder in den Genuss der Ganztagsschule kommen und die Extraförderung durch das Elternhaus nicht mehr so viel Einfluss haben kann! Absurd!

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