Alle gegen einen?

Liebe Leser,

es ist mitten im Unterricht. Gerade wuseln die Fünfer geplant durcheinander. Plötzlich stehen Keran und Adam vor mir.

„Frau Henner, der Jan, der sagt immer „behindert“ zu uns. Wir haben ihm schon gesagt, dass uns das stört, aber der macht damit immer weiter. Können Sie vielleicht mal mit ihm reden?“

„Kann ich, mach ich, aber nicht hier und jetzt vor der Klasse. Danke Jungs.“

 

Die Fünfer wuseln weiter, der Unterricht nimmt seinen Lauf. Mann, früher sind wir doch auch nicht wegen jeder kleinen Hänselei zum Lehrer gerannt! Diese dummen, kleinen Streitigkeiten… ich hab doch entschieden Wichtigeres zu tun! Hefte einsammeln und Elternbriefe ausgeben zu Beispiel. Frau Henner vergisst die Sache.

In der Pause scheuche ich meine Schäfchen auf den Hof. Da schlendert Jan auf mich zu. Da war doch was…

 

„Ah, Jan, gut dass ich dich treffe…“

„Frau Henner! Sie wollen bestimmt mir über das reden, was Ihnen der Keran gesagt hat.“

„?“

„Na, der Keran hat mich bestimmt verpetzt!“

„Was könnte er mir denn gepetzt haben?“

„Das ist alles gar nicht wahr! Der Keran sagt zu mir, ich sei behindert und dann hab ich zum Adam gesagt, dass er selbst behindert ist!“

 

Jan schießen Tränen in die Augen. Seltsamerweise trocknen sie wieder, als ich ihn frage, was er eigentlich von mir erwartet. Ich schildere ihm meine Situation. Zwei Jungen, die sich gegenseitig beschuldigen. Ich war nicht dabei, wie soll ich da Recht sprechen? Und ein Schimpfwort bleibt ein Schimpfwort, selbst wenn man es „nur“ erwidert.

Später treffe ich noch ein paar aus der Klasse. Ich rede mit Josefine, dem vernünftigsten Mädchen der Fünften. Ja, bestätigt sie, der Jan beleidige oft. Tom, der Klassensprecher, nickt. Jan schießen wieder Tränen in die Augen, obwohl Josefine und Tom ganz sachlich gesprochen haben.

„Immer sind alle gegen mich!“, schluchzt er.

Ich möchte gerne jemanden hören, der Jan unterstützt, aber Jan kann niemanden benennen. Also bitte ich Jan, keine Beleidigungen mehr zu verwenden, und sage das gleich zu Keran und Adam.

Es gibt zwei Möglichkeiten:

  1. Jan hat Recht. Das würde bedeuten, dass die ganze Klasse sich gegen ihn verschworen hat und zusammenhält. Das ist allerdings definitiv nicht die Stärke meiner Klasse. Zusammenhalt?
  2. Keran und Adam haben Recht, bestätigt von Josefine und Tom. Das bedeutet allerdings, dass Jan ein großes Problem hat: er nimmt sich und seine Rolle in der Klasse gänzlich anders wahr als der Rest der Schüler.

Wie ich es drehe, mindestens ein Problem habe ich. Das merke ich dann auch zuhause, als ich die bitterböse Mail von Jan-Mama lese, die sie mir am Mittag geschrieben hat, in der steht, dass ich ihren Sohn nicht richtig behandele. Sie glaube ihm. Immer seien alle gegen ihren Sohn. Sie schildert mir den Vorfall, als sei sie dabei gewesen, unterstellt mir sogar Dinge, die ich nie gesagt habe. Armer Jan, wie findet er nur Zugang zur Klasse?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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9 Kommentare zu „Alle gegen einen?“

  1. Na, an der Antwort der Mutter kann man schon schön sehen, wie der Sohnemann ihre Coping-Strategien übernommen hat: Immer sind die anderen Schuld. Wenn der Kleine auf so eine Schützenhilfe von Muttern zählen kann, kann ich schon verstehen, warum er solche Sachen loslässt. Die Mama zieht ihn ja immer wieder aus dem Dreck. Sie glaubt nur ausschließlich ihm.
    Das kannst du ja ihr auch schön ins Gesicht reiben, da der Kleine ja auch Sachen über dich erzählt hat, die du nie so gesagt hast. Und wenn er schon bei solchen Dingen flunkert, warum soll er dann bei anderen Vorfällen nicht genauso lügen?

