Lücken in Umfragen

Liebe Ramona, liebe Leser,

da flatterte diese Woche eine Bitte um Teilnahme an einer Umfrage ins Haus und ich mache gerne mit und veröffentliche auch hier den Link, damit noch mehr Lehrer daran teilnehmen, man unterstützt ja gerne eine Masterarbeit einer Studentin der Hochschule der Medien in Stuttgart. Das Thema ist interessant: Nutzung mobiler Endgeräte im Schulunterricht. Erfahren wir auch die Ergebnisse?

Die Umfrage ist professionell gemacht: verschiedene Frageformen, man sieht immer, wie weit man ist und es überfordert einen auch nicht, da die Fragen präzise gestellt sind. Wenn ich daran denke, wie ich noch mit einem ollen Diktiergerät meine Basis für meine Staatsexamensarbeit aufzeichnen musste…

Aber einen Vorteil hatte das Ganze damals. Mein Gegenüber konnte mir immer sofort rückmelden, wenn er mit einer Frage nicht klarkam, wenn er in eine ganz andere Richtung wollte, wenn die Optionen zu eng waren. Das geht in einem Fragebogen nicht.

Seit einiger Zeit bin ich in einem Hochschulpool drin und bekommen regelmäßig Fragebögen zugeschickt. Auch dort fällt mir das Problem auf. Einige Fragen sind so gestellt, dass ich sie nicht zufriedenstellend beantworten kann. Zum Beispiel wurde ich schon mehrfach gefragt, wie oft und wie lange ich mit verschiedenen mir vertrauten Personen persönlich, d.h. von Angesicht zu Angesicht, oder per Computer kommuniziere. Das Ergebnis sieht ganz schön traurig aus, weil zum Beispiel meine Eltern nicht in Reichweite wohnen und auch keinen Internetzugang haben. Ja, es gibt diese Menschen noch! Was machen wir also? Wir telefonieren, mehrfach die Woche und meist mindestens eine Stunde. Aber diese Option gab es gar nicht. Telefone kennen die Hochschulen, wie es scheint, nicht mehr. Nun sieht es so aus, als sei ich ein sehr einsamer Mensch, was definitiv nicht stimmt. Die Fragebögen bilden nicht die Realität ab.

Nun zu der aktuellen Umfrage. Hier klickt sich also Frau Henner nach besten Wissen und Gewissen durch und kommt wieder an eine Frage, die sie nur falsch beantworten kann, weil die Frage durch ihre Verkürzung die Meinung der Frau Henner nicht abbildet. Es geht laut Überschrift um die Akzeptanz und das Potential mobiler Endgeräte im Unterricht. Drei Szenarien sind vorgegeben und ich soll mich entscheiden, welche mir am wahrscheinlichsten erscheint (in drei Jahren!):

  1. Digitale Lehrkonzepte setzen sich durch. Schulbücher werden zu 100% von Tablets ersetzt.
  2. Konzepte wie Flipped Classroom und adaptive Lernsysteme unterstützen den Unterricht. Vorausgeschaltet wird hier die Aussage: Lehrende werden zu Motivatoren und Projektmanagern statt reiner Wissensvermittler.
  3. Ernüchterung, digitale Lehrmethoden haben sich nicht durchgesetzt. Individualisierung ist noch ein Fremdwort.

So, und hier kann ich mich nur falsch entscheiden! Und ich werde sogar ein wenig ärgerlich. Aber ich möchte das genauer erklären und hoffe, Ramona, Sie lesen das hier auch, damit Sie diese Überlegungen in Ihrer Masterarbeit mit bedenken.

  1. Innerhalb von drei Jahren werden an meiner Schule nie im Leben die Schulbücher durch Tablets ersetzt. Die Stadt finanziert die Ausstattung der Schule. Unsere Stadt kann noch nicht einmal das marode Dach reparieren, geschweige denn Internetzugänge in die Klassenräume legen, weil schlicht das Geld nicht da ist. In drei Jahren – keine Chance. Obwohl ich den Ersatz der alten, schweren Schulbücher durch ein mobiles Endgerät im ersten Gedanken befürworte, kann das nicht die Lösung unserer Probleme sein. Schon gar nicht, wenn ich an die Umweltbelastung denke, die dadurch unbedacht gesteigert wird.
  2. Nicht jeder weiß, was Flipped Classroom ist und was genau unter adaptiven Lernsystemen verstanden wird, das müsste erklärt werden. Aber das ist nicht mein Problem. Ich habe ein Problem mit dem vorangestellten Satz. Er impliziert, dass a) die Lehrer heute nur reine Wissensvermittler sind, was definitiv nicht stimmt und somit eine völlig falsche Voraussetzung geschaffen wird. Und zweitens tut der Satz so, als würde ein Lehrer durch den Einsatz von Tablets automatisch zu einem Motivator bzw. Projektmanager, was ebenfalls Blödsinn ist, mal abgesehen davon, dass man mich mit diesen Worten jagen kann. Ich bin LEHRER, PÄDAGOGE kein Manager!
  3. Natürlich werden auch an unserer Schule momentan die neuen Medien heiß diskutiert. Nächstes Jahr geht der neue Medienbildungsplan an den Start, den jede Schule selbst zu verantworten hat. Keine Schule in BaWü kommt darum herum. Und das ist sinnvoll, denn wir können die neue Medienwirklichkeit nicht außen vor lassen. Digitale Medien gehören zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Tablets im Unterricht einzusetzen macht aber noch lange keine Medienerziehung und verbessert nicht die Lehre und auch nicht das Lernen. Ich muss also gar nicht von Ernüchterung sprechen, wenn ich recht realistisch konstatiere, dass in drei Jahren unser Unterricht immer noch nicht von digitalen Medien dominiert sein wird, wir ABER deshalb keinen schlechteren Unterricht machen. Wie war der letzte Satz? „Individualisierung ist immer noch ein Fremdwort“? Oh je, da treten Sie aber Türen ein:

