Woher kommt der Frust?

Liebe Leser,

ich würde so gerne etwas Schönes berichten. Genau danach ist mir. Die Krokusse im Garten und der fulminante Sonnenuntergang gestern lassen die Lebensgeister aufwachen. Aber ganz so leicht ist dass nicht.

Schulweg: Im Radio kommt ein Interview mit einem Arzt ohne Grenzen, der von den katastrophalen Zuständen an den Grenzen der „geschlossenen“ Balkanroute berichtet.  Er erzählt von den Menschen, die ohne Dach überm Kopf bei dieser Kälte im Freien nächtigen, Magen-Darm-Infekte und Atemwegserkrankungen bekommen – darunter viele Kinder und Schwangere.

Unterricht: Meine Fünfer geben sich viel Mühe im Unterricht, aber die Atmosphäre im Klassenzimmer wird dadurch nicht besser. Noch immer ist sie von Missgunst anderen gegenüber geprägt und von völliger Unfähigkeit, kleine Nichtigkeiten zwischen sich und den Mitschülern zu klären. „Frau Henner, der Jan hat mich geschubst.“ „Frau Henner, der Adam hat gesagt, ich sei blöd.“ „Frau Henner, die Franca hat einen Zettel aus dem Fenster geworfen.“ „Frau Henner, der Adam hat seine Hausaufgaben vorhin bei Keran abgeschrieben.“ „Frau Henner, der Keran lässt uns im Bus nicht hinsetzen.“

Pause: Die Kollegen spalten sich ziemlich sauber in die Motivierten, die Resignierten und die Allways-Meckerer auf, wobei die letzte Gruppe bedrohlich anwächst, obwohl unser Chef tatkräftig dagegen anrudert. In Grüppchen stehen sie zusammen und besprechen die neuesten Aufreger.

Busaufsicht: Ein Vater brüllt mich an, als ich ihn bitten will, sein in zweiter Reihe parkendes Auto wegzufahren, damit der Bus die Straße passieren kann. Worum es ihm ging, kann ich gar nicht genau sagen, er hat mich einfach angebrüllt. Wahrscheinlich bin ich nur als Stellvertreter für seinen Frust missbraucht worden. Es perlt ab, aber es verdirbt trotzdem die Stimmung. Selten hat mich jemand so angeschrien – ich glaube, noch nie.

Alle Erlebnisse des heutigen Tages laufen auf eine Frage hinaus: Wie sollen wir denn Frieden zwischen verschiedenen Volksstämmen, Ländern oder Religionsgruppen schaffen, wenn wir noch nicht mal unseren kleinen Alltag friedvoll gestalten können?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu „Woher kommt der Frust?“

  1. In dem wir es wie die Regierung machen. Wir schließen die Augen, um die Realität nicht wahrnehmen zu müssen und murmeln vor uns hin „Wir schaffen das“.
    Auf die Frage was wir da schaffen und wie geben wir zufällige Antworten, die auch in Widerspruch zueinander stehen können.

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  2. ziemlich simpel: wenn man macht und will, geht sehr viel. wenn man nur skeptisch ist und abwartet, geht fast gar nichts. was die klügere option ist, ist ziemlich deutlich, wenn man sich vor augen führt, dass die flüchtlinge da sind, mehr kommen werden (oder in den slums vor unserem europa-grenzzaun elendig verrecken, you choose) und man mit dieser realität irgendwie umgehen *muss*. die beiden grundlegenden alternativen dazu stehen oben. völkerwanderungen hören nicht auf, bloß weil wir unser leben nicht ändern wollen.

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  3. Dieser Machbarkeitswahn geht mir tierisch auf die Nerven. Jeder kann sein Abitur machen, jeder kann studieren, jeder Flüchtling ist eine Bereicherung, jeder integrierbar. Und das führt zu Frust bei denen, die das ausbaden dürfen. Lehrer, die Hauptschüler im Unterricht sitzen haben, obwohl sie Gymnasiasten unterrichten sollten, ebenso wie Leute, die mitansehen, wie Menschen aus dem Balkan oder Maghreb vor Krieg [sic] flüchten und ebenso aufgenommen werden wie die, die tatsächlich um ihr Leben fürchten müssen.
    Dazu der immer größer werdende Druck auf uns, möglichst ja etwas aus unserem Leben zu machen, genug zu verdienen, ständig Leistung zu bringen ohne je Schwäche zu zeigen, weil man sonst im schlimmsten Fall den Job los ist, aufs Amt darf und dort schikaniert wird und als Versager abgestempelt wird in einer Gesellschaft, die sich nicht um ihre Schwächsten kümmert.

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