Das gute schlechte Gewissen – Geständnisse

Liebe Leser,

nach dieser Woche ist es mir ein Bedürfnis, den Eltern dieser Nation einen kleinen Einblick zu geben, was andere Menschen so von ihren Kindern halten. Natürlich sind fast alle Kinder niedlich – und einzigartig sind sie allemal, aber wenn man dreißig von ihnen im Klassenraum sitzen hat und in einer Woche über hundert von ihnen beschult, dann ist es schnell vorbei mit der Einzigartigkeit. Dann wird das Kind zum Menschen. Und Menschen sind gut UND schlecht, haben Stärken UND Schwächen und ab einem gewissen Alter misst man den Menschen an seinem Verhalten, da zählen dann die Goldlöckchen nur noch bedingt mildernd.

Alle Kinder machen mal Blödsinn. Ich habe im zarten Grundschulalter einmal vorgetäuscht, mich unwohl zu fühlen, damit ich und eine Klassenkameradin bei Sauwetter nicht mit in den Schulgarten mussten. Hat nie jemand herausgefunden. Ich habe sogar in der sechsten Klasse einmal geschwänzt – selbst wenn die halbe Klasse dabei war, war das nicht in Ordnung. Demzufolge hat das Ärger gegeben. Und einmal habe ich auch einem Lehrer im Eifer des Gefechts ein unschönes Wort an den verschwitzen Kopf geworfen. Klar hatte er uns ungerecht behandelt, aber das gab mir noch lange nicht das Recht, verbal ausfällig zu werden. Manchmal macht man eben Fehler.

Was dann aber gar nicht geht, ist das Leugnen jeglicher Tatsachen. Im Schullandheim in der fünften Klasse habe ich aus Unbedachtheit einmal eine Sachbeschädigung begangen. Es waren noch ein paar Mädchen dabei, aber ich war wohl die tollkühnste und damit die bescheuertste. Noch heute wundere ich mich, wie blöd wir damals waren. Aber als es herauskam, haben wir uns hingestellt und gesagt: „Das waren wir, es tut uns leid, wir haben nicht nachgedacht, was können wir tun, um das wieder gutzumachen?“ Was glaubt ihr, wie schnell man uns verziehen hat? Eine Handvoll süßer Mädchen bittet reuevoll um Verzeihung? Wir mussten alle fünf Mark bezahlen, was für uns Kinder damals viel Geld war. Aber mit dem Geldbetrag kam auch schon die Absolution.

Der Blödsinn ist also gar nicht das Problem. Das Problem sind die Kinder, die NIE Schuld an etwas sind. Häufig werden sie von ihren Eltern unterstützt. Gerne fällt da der Satz: „Mein Sohn ist von XY angestiftet worden. Von sich aus würde er so etwas NIE machen!“ Interessant ist dabei, dass diese Eltern den Verlauf ganzer Stunden und Pausen so detailgenau nacherzählen können, als wären sie dabei gewesen. Gerne liefern sie auch noch die Hintergrundinformationen der in ihren Augen zerrütteten Elternhäuser der wahren Täter. Und solche Eltern produzieren auch denunziatorische Kinder.

Nicht nur „Ich war das nicht!“, sondern gleich auch ein „Der XY hat aber…“ Ein nicht zu kleiner Teil meiner Fünfer geht sogar noch einen Schritt weiter. Sobald irgendein Blödsinn ans Tageslicht kommt, gehen sie nicht nur in die Verteidigung, nein sie preschen offensiv nach vorn, ziehen kleine Vergehen der anderen hervor und präsentieren sie mir triumphierend.

Als ich Jan zu Josefines Anschuldigungen befragen will, beugt er sich verschwörerisch zu mir und meint: „Frau Henner, ich müsste da mal unbedingt mit Ihnen wegen Tim und Maxim sprechen, die beiden haben mich am Montag nämlich ganz dolle geärgert!“ Manchmal passiert das sogar schon im Vorhinein. Damit ihre Tat weniger auffällt, denunzieren die Kinder schnell Klassenkameraden wegen anderer Vergehen. Keran beschuldigt beispielsweise Franca einer absoluten Nichtigkeit, damit in der kleinen Pause keine Zeit mehr bleibt, dass sich Sven seinetwegen beklagen kann.

