Verwirrung mit dem deutschen Schulsystem

Liebe Leser,

heute war nun Elifs letzter Schultag bei uns. Die Eltern waren nach der Halbjahresinformation recht schnell zu überzeugen, dass wir am Gymnasium ihre Tochter nicht adäquat fördern können. Der Abstand zwischen ihr und dem Rest der Klasse wurde immer größer. Wo andere Kinder sich langsam, aber stetig entwickeln, war bei Elif nichts zu merken. So deutlich sage ich das auch im Elterngespräch. Elifs Eltern sprechen nicht so gut deutsch, dass sie eine beschönigende Formulierung entlarven könnten. Lieber die Karten offen legen. Sie sind traurig.

„Wir wollten sowieso nicht Gymnasium“, sagt die Mutter, die ich zu diesem Elterngespräch zum ersten Mal kennen lerne.

„Ja, Elif wollte unbedingt. Hat gesagt, ich schaff das schon“, bestätigt der Vater.

Es nützt nichts darüber zu diskutieren, inwieweit zehnjährige Kinder solche großen Lebensentscheidungen überhaupt tragen können, zumal die Schüler an unseren Grundschulen bei dem beratenden Schullaufgespräch an der Grundschule meist nicht mit anwesend sind.

„Ein guter, solider Realschulabschluss ist ein gute Sache!“, sage ich und meine es ernst.

„Aber Realschule ist doch das gleiche wie Gymnasium?“, fragt der Vater.

Ich versuche mit einfachen Worten den Unterschied zu umreißen.

„Aha“, meint der Papa, „also wenn Elif dann auf Realschule wieder besser ist, dann kann sie wieder Gymnasium wechseln?“

„Sie kann nach ihrem Realschulabschluss auf ein berufliches Gymnasium wechseln und dort auch ihr Abitur ablegen, ja. Aber jetzt geht es doch darum, dass Elif Erfolge sieht, wieder motiviert wird. Ich wünsche ihr einmal eine Drei oder eine Zwei!“

Die Mama nickt eifrig. Dem Papa geht das mit dem Gymnasium nicht ganz aus dem Kopf.

„Und Nachhilfe, sollen wir weiterlaufen lassen?“

„Ich würde damit nicht sofort aufhören, lassen sie Elif Zeit, sich einzugewöhnen. Aber dann sollten sie die Nachhilfe zurückfahren. Wissen Sie, ich denke, ein Kind sollte auf die Schulform gehen, wo es ohne dauerhafte Nachhilfe gut dem Unterricht folgen kann.“

Der Vater starrt mich an. Er kann nicht recht glauben, was ich sage. Wo der Nachhilfelehrer doch sagt, dass Elif noch viel besser sein könnte, wenn sie weiterhin regelmäßig in die Nachhilfe komme…

Das war am Dienstag, heute ist schon alles klar. Die Eltern waren gleich im Anschluss des Gesprächs an der Realschule und dort nimmt man sie natürlich auf. Ich freue mich. Es gibt nicht mehr so viele Realschulen und eine Gemeinschaftsschule, wo Elif sehr selbständig lernen müsste, ist nichts für sie. Sie braucht unbedingt Anleitung. Das ist die Chance für sie!

Elif, die gerade ihre Schultasche einpackt, wirkt verwirrt. Sie schwankt zwischen Erleichterung und Traurigkeit. Zum Glück haben wir noch eine Menge zu tun: Bücher abgeben, Abmeldeformular unterschreiben, Zeugnisheft raussuchen, von den Klassenkameraden verabschieden. Ich wünsche ihr alles Gute, hoffe, dass sie es packt, denn ich kann nicht einschätzen, ob sie überhaupt den Anforderungen der Realschule gerecht werden kann. Für Elif ist es noch ein langer Weg.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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2 Kommentare zu “Verwirrung mit dem deutschen Schulsystem”

  1. Es ging jetzt alles sehr schnell. Aber bei Elif zweifle ich nicht. Ein Wechsel ist für das Mädchen die jetzig einzige Chance, das Ruder bis zum Endjahr noch an sich zu reißen. Ich bin froh, dass das möglich war und die Eltern nicht blockierten. Nach unseren Erfahrungen wehren sich die Kinder und mit ihnen die Eltern immer stärker, je länger sie in der Klassengemeinschaft sind. Klar, abgesehen von den Noten, gefällt es den Schülern bei uns, da geht man ja nicht freiwillig. Aber wenn so gar kein Licht am Ende des Tunnels ist, dann denke ich: möglichst früh wechseln, um noch in die neue Klassengemeinschaft hineinwachsen zu können.

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