Schwarzer Freitag

Liebe Leser,

unsere deutsche Sprache bedient sich in ihrer Bildhaftigkeit oft militärischer Redeweisen und eigentlich mag ich das nicht. Aber heute fällt mir kein anderer Ausdruck ein als: Die Einschläge kommen immer näher.

Als Kind war ich froh, in einer gesunden Familie zu leben, gestorben wurde anderswo. Aber je älter ich werde, desto mehr häufen sich die Hiobsbotschaften. Bei Klassentreffen können nicht mehr alle kommen, die Freundin bekommt Krebs, auf einmal trifft es mehrere Tanten, Menschen begehen Selbstmord, trennen sich, werden schizophren, verlieren ihre Kinder. Als ich klein war, waren alle noch da. Als Erwachsener kann man fast nur noch verlieren. Und was vor ein paar Jahren noch die Geschichten vom Hörensagen waren, trifft immer engere Freunde, Verwandte. Die Einschläge kommen näher.

Und heute platzt die Bombe so nah, dass unsere Familie zwar nicht getroffen, doch von der Druckwelle überrannt wird. Ratlos bleiben wir zurück. Telefonate müssen geführt werden. Wie spricht man mit einem Kranken? Was zählt im Leben noch, wenn für einen lieben Menschen gerade das Leben zu zerbrechen droht? Den ganzen Tag bohrt sich Angst durch meinen Körper, bis am Abend endlich die Hoffnung sich durchsetzt.

Es wird gut ausgehen.

Alles andere verblasst gegenüber dieser einfachen Notwendigkeit. Hausaufgaben? Kann man später erledigen. Korrekturen? Können liegen bleiben. Matheübungsaufgaben? Heute völlig egal. Wir nehmen im Leben vieles so ernst, zum Glück erkennen wir noch, wann wir das Leben ernst nehmen sollten.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu „Schwarzer Freitag“

  1. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie sehr solche Ereignisse die Perspektive verändern können. In meinem Fall betraf der Schicksalsschlag uns selbst und hat unseren Blick aufs Leben wieder etwas gerade gerückt.
    Dieses Gefühl, dass als Kind alles noch so fern war, beschleicht mich auch immer wieder mal. Es wird nie mehr so sein, aber dieses Stückchen Frieden sollte man ganz tief in sich bewahren, weil es in solchen Situationen halt geben kann.
    Ich wünsche dir und den betroffenen Personen alles gut und dass die Hoffnung auf das Gute euch durch die schwere Zeit trägt.

    Gefällt 1 Person

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