 

Liebe Eltern, ihr dürft und sollt eure Kinder lieben und im Herzen dürft ihr sie auch verklären, schließlich sind es eure Nachkommen. Aber wenn ihr wollt, dass auch andere Menschen sie lieben, dann solltet ihr ihnen auch die Realität spiegeln. Keinem Kind nützt es, wenn man seine Schwächen kleinredet oder sogar negiert. Man kann erst dann stark werden, wenn man sich seiner Schwächen bewusst ist. Das gilt schon für Kinder.

Nehmt eure Kinder nicht prinzipiell in Schutz, nur so lernen sie, sich zu verteidigen, wenn sie tatsächlich im Recht sind, und sich zu entschuldigen, wenn sie im Unrecht sind. Nur so werden sie in einer Gruppe zu beliebten Menschen. Und wer will das nicht für sein Kind? Auch bei Lehrern sind nicht die Kinder mit der weißesten Weste die beliebtesten, sondern die, die ehrlich sind und zu dem stehen, was sie getan haben. Und wer will nicht, dass sein Kind bei Lehrern beliebt ist?

Sicher, dazu gehört menschliche Größe, es ist nicht leicht, eigene Fehler zu gestehen. Aber es ist fast unmöglich, wenn man von klein auf lernt, dass man das einzige unfehlbare Wesen auf Erden ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

P.S. Ich habe übrigens noch viele Fehler gemacht und nicht immer Gelegenheit gehabt, den anderen um Entschuldigung zu bitten. Manches davon trägt man ein Leben lang mit sich herum. Aber eines habe ich als Kind schon in der Schule gelernt: niemals schiebt man einem anderen etwas in die Schuhe, was man selbst getan hat. Das zu lernen, hat weh getan.

Selbst jetzt noch verdächtige ich ab und zu insgeheim andere, wenn ich mir etwas ganz und gar nicht erklären kann, und habe dann ein schlechtes Gewissen, wenn sich alles aufklärt, und lerne wieder daraus. Zum Glück gibt es dieses Gewissen, was unser Handeln leitet. Schließlich sind wir alle fehlbar.

 

Advertisements

7 Kommentare zu “Das gute schlechte Gewissen – Geständnisse”

  1. Ja, Du hast irgendwie Recht.
    Es waren dann immer der Niemand und der Keiner. 😉

    Und diese Ablenkungsmanöver sind schwierig zu handhaben, ganz besonders, wenn dann die Eltern noch auf der Matte stehen.
    Ich habe auch keine Erklärung, warum das jetzt so ist, das die Eltern mit dem Unfug ihrer Kinder so schlecht umgehen können.

    Ich weiß aber, das ich von meinem Vater (der öfter mal in die Schule zitiert wurde) auch immer wieder zu hören bekam: „Du hast dich da rein geritten, sieh zu, wie du aus der Nummer wieder rauskommst!“

    Na ja, ich hab etliche „Canossagänge“ hinter mir. Verziehen wurde mir immer.
    Viele Jahre später hat einer meiner alten Lehrer zu mir gesagt: Auf manches konnte man sich bei Dir verlassen. Zum einen war dein Blödsinn immer gut für einen Lacher im Lehrerzimmer, und zum andern hast Du zu allem gestanden, was du angestellt hast.

    Und für Petzen und andern Leuten was in die Schuhe schieben:
    Dafür gabs zu meiner Zeit noch Klassenkeile. 😉

    Gefällt mir

    1. Meine Eltern waren genauso eingestellt. Wenn es wirklich nötig war, haben sie mir beigestanden, aber ansonsten musste ich lernen, Konsequenzen zu tragen. Das war damals gesellschaftlicher Konsens. Dieses Jahr fällt es den Eltern meiner Fünfer extrem schwer, ihr Kind loszulassen und selbst dieses Abenteuer Leben bestehen zu lassen. Sie würden sie am liebsten immer beobachten und beschützen und antreiben. Wer so aufwächst, kann sich nötige soziale Kompetenzen nicht aneignen. Das müssen sie jetzt nachholen.
      Du sprichst übrigens den wunden Punkt Petzen an… das wird noch mal ein eigenständiger Blogeintrag, denn das fördern wir Lehrer sogar unter dem Deckmäntelchen der Guten!