Kann man Individualisierung nur durch den Einsatz von digitalen Medien erreichen? Ich glaube nicht!

Ist Individualisierung überhaupt erstrebenswert? Schauen wir uns mal um. Ich unterrichte sehr viele, sehr individuelle Kinder, die Probleme damit haben, wenn sie einen Standard erreichen sollen, der für alle gilt. Schule ist aber ein Gemeinschaftskonzept. Lernen wird an unserer Schule als gemeinsamer Prozess verstanden. Wir bilden Menschen zu Gemeinschaftswesen. Individuen sind es schon.

Tablets können den Unterricht bereichern, an Stellen, wo ihr Einsatz sinnvoll ist – und das ist nicht überall. Es wäre fatal, wenn wir nur noch in digitalen Medien denken. Jedes hat seinen Platz. Die gute, alte Kreidetafel übrigens auch, genauso wie Papier und Füllfederhalter. Ein guter Lehrer zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er weiß, wann er welches Medium braucht, und wenn er den Schülern vermitteln kann, warum er sich so entschieden hat, damit die Schüler auch etwas über Sinnhaftigkeit lernen – gerade in einer digital geprägten Welt.

 

Dieses Szenario konnte ich nicht anklicken, weil es das schlichtweg nicht gibt. Lehrer, die Lehrer sind und keine Projektmanager, die digitale Medien dann anwenden, wenn sie sinnvoll erscheinen, aber auch andere Medien souverän im Unterricht einsetzen.

Lernen geschieht im Menschen, nicht im Tablet.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ramona, begreifen Sie diesen Beitrag nicht als Meckerecke, sondern als konstruktives Weiterdenken. Ansonsten fand ich, wie oben bereits gesagt, die Umfrage gut und freue mich über die Ergebnisse, wenn Sie denn soweit sind. Ich hoffe, es machen genügend Lehrer mit, damit Sie einen aussagekräftigen Datensatz vorliegen haben. Alles Gute für Ihre Masterarbeit!

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8 Kommentare zu „Lücken in Umfragen“

  1. Da kann ich nur zustimmen. Ich habe die Umfrage vor ein paar Tagen auch mitgemacht (über eine andere Plattform) und hatte bei der zitierten Frage auch so meine Probleme: Tablets in 3 Jahren? Never! Wir haben nur eine Mini-Datenleitung und ein eingeschränktes Wlan – wer sollte uns eine Ausstattung mit Wlan in der ganzen Schule bezahlen? BYOD mag ja noch gehen, aber kaum ein Schüler ist bereit, sein Datenvolumen ausschließlich für die Schule zu „opfern“.
    Bin ich ein schlechter Lehrer, wenn ich Flipped Classroom und co. nicht nutze? O.k. – ganz schlecht bin ich nicht ;-), ich habe es immerhin schon mal probiert mit dem „umgekehrten Klassenraum“, kann das aber in meinem Fach gar nicht für alle Themen umsetzen. Und letztlich zählt in meinem Unterricht (Musik) auch eher das Gemeinschaftsergebnis und -erlebnis, in das sich die (oftmals ja sehr individuellen) Individuen einbringen sollen.
    Zu Punkt drei kann ich nur !!! als Bekräftigung deiner Gedanken schreiben.

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  2. Die Gedanken zu Punkt 3 schossen mir genauso durch den Kopf – ich halte es für einen schweren Fehler, alles, was der Fragesteller gerne in der Schule sähe, zwangsläufig mit „Neuen Medien“ (die so neu ja nicht mehr sind) zu verknüpfen. Das verengt den Blick viel zu sehr.

    Ich habe neuerdings ein Tablet und halte das Ding für äußerst ungeeignet für den Unterricht – die Tastatur ist dürftig und lädt dazu ein, nur kürzeste Mitteilungen zu schreiben; ich kann mir nicht vorstellen, damit ordentliche Exzerpte oder gar Texte herzustellen. Ich selbst nutze es nur, um halt ein bisschen auf meinen Lieblingsseiten herumzulesen, aber als echtes Arbeitsgerät fände ich es nicht nur unzureichend, sondern sehr nervig.

