Aber die ist doch noch so jung!

Lieber Leser,

es geht weiter. Das Kollegium simmert vor sich hin, noch kocht es nicht über, aber ab und zu blubbert der Unmut doch hörbar hervor. Wer wird unser neuer Medienberater? Vorab, ich habe nie überlegt, mich auf diese Stelle zu bewerben, das ist nicht mein Ding, können andere besser. Wo ist also das Problem?

Die Kollegen, die es könnten, sind im Kollegium nicht beliebt und noch zu kurz da. Alte Hasen fühlen sich mal wieder übergangen. O-Ton von heute:

„Auf den Unterricht kommt es mal wieder nicht an!“

„Der ist doch eh nur krank! Schon mal gemerkt, immer vor den Ferien und wenn er eine Klausur geschrieben hat…“

„Der ist doch noch viel zu jung, da wären jetzt erst mal andere dran…“

Über das Alter kommen wir in ein weiteres Gespräch. Frau von Ostrach erklärt mir, wie sie es bedauere, dass den jungen Kollegen zu viel aufgebürdet würde, dass man ihnen gar keine Gelegenheit gebe, sich erst einmal im Lehrerberuf zu etablieren. Fachlich mache man ja noch Fehler, aber das passiere halt, wenn einem die Erfahrung fehle. Nehmen wir Frau Carroll, was für eine reizende Kollegin. Muss sich noch einarbeiten, aber so eine nette Person! Ist ja noch so jung…

Das sagt Frau Ostrach mir ins Gesicht. Ich antworte nichts. Ständig erklären mir Kollegen, dass man Rücksicht auf die jungen Kollegen nehmen müsse, sie hätten ja noch nicht so viel Erfahrung. Man dürfe sie nicht so belasten.

Sehe ich so alt aus? Frau Carroll und ich sind fast gleichaltrig.

Ich erkläre beim Mittagstisch, morgen mit enganliegender Jeans, Push-up-BH und tiefem Dekolletee in die Schule zu gehen, Haare zum wippenden Pferdeschwanz und knalligem Lippenstift. Dann muss ich mindestens zehn Jahre jünger aussehen. Yeah!

Lucy guckt mich flehend an: „Mama, mach das bitte nicht!“

 

Ich habe in einer solchen Diskussion schon einmal zu einer Kollegin gesagt: „Ich bin übrigens auch so alt und muss trotzdem Drittkorrektur machen.“

Antwort: „Ja, Sie sind ja auch was anderes.“

Ein Alien?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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5 Kommentare zu „Aber die ist doch noch so jung!“

  1. @outfit: Wow, Frau Henner!
    Das mit den jungen KollegInnen ist ein Problem. Da sti,mme ich Ihnen zu. War/ist bei uns/an der ehemaligen Schule nicht anders.
    Wie lösen?
    Auf Mitsprache, besser Mitentscheidung bei der Einstellung pochen.
    Sollen die Jungen doch in eine Firma gehen. Da werden sie sehen, wo der Bartl den Most holt.

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    1. Bei den Einstellungsgesprächen ist das wohl schwierig herauszufinden. So haben wir uns ein absolutes Ei ins Haus geholt, das wohl bei dem Bewerbungsgespräch sehr überzeugend war. Die Chancenbeauftragte, die ja immer mit dabei sein muss, kann bis heute nicht verstehen, wie sie so geblendet werden konnte. Und dann werden einer Schule ja auch Kollegen zugeteilt. Manche haben sich an ihrer anderen Schule wegbeworben, weil sie dort nicht zurecht kamen, was nach unserer jetzigen Erfahrung nicht an dieser Schule lag!
      Aber zur Beruhigung, wir haben auch gute, junge Kollegen bekommen. Und ich gebe ihnen gerne drei, vier Jahre, um sich einzuarbeiten. Diese Zeit braucht man einfach an einer Schule, um die verschiedenen Schulstufen studieren zu können und eine gewisse Lockerheit zu erlangen. Mir tut es dann immer leid, wenn eine taffe junge Frau kommt und ich denke: „Mensch, mit der könnte ich gut zusammenarbeiten!“, und dann brauche ich nur zwei Jahre zu warten und der Bauch wird rund und runder und weg ist diese Kollegin…

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  2. Ach Frau Henner, du bist bestimmt – von dem, was ich hier rauslese – einfach so kompetent und gut organisiert, dass die Kollegen schnell vergessen, dass du noch so jung wie z.B. Frau Carroll bist. 😉 Nimm es als Kompliment!

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    1. Danke. Gut organisiert ja, kompetent in Ansätzen, alles ist steigerungsfähig! Aber ich bin halt recht jung eingestiegen und werde deshalb als schon lange da wahrgenommen. Viele sind nach mir gekommen. Für die gehöre ich zum Inventar! Und es lässt sich nicht leugnen: irgendwann wachsen die ersten grauen Haare und das mit dem Push-up, da hat Lucy Recht, das lasse ich lieber mal. Authentizität ist ja auch ein Kriterium 😉

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