Die Qual der Wahl

Liebe Leser,

ich bin ein guter Bürger, ich mache mir ernsthaft Gedanken, welcher Partei ich meine Stimme bei der Landtagswahl geben werde – und verzweifle. An dieser Stelle könnte auch ein Artikel über die Hohlheit von Wahlplakaten stehen. Morgens fahre ich vorbei an: „Regieren ist eine Stilfrage“ und „Baden-Württemberg LEBEN“. Was wollen uns die Grünen und die SPD wohl damit sagen? Die CDU und die FDP versuchen über die Bildungspolitik mit Inhalt zu punkten: „Auch in der Schule: Qualität statt Einheitsbrei.“ und „Riskieren wir, dass unsere Kinder schlauer sind als wir“. Aber mal ganz ehrlich, das ist nicht wirklich mehr Inhalt, oder habt ihr schon ein Wahlplakat gesehen, auf dem stand: „Ist uns doch egal, was unsere Kinder lernen!“? Alle werben mit besserer Bildung!

Ich habe in den Parteiprogrammen nachgelesen, was die wichtigsten Eckpunkte in der Bildungspolitik sind und komme zu einem für mich schockierenden Ergebnis. Ich müsste eine Partei wählen, der ich noch nie meine Stimme gegeben habe. Soll ich etwa meinen übrigen Prinzipien untreu werden? Es gibt doch noch mehr Entscheidungskriterien…

Frau Henner macht den Wahlomat. Ein paar kurze Fragen später bin ich leider auch nicht schlauer. Denn der Wahlomat empfiehlt mir alle vier großen Parteien gleichermaßen! Meine Haltung zu den wichtigen Fragen unserer Gesellschaft stimmt sowohl mit der CDU, mit der SPD, mit der FDP als auch mit den Grünen überein, die Empfehlungen schwanken um minimalste Prozentränge. Was soll das? Wenn sich die Parteien so ähneln, wen soll ich denn wählen?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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21 Kommentare zu „Die Qual der Wahl“

  1. Du bist mit diesem Problem nicht alleine. Ich sehe diesen politischen Einheitsbrei auch, und bin ähnlich ratlos, was da denn noch gewählt werden soll. Es zeigt eben, dass es aktuell in der deutschen Politik keine Alternative(n) gibt, und dass letztlich jede Wahl darauf hinausläuft, dass wir mehr vom selben bekommen werden. Kein Wunder, dass so viele Menschen nicht wählen gehen. Kein Wunder, dass meine jungen Abiturienten meinen, dass sie nicht wählen, weil sich ja doch nichts ändert.
    Etwas überspitzt gedacht frage ich mich mehr und mehr, was denn dann Deutschland noch von einer (Polit-)Diktatur unterscheidet? Ja, ich weiß, eine Diktatur ist ein ganz anderes Kaliber, allein aufgrund der Repressalien (wobei die jüngste Verurteilung eines pensionierten Lehrers wegen Gotteslästerung…), aber ob wir nun vier bis fünf Parteien haben, die alle für dasselbe stehen und alle zu Merkel führen, oder einen Großmacker wie Putin, die großen politischen Entwicklungen sind gleich.

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    1. äh. die parteien stehen nicht alle für dasselbe. sie versuche, antworten auf dieselben probleme zu finden, aber der *weg* zu diesen antworten ist je nach partei sehr unterschiedlich. beispiel zuwanderung und integration. alle wollen integration. nur, wenn man mal anschaut, was unter dem begriff verstanden wird, hat man sehr schnell eine klare unterscheidung zwischen den programmen: grüne: integration ist v.a. abbau von diskriminierungen von menschen mit migrationshintergrund und deren gezielte förderung. spd: integration ist keine einbahnstraße, willkommenskultur, aber bitte alles nur in maßen. cdu/csu: deutsche leitkultur, passt euch an (cdu), bis hin zu assimilation (csu); linke: siehe grüne, aber eher fokus auf ökonomische ungleichheit und diese als wurzel für integrationsprobleme aller in deutschland –> fokus auf änderung der ökonomischen unterschiede, weniger auf integration speziell von leuten mit migrationshintergrund. afd: deutschland den deutschen, ausländer raus.
      dasselbe könnte man jetzt für all die anderen großen themen unserer zeit veranstalten, von bildung bis klimaschutz: die themen und v.a. ziele ähneln sich, weil diese probleme groß und aktuell und einfach da sind. die wege zum ziel sind aber je nach politischer partei doch deutlich anders.

      die gefühlte ähnlichkeit ist im übrigen in deutschland systeminhärent, vgl. „konsensdemokratie“. gilt vielen als vorzug, da ausweis von systemstabilität.

