Mein Weihnachtsbaum

Liebe Leser,

am 23. Dezember wird der Weihnachtsbaum angeputzt und jeder Gedanke an Schule verdrängt. Herr Henner hat das gute Stück im Wohnzimmer aufgestellt und nun dürfen die Frauen schmücken. Wehe, jemand verlangt von wegen Gleichberechtigung, dass ich den Baum ins Wohnzimmer hieven soll und mein guter Ehegatte dafür die Kugeln aufhängt. Ich möchte es schön klassisch!

Kugeln gibt es sowieso kaum, unser Weihnachtsbaum ist ein Sammelsurium von Dingen, die keinen objektiven Wert haben, aber mir trotzdem ans Herz gewachsen sind. Jedes Jahr freue ich mich wieder, wenn ich die Kiste öffne und die Geschenke lieber Menschen sehe, die sie mir irgendwann einmal gemacht haben.

Mein ältester Schmuck stammt noch aus meiner Jugend, als eine eher flüchtige Bekannte mich beim Wichteln in der Jungen Gemeinde gezogen hatte und für mich wirklich schöne Laubsägearbeiten angefertigt hat. Schon damals war ich gerührt von der Mühe, die sie in dieses Wichtelgeschenk gesteckt hatte. Wenn ich diesen schlichten Holzschmuck aufhänge, denke ich an Ricarda, die ich sonst schon längst vergessen hätte, weil sich unsere Wege nur kurz kreuzten. Ich ging nach dem Abitur in eine andere Stadt, sie gleich in ein anderes Land. Aber Weihnachten bekommt Ricarda einen Platz in meinem Herzen. Wenn ich ihre Laubsägearbeiten anschaue, denke ich an sie und frage mich, wie ihr Leben verlaufen ist, was sie wohl gerade tut.

Lucys gefilzte Girlande hänge ich genauso auf, wie die Holzfiguren, die meine Mutter schon an ihrem Weihnachtsstrauß hängen hatte und ich denke an meine Kindheit so wie Lucy vielleicht schon an ihre vergehende. Die Anhänger von Tante Suse sind besonders schön und lassen mich einen Augenblick an diese seltsame Frau denken, die ich erst kennen lernte, als die Demenz ihr schon wunderliche Züge verlieh. Das Glöckchen von der einen Freundin, den kleinen Stern mit Funkelkristall von der anderen… nur von Dörte habe ich nichts – sie ist Zeugin Jehova – da muss ich wohl einen anderen kleinen Gegenstand von ihr zum Christbaumschmuck umfunktionieren… Der Filzwurm meines Bruders war ursprünglich wohl auch nicht dafür gedacht, macht sich aber ganz gut zwischen den vielen Geschenkeanhängern, die meine Schwiegermutter so gerne verteilt. Die Fröbelsterne haben wir gemeinsam gefaltet für ein vergangenes Weihnachten, an dem die ganze Familie beisammen sein konnte.

Und so hat jedes Stück seine Geschichte. Selten kaufe ich etwas für den Baum. Und wenn, dann weiß ich jetzt noch, wo ich dieses Stück erstanden habe und auch das hat wieder eine Bedeutung.

So wird unser Weihnachtsbaum zum schönsten Baum. Jedes Jahr neu dekorieren, modische Kugeln kaufen, das käme mir nie und nimmer in den Sinn. Nur jedes Jahr mindestens einen Schmuck hinzubekommen, das wär schon was. Etwas von einem lieben Menschen sammeln, ob ich nun noch Kontakt zu ihm habe oder nicht, spielt keine Rolle. Und wenn es nur zu Weihnachten ist, aber doch denke ich dann jedes Jahr wenigstens einmal, wenn ich sowieso in guter Stimmung bin, an die Menschen, die aus meinem Leben schon wieder entschwunden sind.

 

Ich wünsche euch allen eine schöne Weihnacht – zusammen mit euren Lieben oder doch wenigstens in Gedanken bei ihnen!

