Im Gespräch mit Frau K. – Über Schulformen

Liebe Leser,

Frau K. ist eine befreundete Mutter, die sich sehr ambitioniert um ihren Nachwuchs kümmert, also eine Löwenmama oder noch besser eine Tigermom, denn sie gibt gerne zu, dieses Buch wirklich zu mögen, weil sie ihre Kinder vielleicht nicht so drastisch, aber eben doch so konsequent zu hohen Leistungen auf zumindest einigen Gebieten bringen will. Da sie in einer Universitätsstadt lebt, hat sie auch viele Möglichkeiten, ihren Nachwuchs zu fördern.

Kurz, sie liebt ihre Kinder, sie fördert ihre Kinder und nebenbei: die Kinder sind ganz normal. Da wir uns nur in der Freizeit begegnen, denn ich unterrichte ihre Kinder nicht, weiß ich nicht, wie viel Helikopter in ihr steckt. Das will ich nicht als Wertung, sondern nur als Beschreibung verstanden wissen. Frau K. wird schon verstehen, wie ich das meine. Wir sind oft nicht einer Meinung, aber dann diskutieren wir halt und reißen uns dabei nicht den Kopf ab. Das funktioniert, weil Frau K. durchaus mit einer gewissen Selbstironie über sich lachen kann.

Sie ist vielleicht nicht die deutsche Durchschnittsmutter, aber sie steht prototypisch für einen bestimmten Teil der Bevölkerung unseres Landes. Und ich werde in loser Reihe kurze Gespräche zwischen uns wiedergeben, denn welches Lieblingsthema hat Frau K. mit zwei schulpflichtigen Kindern? Richtig, prima, Eins, setzen. Schule!

Ich habe versucht, unser Gespräch aus dem Gedächtnis zu notieren, was mir ganz gut gelungen ist, auch wenn ich sicher den einen oder anderen Nebensatz unterschlagen habe. Aber die Kernaussagen konnte ich einfangen:

Frau Henner: Sag mal, Frau K., was wäre eigentlich, wenn man das Gymnasium abschaffen würde?

Frau K.: Also Lilo, jetzt mach mir keine Angst, wer will denn das Gymnasium abschaffen?!

Frau Henner: Ist nur so ein Gedankenspiel. Weißt du, wenn jetzt die Gemeinschaftsschule immer weiter ausgebaut wird, dann könnte es doch sein, das man sich dann fragt, was das Gymnasium noch soll?

Frau K.: Was hat das denn miteinander zu tun? Also das Gymnasium ist doch für die leistungsstärkeren Schüler da…

Frau Henner: Man könnte doch auch eine Art Gesamtschule machen, wo die schwächeren Schüler in Kursen gefördert werden und die stärkeren dann in anderen Kursen gefordert werden würden. Die Durchlässigkeit wäre höher.

Frau K.: Willste jetzt meine ehrliche Meinung?

Frau Henner: Nee, nur noch ein bisschen Kaffee… klar!

Frau K.: Also ich würde meine Kinder da nicht hinschicken.

Frau Henner: Und warum?

Frau K.: Na wenn alle zusammen sind Haupt-, Real- und Gymnasialschüler, dann wird doch das Niveau automatisch niedriger. Stell dir vor: Hälfte ist im Kurs leistungsstark und Hälfte ist im Kurs leistungsschwach. Also 1. Warum dann nicht gleich getrennte Schulen…

Frau Henner: Wegen der Durchlässigkeit…

Frau K.: Willste mir echt erzählen, dass so viele Schüler so unterschiedliche Leistungen bringen?…

Frau Henner: Weiß nicht, hab da keine Statistik…

Frau K.: Na wenn sich einer bei uns erst später macht, dann kann er ja immer noch sein Abi machen. Der Kaan, der ist jetzt in der sechsten doch noch aufs Gymmi gewechselt, das müsstest du doch besser wissen als ich, dass das geht! Und wenn Raffi das Gymmi nicht schafft, dann könnte er ja nach der Mittleren Reife noch die Oberstufe machen.

Frau Henner: Und 2.?

Frau K.: 2.? Ach so… ach ja, also ich will, dass sich meine Kinder echt anstrengen. Später kriegen die auch nichts geschenkt. Sie gehören zwar zu den guten Schülern, aber hätten sie denn dann noch einen Anreiz nach oben? Würde doch auch bequemer gehen. Also mein Raffi wäre dann mit weniger zufrieden. Jetzt hat er keine Wahl. Die Latte hängt hoch.