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      1. Wieso erhält Lilo dann die Empfehlung, jede Partei zu wählen, wenn es doch solche Unterschiede gibt? 😉

        Warum wollen alle Integration und Zuwanderung? Allein, dass sich alle Parteien darin einig sind, sollte doch zu denken geben, oder nicht?
        Fachkräftemangel, Demographischer Wandel, Flucht, Asyl, Humanismus, was da alles an Sachen durch die Gegend geworfen wird, damit man unterm Strich sagen kann: Alle sind willkommen, ohne Wenn und Aber, solange sie die deutsche Grenze erreichen. Und keiner hinterfragt das? Das finde ich schwach und billig.
        Zumal Asyl und die Aufnahme von Flüchtlingen nicht gleichzusetzen mit lebenslangem Aufenthalt in Deutschland sind. Zumal ein beträchtlicher Teil der Zuwanderung aus den Ländern des Balkan und des Maghreb erfolgt. Spricht das eigentlich jemand an?
        Und genau hier setzt die Beliebigkeit doch ein: Es ist egal, aus welchem Grund man die Leute aufnehmen soll, man muss es einfach. Fällt ein Grund weg, etwa, weil keine Fachkräfte kommen, wird schnell der nächste gefunden.

        Aber ein anderes Beispiel für die Beliebigkeit: Vor der letzten Wahl war die SPD gegen die Vorratsdatenspeicherung und gegen TTIP. Heute? Lauscht man Gabriel, kann gerade Letzteres nicht schnell genug kommen. Klare Linie? Fehlanzeige.
        Von Merkels „Linie“ braucht man gar nicht erst anzufangen, oder?

        Natürlich beherrschen große Themen den Diskurs, aber wenn sich sowieso alle einig sind, dann reicht eine Partei. Und die ist momentan nun einmal die CDU, da die SPD mehr und mehr in der Bedeutungslosigkeit versinkt und je nach Land an dritter oder vierter Stelle landet.

        Die Systemstabilität scheint mir aktuell am Bröckeln, und je mehr für das eine Problem getan wird, während alle anderen ausgeblendet werden, desto stärker wird dieser Prozess ausfallen. Siehe Gabriels wahltaktisches Manöver von wegen „die einheimischen Schwachen“ nicht vernachlässigen und Merkels Antwort darauf. Augenwischerei.

        Aber Danke für das Erklären der Welt. 😉

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    2. Es werden aber bereits fragwürdige Maßnahmen gesetzt, wenn Hetze von privaten Einrichtungen verfolgt werden soll:

      http://www.heute.de/ig-metall-gegen-rassissmus-in-betrieben-der-neue-chef-joerg-hofmann-fordert-null-toleranz-40701436.html

      http://www.danisch.de/blog/2016/02/27/spd-in-panik-sabotage-des-wahlrechts/

      Dieser Zeit Artikel zeigt auch sehr schön, welche Phantasien offensichtlich im manchen Teilen „Helldeutschlands“ umgehen.
      http://www.zeit.de/kultur/2016-02/clausnitz-rassismus-reaktion-afd-twitter/komplettansicht

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      1. Die „Meinung“ zum Notstand als Reaktion auf die Ereignisse in Dresden fand ich auch deplatziert. Sicher, das waren keine schönen Bilder. Sicher, wer Flüchtlingsheime anzündet, gehört entsprechend bestraft. Aber wer das mit Nostand beantwortet, während in Köln und einem Dutzend anderer Städte Frauen belästigt, misshandelt und vergewaltigt wurden, während in Kiel 20-30 Flüchtlinge drei Mädchen belästigen, und das mit Schweigen beantwortet, der hat sie nicht alle. Gerade Zeit Online bekleckert sich hier nicht mit Ruhm, da solche Nachrichten rasch von der Startseite verschwinden.

