Übers Petzen

Liebe Leser,

gleich ans letzte Thema anschließend, soll es heute ums Petzen gehen.

Petzen war für mich schon immer eine verwirrende Sache, da ich zuhause zu großer Ehrlichkeit erzogen wurde. Was nicht so viel genützt hat, auch ich habe ab und zu geflunkert… aber gegenüber Respektspersonen wie Lehrern habe ich mich das nicht getraut. Und dann kam es, wie es kommen musste. Grundschule. Ich habe dem Lehrer erzählt, was XY gemacht hat, und absolutes Unverständnis von meinen Klassenkameraden geerntet. Auch die Lehrerin sagte so etwas wie: „Aber Lilo, man petzt doch nicht!“ Das hat mich fast noch mehr getroffen – wo ich doch ein Lob erwartet hatte. Sehr verwirrend.

Und dann beginnt man zu beobachten. Was muss ich erzählen, was sollte ich erzählen, was kann ich erzählen und was erzähle ich nicht? Wem erzähle ich alles, wem erzähle ich etwas, wem erzähle ich nichts? Wann erzähle ich etwas, wann schweige ich? Welche Taten wiegen wie schwer? Über welche Handlungen kann man drüberwegsehen, welche müssen unbedingt aufs Tapet gebracht werden? Ab wann macht man sich durch Schweigen mitschuldig? Ab wann macht man sich durch Reden schuldig?

Für alle diese Nuancen braucht man ein feines Gespür. Und stellt euch vor, dieser Lernprozess ist noch nicht abgeschlossen. Zwar gehe ich heute viel reflektierter damit um, aber auch mir begegnen noch Zweifelsfälle, bei denen ich mit mir ringe.

Um die Kinder in ihrem Sozialverhalten zu stärken, hat man viele nette Dinge erfunden. Von einigen wird hier noch zu berichten sein. Heute geht es erst einmal nur um den Klassenrat, der ein solches Instrument darstellt.

Es gibt viele Varianten. Einfache, wo der Lehrer mit den Kindern im Kreis sitzt, ein Ball geht herum und jeder, der den Ball hat, darf sagen, was ihm auf dem Herzen liegt. Komplizierte, wo die Schüler die Aussprachen allein managen und dafür verschiedene Kinder verschiedene Funktionen wie Diskussionsleiter, Zeitmanager oder Schriftführer innehaben. Das Prinzip ist das gleiche: Die Kinder sprechen über ihre Erlebnisse und Emotionen, suchen bei Problemen nach Lösungen und halten dies im Idealfall auch noch schriftlich, meist in einer Form Vertrag fest. Klingt doch super!

JEIN.

Die Idee, die dahinter steckt, ist löblich. Kinder müssen in Zeiten verminderter Sozialkontakte und von Erwachsenen überwachter Spielzeit schlichtweg das Sozialverhalten lernen, was man sich früher auf der Straße angeeignet hat. Dies ist übrigens keine Verklärung, sondern bloße Beschreibung. Kinder spielen seltener mit anderen Kindern und werden dann häufiger von Erwachsenen überwacht, die bei Streitigkeiten dazwischengehen. Lucy, die sich gerne in freier Wildbahn mit Freunden treffen würde, kann das nicht, weil ihre Freundinnen selten den häuslichen Garten verlassen dürfen oder wollen. In der Stunde sind meine Fünfer die liebste Klasse Deutschlands, in der Pause, wenn die Lehrer nicht anwesend sind, steppt der Stänkerbär.

In der Grundschule haben die meisten Kinder schon einen Klassenrat kennengelernt. Ungefähr die Hälfte der Kinder meiner Klasse wartet jede Woche regelrecht darauf, weil sie so gerne laut sagen wollen, was Jan oder Keran oder Adam wieder angestellt haben. Oft sind das solche Lappalien, die ich gar nicht hören will, weil sie die Kinder selbst klären sollten. Die Kinder berichten auch davon, wenn sie sich längst wieder vertragen haben und der Streit gar keinen mehr etwas angeht. Das ist die andere Seite der Medaille. So ein Klassenrat kann leicht in Denunziantentum ausufern.

Das will ich nicht.

Über Wochen versuche ich nun, die Kinder dafür zu sensibilisieren, was man laut sagen sollte, weil es nicht vertuscht werden darf: kein Petzen – und was man unter sich klärt und nicht an die große Glocke hängt: Petzen. Manchmal will ich auch gar nichts hören, dann legt jeder nur seinen Stimmungssmiley vor sich ab. Wenn grad etwas vorgefallen ist, bauschen sich die Gemüter nur unnötig auf. Meist kommen die Kinder nach dem Wochenende wieder fröhlich in die Schule und bewerten den Vorfall vom letzten Freitag ganz anders. Außerdem muss nicht jeder sprechen. Wer schweigen will, darf schweigen. Und zum Glück gibt es noch das Drittel, das freimütig verkündet: „Also meine Woche war gut, ich hab mich mit niemandem gestritten.“ Das sind meine Lichtblicke. Manchmal lasse ich die Kinder auch bewusst nur die Dinge berichten, die ihnen in dieser Woche gefallen haben, um ihnen zu zeigen, wie viel Gutes da zusammenkommt. Fallen gravierende Dinge vor, bekomme ich es sowieso irgendwann mit.

Das ist ein heikler Grad. Auf der einen Seite will ich, dass die Kinder Vertrauen zu mir haben und sich mit Seelennöten an mich wenden, keine Angst haben, frei ihre Befindlichkeiten auszudrücken, auf der anderen Seite will ich sie im eigenständigen Handeln bestärken und ein wenig desensibilisieren, nach dem Motto: Nicht jeder Pups ist eine Katastrophe!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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