 

Viele weihnachtliche Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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12 Kommentare zu „Mein Weihnachtsbaum“

  1. Wenn Du lieber Kugeln aufhängst und er lieber den Baum hereinträgt, ist das doch okay. Dann seid ihr euch doch einig. Und wenn er lieber dekorieren und du lieber tragen würdest, wäre das doch auch in Ordnung, oder?
    Gleichberechtigung hört für mich erst dort auf, wo jemand eine Aufgabe übernehmen soll, nur weil er oder sie männlich oder weiblich ist, unabhängig davon, ob er das will/kann.

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      1. schon die bezeichnung als „männerkram“ sorgt zuverlässig dafür, dass frauen, die sowas mögen, als „unweiblch“ verunglimpft werden und die gesellschaft weiterhin zuverlässig gegendert (und damit massiv diskriminierend gegenüber leuten, die diesen stereotypen widersprechen!) funktioniert. du musst also das körperlich anstrengende für mich als „hardlinerin“ nicht mögen, aber bitte aufhören, leute, die das mögen, obwohl sie sich selbst als weiblich betrachten, als komsch oder unnormal oder „unweiblich“ zu markieren. ich bin sicher, das war nicht deine absicht, aber das ist nunmal die wirkung des gebrauchs solcher worte, solange wir in einer patrichalischen gesellschaft leben. man kann das nur unbeschwert sagen, solange man auf der priviliegierten seite (= frau, die mit den üblichen zuschreibungen glücklich und happy ist, weil es ihrer subjektiven vorliebe entspricht bzw. demenentsprechender mann) der ganzen veranstaltung ist. ein schritt hin zur wirklich emanzipierten gesellschaft wäre es, wenn jede/r selbst wählen könnte, was er/sie als weiblich oder männlich leben will. das geht nicht, solange körperlich anstrengendes als „männerkram“ bezeichnet wird, anstatt als „körperlich anstrengendes“. sprache bildet bewusstsein.

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        1. Danke, kecks!

          Frau Henner, ich finde einfach, dass du das leben sollen darfst, was du als Person bist. Und dein Mann auch. Abhängig von euren Persönlichkeiten, Neigungen, vielleicht auch Absprachen untereinander. Aber eben unabhängig davon, ob ihr weiblich oder männlich seid! Dann ist es nämlich redundant, etwas als „klassisch“ (nicht „nicht klassisch“) zu bezeichnen.

          Einen guten Rutsch wünsche ich Euch beiden!

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        2. Für mich ist übrigens körperlich anstrengend nicht unbedingt gleich männlich, das ist eine glatte Unterstellung (nur weil das hier beim Weihnachtsbaum der Fall war). Hätte man meinen Opa mal einen Waschtag machen lassen, wie ihn früher meine Oma machen musste, dann… holla!

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          1. Okay, warum ist dann der weihnachtsbaumtransüprt für dich sog. Männerkram? Die allermeisten in unserer aktuellen Gesellschaft würden das über kraft und Stärke machen, also im umkehrschluss (und der ist leider inhärent immer schon drin, wenn man attribuiert) über Frauen = eher schwach und hilfsbedürftig, passiv, schön statt verschwitzt etc.

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  2. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles gute fürs neue Jahr!

    Nachdem ich mich vor ein paar Wochen durch Deinen gesamten Blog gelesen habe, kam der Beitrag zu den Märchen der Fünftklässler genau richtig. Habe ihn meinem Sohn vorgelesen, der in seinem Übungsaufsatz auch eher eine Drachenschlacht verfassen wollte, anstatt eines Märchens. Heute bekamen wir von unserer Deutschlehrerin ein Märchenbuch per PDF aller Märchen der Kinder. Und siehe da , zwischen all den wilden Kämpfen hat mein Sohn über verzauberte Hasen geschrieben, ganz ohne Kampf. Somit hat Dein Beitrag mich, und bestimmt auch unsere Lehrerin, glücklich gemacht. Vielen Dank dafür!

    Ich freue mich schon auf viele weitere lustige, nachdenkliche und spannende Beiträge in 2016.

    Steffi

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    1. Es freut mich sehr, wenn deinem Sohn das Märchenschreiben trotzdem Spaß gemacht hat und ich finde es auch gut, wenn in den Kommentaren diese Geschichten durch eure Erlebnisse weitergesponnen werden, dann ergibt so ein Blog erst richtig Sinn – danke!

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