        Naja, bis zur Wahl 2017 kann noch einiges passieren, am Ende werden die Wahlen dann noch ausgesetzt, weil Teile des Wahlergebnisses die Bevölerung verunsichern könnten. ^^‘

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        1. Bei der CDU dürfte inzwischen Panik herrschen, bei der letzten Wahl haben die mit 41% der Stimmen 49% der Sitze erhalten, da sehr viele Stimmen wegen der 5% Hürde nicht wirksam waren. Das reduziert sich beim nächsten Mal, verbunden mit den echten Verlusten bedeutet das eine Reduzierung der Fraktion um 20 – 25%. Das erklärt auch das Umsichschlagen und die demonstrative Geschlossenheit auf dem Parteitag. Für die SPD gilt auf niedrigerem Niveau das selbe.

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  2. Man wählt immer das kleinste Übel. Um das herauszufinden, muss man für sich selber bewerten, was einem wichtig ist. Hier sicher die Bildungspolitik, damit sollten einige Parteien wegfallen. Gerade in diesem Bereich kann man auch die Taten vergleichen und nicht nur die Programme, da in verschiedenen Bundesländern verschiedene Parteien schon ihre Vorstellungen verwirklichen konnten und die Ergebnisse auch sehr unterschiedlich ausfallen.
    Bei dieser Landtagswahl kommt allerdings hinzu, dass die von allen Parteien sicher als Abstimmung über die schrankenlose Zuwanderung gewertet wird. Bildung kann man nachholen, wenn die Zuwanderung so weitergeht, sind in zwei Jahren die entsprechenden Jahrgänge (90er mit je ca. 700.000 Geburten) um 25 – 30% mit Zuwanderern vergrößert. Was man davon hält will ich nicht bewerten, ein Blick in den zeitlichen Rückspiegel mag bei der Abwägung helfen. Das sind auf jeden Fall Tatsachen, die dann eigentlich nicht mehr rückgängig zu machen sind.

    Noch ein persönliche Beobachtung, ich bin dienstlich wirklich viel in Europa unterwegs, wir werden das alleine stemmen müssen.

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  3. Falls dir besonders wichtig ist, was die einzelnen Parteien für ein Programm bzgl. Bildung haben, kann ich dir den wahl-o-mat beim Deutschen Philologenverband empfehlen.

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    1. Den habe ich auch gemacht und komme da auf ein Ergebnis, das ich lieber verschweige. Mein Problem ist, dass ich gerne von jeder Partei etwas hätte, aber bestimmte Themen bei jeder großen Partei für mich nicht in Frage kommen. Also Punkt eins denke ich grün, Punkt zwei schwarz, Punkt drei gelb, Punkt vier rot… Mir wird es da zu bunt! Und dann gibt es die Themen, wo die Parteien im Grunde das gleiche sagen oder zumindest in der Realität ähnlich handeln.

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      1. Ich schließe mich an! Habe den auch gemacht und kam auf ein für mich schockierendes Ergebnis. Und das ist ehrlich gesagt eines meiner großen Probleme: Bildungspolitisch bin ich von der Partei, der ich sonst am meisten zustimme, gar nicht überzeugt. Da könnte man jetzt sagen: „Das ist ja dann aber nur ein Aspekt.“ Richtig. Aber einer, der mich eben – genau wie dich – sehr betrifft. Andererseits sind die anderen Parteien aus anderen Gründen für mich unwählbar, sodass ich hier wohl Abstriche machen werden muss. Aber es ist wirklich nicht einfach.

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  4. In Rheinland-Pfalz kann man ja die Stimme splitten: Erststimme ein Wahlkreisabgeordneter, Zweitstimme eine Partei. Der Stimmzettel wird nicht ungültig, wenn man nur die Erststimme ankreuzt..
    In BW gibt es überhaupt nur eine Stimme für einen Wahlkreiskandidaten. Man muss also keine „Partei“ wählen sondern wählt immer eine konkrete Person. Da sollte die Wahl leichter fallen.