      Gefällt mir

  2. Ja, früher war alles besser und sogar die Gummistiefel war noch aus Holz.. 😉 Im Ernst: Redet Ihr Euch die eigene Jugend- und Schulzeit so im Abstand einiger Jahrzehnte hier nicht doch ordentlich schön?

    1) Eltern konnten mit dem Unfug ihrer Kinder noch nie sonderlich entspannt umgehen. Oder habt Ihr folgendes noch nie gehört: „Wir waren doch nicht so frech“ – „Was sollen denn die Leute denken“ – „Was soll nur aus Dir werden?“ etc. Das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung: nicht die Eltern sind es, die sich ganz grundlegend verändert haben; vielmehr hat sich die Perspektive, in der auf den ganzen Betrieb gesehen wird, verschoben.

    2) Diejenigen, die sich (aus eigenem Antrieb und nicht auf Druck) nach angerichtetem Unfug hinstellen und dazu bekennen, kommen hauptsächlich auf Burg Schreckenstein vor. Dass jemand, der was angestellt hat, zunächst einmal danach trachtet, nicht erwischt zu werden, ist wohl ein zutiefst menschliches Verhalten. Und ins Bild gehört auch, dass viele Leute eher Kollektivstrafen für die ganze Klasse in Kauf nehmen (ja, inklusive Leugnen jeglicher Tatsachen), als sich zu verantworten. Und, auch das sei deutlich gesagt: Rückblickend hätte ich jedenfalls nicht darauf vertraut, dass etwas wie „Verzeihen“ am Ende steht.

    3) Was soll man mit der These anfangen: „Die Kinder mit der weißesten Weste sind nicht die beliebtesten“? Als ob Lehrer sich Schüler wünschten, die nur danach trachten, möglichst oft diszipliniert zu werden (das kann ja je nach Klassenzusammensetzung durchaus als Auszeichnung gelten und schon vorhandene Probleme eher och potenzieren). Die Wahrheit wird wohl eher in der Mitte liegen – oder würden Sie es als petzen bezeichnen, wenn Ihnen hinterbracht wird, dass der Schüler X wegen seiner dunklen Hautfarbe von sogenannten Mitschülern gehänselt und drangsaliert wird?

    4) „Klassenkeile“ als tolles Erziehungsmittel: Ich gebe zu bedenken, dass solcherlei Rituale meist Auch-Klassenkameraden treffen, die sich aus ganz anderen Gründen unbeliebt gemacht haben und sich am wenigsten wehren können. An andere traut sich eh keiner ran. Und unabhängig davon ist asoziales Verhalten sowieso nicht durch asoziales Verhalten zu rechtfertigen.

    Gefällt mir

    1. Mag sein, das ich meine Zeit als Schüler hunderte Jahre später anders wahrnehme.
      Es geht hier nicht um entspannten Umgang mit dem Blödsinn der Kinder. Es geht darum, das die Kinder die Konsequenzen ihres Blödsinns selber ausbaden.
      Du kannst mir glauben, mein Vater war gänzlich unentspannt, wenn er in der Schule auflaufen durfte!

      Und egal wie man seine Schandtaten zu vertuschen sucht, in dem Moment, wo man überführt ist, hilft nur noch Ar…backen zusammenkneifen und durch! Was wohl Frau Henner hier meint, und was ich so interpretiert habe, ist einfach die Tatsache, das der „Schuldige“ im Prinzip überführt ist, und dann was sucht, so das noch jemand mit reingezogen wird.

      Zu drittens, akzeptier einfach, das es so ist. Es gibt keine logische Erklärung dafür. Sehr „weißwestige“ Leute sind leider oft sehr „arschlochige“ Leute, im großen wie im kleinen.

