Jan tickt aus

Liebe Leser,

 

da habe ich nun alle meine Schäfchen wieder beisammen. Langsam gewöhne ich mich tatsächlich an die Art meiner Fünfer, aber seltsam ist das schon: Wenn ich im Flur Serafina oder Nadja aus meiner alten Klasse treffe, dann kleben die beiden sofort wie Kletten an mir, die Jungen rufen ein kräftiges „Hallo, Frau Henner!“ und Felix will garantiert irgendwelche privaten Details von mir und meiner neuen Klasse erfahren. An der Glastür, die die Unterstufe und die Mittelstufe trennt, trennen sich dann auch unsere Wege. Im Flur toben die Fünfer – alle Fünfer bis auf „meine“. Die sitzen alle schon im Klassenzimmer und warten auf mich – jeder an seinen Platz. Seltsam, oder?

Egal wie langweilig mein Unterricht ist, sie arbeiten. Über die Ergebnisse will ich an dieser Stelle lieber nichts schreiben, denn es besteht hier ein großer Unterschied zwischen der Arbeitsroutine und der Ausbeute derselben. Nun ist es nicht so, dass ich vorsätzlich langweiligen Unterricht mache, aber er schleift sich halt so ein, weil die Kinder keinen Widerstand leisten und ich das Lehrbuch tatsächlich mal ein gutes ist, mit dem man prima arbeiten kann. Auf die Leckerbissen, die ich einstreue, reagieren sie nicht stärker oder lustbetonter als auf die Aufgaben im Arbeitsheft. Was soll es dann? Wen ich nicht ködern muss, der wird halt nicht geködert.

Ganz hinten sitzen ein paar Schwatzbasen, aber auch das ist so minimal, dass ich mir fast doof vorkomme, wenn ich dann doch mal Melanie und Lisa ermahne. Dass meine Klasse voller kleiner Egomanen ist, würde im Unterricht nie auffallen. Die Kinder sind Gehorsam gegenüber Erwachsenen gewohnt und überwachen sich sogar selbst. Das ist schon ein bisschen gruselig bei Fünftklässlern.

Nur Jan ist anders. Jan will Aufmerksamkeit und die bekommt er nicht. Immer ist er der Erste, der fertig ist, dabei hat er die Aufgabe schlampig erledigt. Wenn man ihm dann Tipps gibt, was er noch tun könnte, erledigt er das wieder in – sagen wir – drei Sekunden. Je öfter man ihm hilft, desto uneinsichtiger wird er. Denn er will mit seinen Meldungen eigentlich nur signalisieren, dass er schneller und besser ist als der Rest, was eine völlige Fehleinschätzung ist. Das passt so gar nicht in meine fünfte Klasse. Aber sie sind wirklich cool geworden.

Selbst Melanie verdreht nicht mehr die Augen, sondern ignoriert Jan einfach. Tim bietet sogar seine Hilfe an, Keran will Jan beruhigen, indem er sagt: „Alles in Ordnung, lass uns doch erst einmal die Aufgabe fertig machen.“ Kein Vorwurf schwingt in der Stimme mit. Und da tickt Jan aus.

Er heult, er schreit herum, dass man ihn beleidigt habe. Er würde gerne um sich schlagen, aber es bedrängt ihn ja keiner. Also rennt er raus und setzt sich heulend in den Flur. Das war nicht das erste Mal.

Nach zehn Minuten kommt Jan wieder herein und setzt sich an seinen Platz. Inzwischen haben die anderen die Aufgabe bearbeitet und wir können sie besprechen. Jan meldet sich eifrig, obwohl er gar nichts zu sagen weiß, denn er hat die Aufgabe ja gar nicht richtig gemacht. Deshalb sagt er irgendwelchen Quatsch, als er dann doch drankommt. Und wir alle ignorieren ihn und machen einfach weiter.