Frau Henner: Glaubst du wirklich?

Frau K.: Ganz ehrlich, ich würde meine beiden auf eine Privatschule schicken. Ich glaub nämlich nicht daran, dass man alle Menschen schlau machen kann, wenn man sie nur besser fördert. Ich bin mal ganz ehrlich, ich hätte Angst, dass vor lauter Förderung am unteren Leistungsrand meine Kinder zu kurz kämen.

 

Unser Gespräch driftete ab diesem Moment in eine andere Richtung (Mathe- und Lateinunterricht!). Dazu vielleicht ein anderes Mal. Warum erzähle ich euch heute davon?

  1. Scheint mir dieses Gespräch anschlussfähig an meine Diskussion mit Jan über die Gesamtschule und das Gymnasium und 2. habe ich gerne das Ohr am Volk. Ich möchte Menschen nicht wegen ihrer Meinung verurteilen, sondern ich möchte erst einmal wissen, warum sie so denken und was sie befürchten. Genau das will ich mit euch teilen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu „Im Gespräch mit Frau K. – Über Schulformen“

  1. Ich weiß nicht, für den absoluten Großteil meiner Freunde, meine Schwestern und mich war das Gymnasium eine super Schulform und ich wüsste jetzt nicht, warum das nicht auch für einen Haufen anderer Menschen so sein sollte. Ich kenne aber auch Leute, die mit der Gesamtschule super gute Erfahrungen machen bzw. gemacht haben. Ich wüsste ganz einfach nicht, warum man entweder das eine oder das andere abschaffen sollte – es ist doch gut so, dass beide existieren und man den Bedürfnissen entsprechend die Wahl hat.

    Ob was an der Befürchtung der Niveau-Absenkung dran ist, kann ich auch nicht sagen. In meinem Hinterkopf schlummert dieses Vorurteil irgendwie auch, aber ich kenne mich da zu wenig aus (bzgl. Statistiken o.Ä.), als ich mir da ehrlich ein Urteil erlauben würde. Aber bei „Ich glaub nämlich nicht daran, dass man alle Menschen schlau machen kann, wenn man sie nur besser fördert.“ muss ich Frau K. zustimmen, auch wenn ich „schlau“ vielleicht unvorteilhaft gewählt finde. Jedenfalls kann man nicht alle Menschen mit entsprechender Förderung zum Abitur bringen – und das ist doch auch völlig in Ordnung.

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  2. Hier in AT gibt es keine Realschule, dafür gab es an der Hauptschule Leistungsgruppen und für die starken Hauptschüler dann Oberstufenrealgymnasien und HTL bzw. HAK. Dann wurden die Hauptschulen in Neue Mittelschule umbenannt und die Leistungsgruppen abgeschafft. Mit viel Mühe findet man Evaluierungsberichte dazu. Viel Mühe, weil das Ergebnis eine Verschlechterung des Niveaus ist und das nicht sein darf.

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    1. Soweit ich weiß, war das wieder mal recht typisch: Schild „Hauptschule“ ab, Schild „Neue Mittelschule“ dran, weitermachen (Minus die Leistungsgruppen). Sonst kaum Veränderungen, geschweige denn Verbesesrungen.
      (Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, ich hab’s mehr mit dem Interesse eines Ausgewanderten aus der Ferne beobachtet und mir berichten lassen.)

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        1. Oh mei, verheerend. Ich war schon leicht erschüttert über die Qualität „Kostproben“ der Zentralmatura in den österreichischen Zeitungen, aber wenn DAS Ding jetzt auch noch so schlecht ausgefallen ist…übel, übel.

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  3. Ich sehe das ähnlich wie Frau K. bzw. du, Lilo. Die Durchlässigkeit des Schulsystems ist doch längst gegeben. Das Problem dabei ist nur, dass das mit Arbeit verbunden ist, und die Schüler nach der Realschule halt nicht gechillt zum Abi kommen. Nur: Das kann ja auch nicht Sinn der Sache sein, mit möglichst wenig Aufwand den Abschluss holen!
    Putzig ist dabei, dass stöndig jeder von Leistungsgesellschaft spricht, davon, dass sich Leistung lohnen mus (naja, schön wärs, aber dann schaut man sich die Lohnentwicklungen an…), aber dann in der Schule plötzlich sind alle Schüler gleich, und man soll bloß nicht anerkennen, dass es Unterschiede gibt, was geistige Fähigkeiten und Potential betrifft.