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    1. Leider nein, weil ich mit dem Landkreis, in dem ich eben so knapp wohne und dort auch wählen muss, regionalpolitisch sehr wenig am Hut habe. Da kenne ich noch nicht mal die Namen, weil ich immer im anderen Landkreis unterwegs bin und nur dort die Plakate wahrnehme…

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  5. Ich lese diesen Thread mit dem leidenschaftslosen, aber verblüfften Interesse einer Nichtdeutschen, bitte korrigiert mich, wenn ich mich in meiner folgenden Analyse irre.

    1. Die Tatsache, dass von so vielen Kommentatoren die Flüchtlings/Migrantenkrise erwähnt wird, zeigt m. Erachtens, dass die Landtagswahlen in Wirklichkeit zumindest zur Hälfte eine Abstimmung über das Regierungshandeln der Bundesebene sind?

    2. Die Tatsache, dass hier sehr kritisch über diese Krise gesprochen wird, zeigt m. Erachtens, dass die hohe Zustimmung, die von den großen Medien als gegeben angenommen wird, so hoch und uneingeschränkt nicht ist? Zumal, als Lehrer doch als die klassischen linksgrünen Socken gelten (als jahrzehntelange grüne Socke meine ich das sehr liebevoll)?

    3. Die Tatsache, dass hier, im Schutze weitgehender Anonymität, dermaßen verschämt über Wahlomatergebnisse (nicht Wahlentscheidungen!) geredet wird, dass nicht einmal die Parteinamen fallen, um die es geht, lässt auf eine hohe Bereitschaft zur Selbstzensur schließen? (Man könnte ja auch sagen: „Um Gottes WILLEN, der Wahlomat spuckt mir die Bibeltreuen Christen aus! WTF???)

    Oder sehe ich das ganz falsch?

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    1. Liebe Mom,
      zu 1.: Sicher sehen das viele so, aber ich selbst nicht. Wenn Bundestagswahl wäre, wüsste ich, wen ich wähle. Ich bin aber mit meiner Landesregierung in einer argen Krise allein wegen der Bildungspolitik. Da fallen einfach mal so zwei Parteien völlig flach, was ärgerlich ist.
      zu 2.: Ja, die Medien beeinflussen. Mir wird hierbei die Rolle als meinungsbildendes Instrument immer bewusster. Da ich mich selbst dem weitestgehend entziehe (kein Fernsehen) kann ich aber das betreffend nicht mitreden. Wenn ich in mein Kollegium schaue, sehe ich allerdings da vor allem die Konservativen, sprich die CDU-Wähler. Bei den jungen Lehrern kann ich das kaum einschätzen, viele junge Menschen gehen kaum noch mit ihren politischen Meinungen hausieren. Aber ich vermute, der Rote-Socken-Lehrer ist inzwischen in Rente gegangen.
      zu 3.: Ich habe bewusst die Partei nicht genannt, aber das ist keine Selbstzensur – wen oder was sollte ich denn zensieren? Es geht nämlich nicht um die einzelne Partei, was nützt bei dieser Diskussion ein Bashing der zum Beispiel Bibeltreuen Christen, sondern um das allgemeine Phänomen, dass man plötzlich Parteien wählen soll, die man bisher durchaus aus Überzeugung nicht gewählt hat. Die Partei zu benennen würde nur Nebenschauplätze aufmachen.
      Du siehst es also nicht falsch, nun eben ein bisschen mehr aus meinen Augen 😉

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      1. Ah, danke für die Erklärung! Ich find’s nur so verblüffend, was hier abgeht – der Mann meines Herzens arbeitet bei einer großen deutschen Firma, und unter 4 Augen sind die Kollegen durchaus offen, was ihre durchwegs vorhandene Kritik an der Merkelschen Flüchtlingspolitik betrifft, aber wenn mehr als 2 zusammenkommen, hält man sich politisch ganz bedeckt – da redet dann keiner mehr Klartext. Ganz komisch.

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