Ich bin gespannt, wohin die Reise mit Jan geht. Schaffen es die Kinder, ihn zu einem sozialen Wesen zu machen? Lernt er aus der Nichtbeachtung oder wird sie zu seiner völligen Isolation führen? Immerhin werden seine Austicker immer seltener. Aber daraus etwas zu schließen, wäre zu verfrüht. Das soziale Gefüge ist bei Zehnjährigen noch sehr fragil.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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2 Kommentare zu „Jan tickt aus“

  1. Hallo Frau Henner,
    ist Ihnen das schon mal vorgekommen, dass solche Jans sich genügend verändert haben um von Unterricht und sozialer Umgebung profitieren zu können? Falls ja, was waren die Faktoren, die geholfen haben?
    Meiner Erfahrung nach sind das bis jetzt immer Kinder gewesen, die einen kontraproduktiven emotionalen Druck durch Fehleinschätzung ihres Begabungsprofils (und des Motivationsprofils 😉 ) von Zuhause bekamen. Die Eltern (oder ein Elternteil) erzählt dem Kind seit Jahren wie genial es ist und suggeriert nonverbal wie wichtig dieses genial-sein für den Erwachsenen ist. Das Kind erhält nur Aufmerksamkeit, wenn es Anzeichen von Genialität zeigt oder von diesen berichtet („heute in der Schule war ich wieder doppelt so schnell wie alle anderen“). Aus Gründen, die im Beziehungsgeflecht liegen kann das Kind den Elternteil/die Eltern nicht enttäuschen, sonst bräche alles zusammen. Also baut es eine Scheinwelt auf von dem unverstandenen Genie und den bösen Lehrern und Klassenkameraden. Das Kind ahnt unterbewusst was los ist. Oft schaffen sie, die Diskrepanz durch besondere AGs in denen sie pseudoerfolgreich sind zu übertünchen (an unserer Schule findet man „Jan“ als eifrigen Teilnehmer und Störer der Kinderakademie. Auch glänzt er durch hohe Punktzahlen beim „Problem des Monats“, das er gemeinsam mit Mama jeden Monat löst. In unserem Team beim Robotecup für humanoide Roboter war auch ein „Jan“ dabei. „Jan“ besucht nicht ganz freiwillig die Chinesisch-AG, denn seine Karriere wird wohl mindestens international sein).
    Leider, leider gipfelt das in kompletten Versagen in der Kursstufe, wo man ihm noch viele Mitleidsmöglichkeiten gibt um sich durch Zusatzaktivitäten auf eine mittlere Note zu bringen, man aber merkt, dass er intellektuell völlig abgehängt ist. Und leider, leider muss man in der Kursstufe nirgendwo mehr nur auswendig lernen, sondern überall denken.
    Was sagt man dann zu den Eltern? Gibt es irgendetwas womit man ihr Herz oder ihren Verstand erreichen kann?

    LG
    Coreli

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    1. Das ist ja ein Ding! Sie beschreiben fast haargenau die Situation, in der Jan steckt. Die Mutter überschüttet das Kind mit Liebe, der Junge hat eine völlig falsche Selbsteinschätzung. Die anderen sind böse und er das Opfer. Wenn er das zuhause dann erzählt, weinen Mutter und Sohn zusammen. Der Vater bekommt langsam die Krise…
      An der Stelle läuft es bei Jan etwas anders: er ist zwar überfordert, aber die Eltern puschen ihn nicht so stark, ein Vorankommen auf dem Gymnasium würde ihnen schon reichen. Nix mit Kinderakademie und so. Deshalb will er jede Stunde beweisen, wie toll er ist, obwohl er es nicht ist. Er sieht das selbst nicht. Selten so ein sozialblindes Kind erlebt.
      Er hat gegenüber der Grundschule jedoch schon wahnsinnige Fortschritte gemacht. Im Unterricht kann er nervig sein, aber konsequentes Ignorieren hilft manchmal. (Natürlich nehme ich ihn auch dran, aber ich sage deutlich, wenn seine Beiträge nicht ausreichen ud unterbreche ihn auch, wenn er sich nur profilieren will. Wenn ich das mache, machen es seine Klassenkameraden nicht und es baut sich nicht gleich Klassenfrust auf – das ist hier die große Gefahr.) So sind seine Austicker wesentlich seltener geworden. Die große, dies vielleicht bedingende Veränderung zur Grundschule ist, dass die Mutter nicht mehr in Laufnähe zur Schule ist. So hart das klingt, aber Jan muss lernen, allein im Leben klar zu kommen. Die symbiotische Beziehung zur Mutter hindert ihn daran. Je weniger Einfluss sie auf die Schule hat, desto verständiger scheint er mir.
      Ich fürchte nur, dass seine Leistungen uns auf dem Gymnasium nicht solange die Chance geben, ihn sich allein entwickeln zu lassen. Das beschreiben sie auch sehr schön. Das ist so eine Hund-Schwanz-Sache.

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