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  4. Eine gute Schule, egal ob Gymnasium oder Mittel- odder Realschule, wird gemessen an ff. Kriterien:

    SCHULE FÜR ALLE
    Schüler mit und ohne Behinderung, mit und ohne Migrationshintergrund, egal mit welchem sozialen Hintergrund – diese Schule ist bunt! Und: Alle begegnen sich mit Respekt, schätzen Unterschiede und Gemeinsamkeiten. So wird die Schule zu einem Ort, an dem Schüler, Lehrer und auch Eltern gerne sind.
    NETZWERK
    Eine Schule ist kein geschlossenes System, diese schon gar nicht! Sie
    kooperiert mit Unternehmen aus der Region, aber auch mit Jugend-, Sozialund Gesundheitsämtern. Verschiedene Kooperationspartner bringen sich auf vielfältige Weise in das Schulleben ein. Auf diese Weise ist die Schule nicht nur in das kommunale Bildungsmanagement eingebunden, sondern bietet ihren Schülern auch einen direkten Zugang zur Arbeitswelt.
    INDIVIDUELLE FÖRDERUNG
    „Das lernst du nie!“ Diesen Satz hören Sie an dieser Schule nicht. Die Lehrer orientieren sich an den Stärken der Schüler und fördern sie, und wenn etwas doch nicht so gut klappt, gibt es Lernangebote, die auf die Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten sind. Zum Beispiel Einzelförderung, Förderpläne öder individualisierte Unterrichtsformen. Außerdem erfassen die Lehrer die Lernstände ihrer Schüler systematisch – auch mit individuell erstellten Instrumenten.
    QUALITÄTSENTWICKLUNG
    Alle Lehrer lernen – an dieser Schule wird darauf besonders geachtet. Lehrer arbeiten in Teams, evaluieren ihre Arbeit, es gibt Fortbildungen, Feedbackstrukturen, klare Regeln, systematische Planung und klassenübergreifende Zusammenarbeit.
    ABSCHLÜSSE
    Wer diese Schule besucht hat, hat einen Abschluss – und zwar einen mit Anschluss. Die Absolventen haben Erfolg auf dem weiteren Bildungsweg oder auf dem Arbeitsmarkt – und landen selten im Übergangssystem. Außerdem gibt es während der Schuljahre kaum Wechsler, Abbrecher oder Schulverweigerer. Wer geht, wechselt auf eine höhere Schulform, nicht auf eine niedrigere.
    ELTERNARBEIT
    Eine Schule für Lehrer, Schüler – und Eltern. Sie sind hier immer willkommen, werden laufend informiert und es gibt für sie sogar Bildungsangebote. Vor allem jedoch können sie das Schulleben mitgestalten.
    RAHMENBEDINGUNGEN
    Diese Schule kann überall stehen. In Gegenden, die als sozialer Brennpunkt bezeichnet werden, genauso wie in allen anderen Gegenden. Eine Evaluation des Programms „Starke Schule“ der Hertie-Stiftung hat gezeigt: Gerade unter schwierigen Bedingungen sind solche Schulen erfolgreich.
    AUSZEICHNUNGEN
    Urkunden, Zertifikate, Pokale. Diese Schule ist buchstäblich ausgezeichnet. Sie nimmt an Projekten und Schulwettbewerben teil. Ihre Arbeit wird von Fachleuten anerkannt. Das zeigt nicht nur, dass gute Arbeit geleistet wird, es motiviert Lehrer wie Schüler auch, noch besser zu werden.
    Quelle: 105, Impulse für Wissenschaft und Gesellschaft, September 2014, Hrsg. Gemeinnützige HertieStiftung

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    1. Unsere Schule ist laut diesen Kriterien definitiv keine gute Schule:
      1. unsere baulichen Gegebenheiten ermöglichen kaum die Integration von körperbehinderten Schülern,
      2. die dividuelle Förderung ist nicht bindend verankert,
      3. es gibt klare Regeln und es gibt Wünsche an Kollegen, aber längst nicht alle halten sich dran,
      4. wer bei uns vor dem Abitur abgeht, wechselt fast immer in die „niedigere“ Schulform,
      5. zwar freuen wir uns über aktive Eltern, aber im Grunde werden sie nur geduldet.
      Alle andere Punkte klappen schon. Trotzdem rennen uns die Eltern die Bude ein. Für die meisten zählt als Kriterium halt nur das Abi. Ich glaube, das Gymnasium von Frau K. erfüllt auch nicht alle Kriterien einer guten Schule, ist auch bloß son normales Gymnasium.

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