      Zu viertens versteh ich deine Bedenken zum Teil.
      Nur gab es mal einen Ehrenkodex. Wenn man zusammen Mist baute, wurde man zusammen bestraft, bzw. hatte das Glück und keiner wurde erwischt. Wenn man erwischt wurde, weil man verpetzt wurde, dann hatte derjenige damit zu leben. Asozial? Nee, asozial kann ich das nicht finden. Die Petzerei ist ja auch nicht grad sozial.
      Wobei, das ist der Gegensatz zu heutigen Zeit, es nicht ausuferte. Außer paar blauen Flecken im Höchstfall passierte nix.

      Ich bin mir unsicher ob es sinnvoll ist, bei jedem Disput und Gerangel unter Kindern gleich einzuschreiten. Klar muss das manchmal sein, aber es öffnet eben solchen der-hat-gesagt-das-die-zu-dem-gesagt-hat -Geschichten Tür und Tor zum ausufern.

      Gefällt 1 Person

      1. Lieber Scharfrichter, Sylana hat es schon richtig zusammengefasst, du vermengst hier Aspekte, die nicht vermengt werden sollten.
        1) Eltern sollten auch nicht entspannt sein, wenn ihre Kinder etwas angestellt haben, abgesehen von Kleinkram, den Kinder selbst regeln sollten. Aber ein gesellschaftlicher Trend ist tatsächlich zu spüren, dass Eltern die Schuldigkeit ihres Kindes so vehement leugnen, dass das Kind kein richtiges Verhältnis zur Wahrheit aufbauen kann. Das ist in dieser Massivität neu und ist auch abhängig vom Umfeld. Die Eltern meiner Fünfer lügen sich gegenseitig zum Teil so die Hucke voll, dass andere Eltern in Zugzwang geraten. (Das ist nur eine Vermutung, die das zum Teil extrem arschlochige Verhalten der Kinder erklären könnte.)
        2) Nein. Ganz klar nein. Wenn man erwischt wird, muss man seine Taten zugeben. (Wer nicht erwischt wird, war schlau oder hatte einfach Glück – auch das gehört zum Leben dazu.) Unschuldige mit reinziehen nur um den eigenen Arsch zu retten, geht gar nicht! Und wer dann noch nicht mal das kleinste Fitzelchen schlechtes Gewissen hat, kann für eine Gesellschaft echt zum Problem werden.
        3) Kinder machen Fehler, auch die liebsten. Zumindest die, die überhaupt was machen. Wer sich für irgendwas engagiert, macht auch Dinge falsch. Das ist eine Erfahrung, die ich mein ganzes Leben schon mache. Nur, die, die nie was machen, können blütenweiß bleiben. Gegen blütenweiße Kinder habe ich nichts, die sind meist sehr still und sehr unauffällig. Solche Kinder sind nett, aber ich mag die Kinder, die sich für etwas engagieren mehr.
        Was nicht heißt, dass ich letztere bevorzuge oder besser benote oder irgend soetwas, nein. Und wer Blödsinn völlig ohne Engagement macht, nun ja, der steht auch nicht grade oben auf der Hitliste. Der Satz mit der weißen Weste meint nur: Es ist gar nicht sinnvoll, die Schuld auf andere zu schieben, um beim Lehrer beliebt zu sein. Wir gucken da schon differenzierter hin!
        Genauso beim Petzen – aber dazu gibt es ja noch einen Post.
        4) Gewalt ist nie das Mittel der ersten Wahl. Das ist uns allen klar und keiner verklärt hier Klassenkeile. Bei uns war Klassenkeile was unter den Jungs und da haben sie in kleinen Schulhofprügelein ihre angestauten Aggressionen rausgelassen, eher so eine Art Rangelei. Heute gibt es dann gleich Sozialtraining…
        Ich hab einmal in der Klasse gepetzt (Grundschule. Mir war gar nicht klar, was Petzen ist, ich wurde halt zur Ehrlichkeit erzogen 😉 ) und da haben sich ein paar Mädels vor mir aufgebaut und mir gesagt, wie doof sie das von mir fanden. Hack hack! Das hat mir weh getan und ich war traurig, aber ich habe was gelernt. Auch Ehrlichkeit muss man differenzieren, will man in einer Gemeinschaft leben. Perspektivwechsel.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s