Erziehungsstile

Liebe Leser,

in meiner Familie spielt man Klavier – also die Kinder, das ist so ein ungeschriebenes Familiengesetz. Nun ist es interessant, wie unterschiedlich meine Geschwister damit umgehen. Über die Feiertage war ja reichlich Gelegenheit, die Familienbande fester zu knüpfen. So geschehen.

Bei der einen Familie wird nach dem Essen vorgespielt. Da setzten sich die Gäste aufs Sofa und die lieben Kinder gehen ans Klavier und spielen die neusten Stücke auf einem recht ordentlichen Niveau vor und es gibt den wohlverdienten Applaus.

In der anderen Familie wird eigentlich nicht vorgespielt. Vielleicht hat eines der Kinder mal Lust und zerrt die Tante zum Klavier und setzt sich geschwind und haut mal kurz in die Tasten. Aber da kann es auch sein, der Deckel wird abrupt zugeworfen und fort ist das Kind.

Jeder soll bekanntlich nach seiner Fasson glücklich werden. Denkt man. Wenn nur die einen Eltern nicht sagen würden: „Also dieses Vorgespiele, das machen die Kinder doch nur, weil die Mutter das will. Das sind dressierte Puppen! Und nur, damit die Mutter sich besser fühlen kann, also das will ich nicht!“ Und die anderen sagen: „Also wenn ich schon Geld ausgebe, da soll auch was herauskommen. Ich werfe doch nicht jahrelang dem Klavierlehrer das Geld in den Rachen und dann kann mein Kind trotzdem nichts.“ Die einen Eltern sagen: „Ein Kind muss nicht vorspielen, Musik darf nur aus spontaner Freude entstehen.“ Die anderen Eltern sagen: „Ohne Üben wird das nichts und dann macht es auch keine Freude.“

Es geht hier nicht nur um das Klavierspielen, das ist quasi nur der Kristallisationspunkt. Bei den einen geht es ums Fordern, bei den anderen um das sich freie Entwickeln.

Schade nur, dass man den anderen nicht einfach machen lässt, sondern immer in Versuchung ist, die eigene Sicht verteidigen zu müssen – indem man die Handlungen des anderen ablehnt.

Wir verstehen den anderen eben schon bei den kleinsten Dingen nicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu “Erziehungsstile”

    1. Kannste gerne machen, aber ganz ehrlich – nein, hat gar nichts mit unserem Disput zu tun. 😦 A) tatsächlich erlebt über die Feiertage B) ich stehe ja nicht auf der einen oder anderen Seite, ich sitze quasi zwischen allen Klavierstühlen 😉

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    1. Im Prinzip: ja. Nur kommt bei der einen Familie (Kinder) auch kaum was dabei heraus. Die andere Familie (Eltern) ist arg ambitioniert. Beides nicht so mein Ding.
      Mein Standpunkt: Kinder fordern, damit sie die eigenen Möglichkeiten erkennen, aber rechtzeitig loslassen, damit sie ihren eigenen Weg und nicht den der Eltern gehen.

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      1. … dann setze ich mich mal mit „zwischen die Stühle“.

        Ohne Üben wird das nichts, da unterschreibe ich durchaus. Andererseits: Nicht jede(r) ist eine Rampensau und über Solovorstellungen erfreut. Mein Sohn beispielsweise sagt er spiele nicht gerne solo. Kein Problem, dann lässt der Lehrer ihn in einem Ensemble auftreten.. Bei Klavier aber eher unüblich bis schwierig, insofern bin ich froh, dass meine Kinder typische Ensembleinstrumente spielen. Da ist das zusammen Musizieren von Anfang an gewünscht und gefördert.

        Aus musikalische Sicht kann man sich fragen, warum diese Kinder Klavier spielen (müssen). Ist es wirklich das Herzensinstrument, weil das Kind genau diesen Klang so liebt? Oder eher der Wunsch der Eltern, weil das Möbelstück nun mal im Haus steht und das Bedienen desselben zum „guten Ton“ aka „guter Erziehung“ dazugehört?

        An der Schilderung vermisse ich außerdem die Rolle der Eltern. Sind sie aktive Musizierpartner? Wenn nein, warum nicht? Welcher Erwachsene würde sich gerne in dieser Form vorführen lassen?

        Andererseits: Musik hat sehr viel mit Empfindung zu tun. Wahre Musikalität zeigt sich meiner Meinung nach tatsächlich nur, wenn sie aus innerer Überzeugung kommt und hat erstmal nichts mit Technik zu tun. Diese ist in erster Linie eine Frage des Fleißes, der von ambitionierten Eltern vermutlich deutlicher gefordert wird.

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        1. Zum Verständnis. Die Kinder spielen Klavier, vielleicht weil das Instrument da ist und schon die Mütter gespielt haben, aber vielleicht, weil es sich auch einfach so ergeben hat, vielleicht kam der Wunsch sogar von den Kindern. Ich weiß es nicht.
          Die Kinder, die viel üben, spielen es auch gerne und gut. Bei den anderen Kinder ist es, glaube ich, eher etwas, was man halt mal angefangen hat, wie viele Hobbys, nicht doof, aber auch nicht wirklich eine Herzensangelegenheit.
          Mit der Musikalität ist das so eine Sache. Wenn man nicht gerade ein Ausnahmetalent ist (ist keins der Kinder), dann muss man sich eine gewisse Sicherheit erarbeiten, erüben. Das wird von den einen Eltern eingefordert. Die sind sehr ambitioniert. Da die Technik nun durchs Üben da ist, macht das Spielen keine Mühe mehr, was die Freude fördert. Bei den anderen wird gar nichts eingefordert. Deshalb macht das Spielen noch verhältnismäßig viel Mühe. Das tut der Freude am Klavier erstaunlicherweise keinen Abbruch, wohl aber der Freude beim Zuhören 😀

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