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    1. Ein Tablet kann schon was, ich nutze viel zu wenig Optionen. Im Grunde fotografiere ich gelungene Tafelbilder, speichere Noten und erstelle Listen, verzichte so immer mehr auf Papier – was eine Erleichterung ist. Es gibt Kollegen, die nehmen Tondokumente auf, filmen, projizieren, spielen Hörbeispiele ab… alles mit ihren privaten Boxen und co. Vieles davon ist sinnvoll und man hat weniger zu schleppen.
      Aber, und da gebe ich dir Recht, es geht ja darum, einen Lernerfolg zu erzielen – und ein Aha-Erlebnis ist nicht an Tablet und co gebunden. Es ist nett, wenn Kollegin Weinstett nicht mehr neben dem Unterrichtsmaterial noch den globigen CD-Player mitschleppen muss, aber ob Klein-Miriam nun mehr lernt, wenn sie das Hörbeispiel nun übers Tablet serviert bekommt, bezweifle ich. Was du mit nervig meinst, verstehe ich auch. Neulich wollte ich mal eben schnell eine Klassenliste erstellen, wer hat schon das Geld für den Ausflug bezahlt? Leider stürzte just in dem Moment mein tapucate mal wieder ab (was es ganz gerne tut). Zum Glück hatte ich noch eine alte Klassenliste und so ein altmodisches Ding – einen Stift – bei mir.
      Ich nehme Hörspiele auf, filme, gehe ab und zu in den Computerraum, aber seltsamerweise haben die Schüler häufig die größten Lernerlebnisse, wenn sie zum Beispiel einen beeindruckenden Text vor sich haben, schwarze Buchstaben auf weißem Papier.
      Das soll die Tablets nicht madig machen. Aber ganz ehrlich – vieles ist bloßer Schnickschnack. Schöner Schnickschnack zugegeben, aber doch Schnickschnack.

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  3. Ach, schön, dass du das auch so siehst. In meinem Praxissemester waren die Mentoren übrigens ganz (positiv) überrascht, dass ich gar nicht so dem „neue Medien“-Hype verfallen bin (trotz meiner Jugend 😉 !). Nicht, dass es große Möglichkeiten gegeben hätte: Nur 3 Beamer für die gesamte Schule, einen Raum mit Whiteboard etc., und das hätte ich als Praktikant niemals beansprucht. Mich hat das aber auch nicht gestört. Ich finde den guten alten Overhead-Projektor auch praktisch, und ich liebe Tafeln. Wirklich. Tafel und Kreide, das ist super. Ich möchte eigentlich gar nicht ohne dieses Medium unterrichten, also, auf lange Sicht. Und allgemein bin ich eben ein „Stift und Papier“ Mensch, ich habe auch meine Unterrichtsentwürfe nur in die Computer-Tabelle geklatscht, wenn der entsprechende Mentor das wollte. Selbst habe ich nur mit handschriftlichen Versionen gearbeitet.

    Das heißt nicht, dass ich die modernen Medien komplett ablehne oder gar nicht einsetzen würde. Natürlich werde ich auch davon Gebrauch machen, und ich finde ja auch nicht, dass Unterricht sich dahingehend „nicht weiterentwickeln“ darf oder so. Aber wie du schon sagst: Einen guten Lehrer macht es u.a. auch aus, dass er weiß, wann er welches Medium einsetzt. Ich fände es einfach nur schade, wenn man z.B. die Tafel im Zuge der Elektronisierung am Ende komplett abschaffen würde.
    Und ich bin übrigens auch immer schwer beeindruckt von Herrn Mess, der mit modernster Technik ganz hervorragend umzugehen versteht, wie es scheint.

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    1. Drei Beamer für die gesamte Schule? Is’n Witz oder doch nicht? Wenn ich das höre und vergleiche mit der Lamentiererei an unserer Schule, die zwar nicht super, aber doch besser als drei Beamer ausgestattet ist, wird mir ganz anders. Meine lieben kollegen haben echt gar keine Ahnung, wie es anderswo zugeht!
      Viele Praktikanten und Referendare arbeiten mit Tafel und Overhead, erst einmal muss man ja mit der Strukturierung einer Stunde klarkommen und da geht es um ganz andere Faktoren als das angewandte Medium…

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      1. Nee, es gab einen Beamer pro Stockwerk. Und an meiner Schule gibt es sogar nur 2 für die gesamte Schule. 😉 Es kommt eben immer auf die Mittel der jeweiligen Stadt an.
        Joaaa, aber ich war auch als Schüler schon kein Fan von zu vielen/zu modernen Medien, ich springe darauf nicht so an. Kann man mal machen, muss aber nicht jede Stunde sein. Und ich kriege übrigens schon die Krise, wenn PowerPoint mal wieder vorgeschrieben ist. Im Übrigen habe ich dahingehend ganz viele Lehrer gesehen, die jetzt nur noch mit PowerPoint unterrichten. Ein bisschen wie eine Vorlesung an der Uni.

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