    Gefällt 3 Personen

  2. Wir unterrichten nicht zufällig die gleiche Klasse? Ich habe ziemlich ähnliche Situation und frage mich, wie ich da ran gehen soll. Gegenseitiges Beschuldigen und ein Schüler, der keinen findet, der ihn unterstützt. Allerdings ohne die mailende Mama.
    Es scheint tatsächlich die Wahrnehmung des Kindes zu sein, dass ihm die Rechtfertigung gibt andere zu beleidigen. Wenn er allerdings selbst beleidigt wird, ist das ganzfurchtbarschlimmböseböse.

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    1. Habe mit ihm so ein Psychospiel gemacht (Brett und Spielfiguren „Positioniere dich und deine Klassenkameraden“ usw.), das hat das bestätigt. Der Junge erlebt seine Umwelt völlig anders als der Rest, einschließlich mir. Das Problem geht aber noch tiefer – vielleicht auch bei dir, Pompeji. Dass sich Jan immer wieder in ausweglose Situationen manövriert, hat die Klasse durchschaut und so kann er dann doch zum Spielball der anderen Jungeninteressen werden. Zuerst ist er das schwarze Schaf, dann kann er leicht dazu gemacht werden. Ich kann die Wahrheit nicht mehr herausfiltern, je länger das geht.
      Ich brauche Hilfe. Nächste Woche ist mal wieder ein Gang zur Schulsozialarbeiterin fällig, auch wenn ich mir nicht viel davon verspreche. Ich bräuchte einen Kinderpsycholgen – einen guten! Aber woher den nehmen?

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  3. Hallo Frau Henner,
    da ist er wieder der Jan. Nun, er findet seinen Platz nicht und seine Mutter ist ihm leider gar keine Hilfe dabei. Im schlimmsten Falle ist es sogar so, dass ihn seine Mutter nicht mal besonders leiden kann.

    Ein Kind, das sich geborgen und geliebt fühlt, trägt nicht diesen Hass auf alle anderen Menschen in sich.

    Man kann evtl in der Frühpubertät eingreifen und ihn in Gemeinschaften integrieren, so dass Peer Group den mangelnden Halt im Elternhaus ausgleicht.

    Sonst bleibt Jan ein Kämpfer gegen seine eigenen Dämonen.

    LG
    Coreli

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    1. Klingt etwas gruselig.
      Aber ich glaube, die Realität ist noch gruseliger. Ich fürchte, es ist ein Mutter-und-Sohn-gegen-den-Rest-der-Welt-Verhältnis. Obwohl ein Vater da ist, gleicht der Sohn das emotionale Liebesbedürfnis der Mutter aus und erhält daraus Anerkennung. Über die Mutter definiert er sich als Persönlichkeit. Wie die Mutter ihn sieht, ist er. Deshalb die Konflikte mit der Umwelt, weil wir anderen nicht mit den Mutteraugen sehen.

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  4. Hach, der Jan. Den kenn ich aus meiner 5. Erst heute hat mich sein Vater per Email gebeten, Name und Adresse einer Mitschülerin rauszurücken, weil er sie anzeigen will… Der Jan-Schüler ist definitiv das Produkt der Jan-Eltern.

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      1. Vielleicht hat sie „behindert“ zu ihm gesagt?
        Das macht man nicht, ist wirklich unschön, aber hey, wurdet ihr als Kind nie beleidigt? Mich hat man mal „Zigeunierin“ beschimpft (gibt es eigentlich schon eine Doktorarbeit mit dem Titel „Schimpfwörter als Spiegel der Gesellschaft“?) und ich hab ein bisschen geweint und dann ging das Leben weiter. Und ganz sicher hab ich als Kind auch mal „Du dumme Kuh!“ gebrüllt und Gott sei Dank hat das andere Kind zurückgeschimpft und die Eltern blieben außen vor.

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