Was Lucy nicht kann…

Liebe Leser,

Kinder wachsen. Kinder brauchen neue Kleidung. Jugendliche haben sehr genaue Vorstellungen, was man anziehen kann und was nicht. Also ist Frau Henner mit der Tochter unterwegs, dem Frühling klamottentechnisch entgegenzukommen. Wir stehen also in einem Bekleidungsgeschäft.

Die Übergangsjacke (Was für ein Wort!) ist schnell gefunden. Da gleicht sich der Geschmack – gutes Kind! Auch bei den Schuhen waren wir erfolgreich. Passt, sieht gut aus, musst du aber selbst sauber halten! Kind nickt brav. Klar! Gutes Kind!

Dann stehen wir bei den T-Shirts. Nur mal gucken. Ich weiß, dass gerade diese Fotoprints angesagt sind, und möchte meinem Kind auch diese Freude machen, nachdem das versprochene Shirt im Internet bereits ausverkauft war. Aber so toll sind die Prints in diesem Laden nicht. Da fällt mir ein Schild ins Auge.

Ja ja, ich weiß, dass Ferien sind. Aber das Shirt kostet 19,95 Euro und auf dem Schild prangt in Gelb: 30% billiger!!!!!!! Welche Mutter würde da ihr Kind nicht fragen: „Wieviel kostet das Shirt denn jetzt noch?“

Lucy schaut mich entsetzt an. „MAMA!“, kreischt ihr Blick. Verstohlen blickt sie sich um. Ich bin oberpeinlich. Die Leute um uns herum interessiert dieser Fakt jedoch reichlich wenig. Außer den Verkäuferinnen ist nur eine weitere Mutter mit Tochter anwesend – viel zu weit weg, außer Hörweite – und eine Familie mit vielen, ungepflegt wirkenden Mädchen, die sich in Sommerkleidchen drehen. Ein Mädchen singt: „Hach, wie schön ist dieses Kleid, ich sehe so schön darin aus!“ Sie singt wirklich im Laden und wirbelt die roten Rosen umher. Leider sind weder Kleid noch Kind schön, was die ganze Szene bizarr macht. Aber die Verkäuferinnen haben immerhin genug mit dieser Familie zu tun. Niemand hört uns zu. Also bleibe ich hart.

„Komm schon Lucy, das ist mal sinnvolle Mathematik. Du musst doch wissen, wieviel etwas kostet. Du kannst ja auch aufrunden. Nehmen wir mal an, das T-Shirt kostet 20 Euro. Wieviel sind denn 10% von den 20 Euro?“ Ich frage das weder vorwurfsvoll noch drängend. Ich will es mit Lucy zusammen rauskriegen.

Lucy starrt mich an.

„10% von 20 Euro?“, frage ich noch einmal. Möglicherweise nicht mehr ganz so mild.

„50 Prozent?“, antwortet Lucy fragend.

Mir fällt mal wieder die Kinnlade herunter. Seit einem Jahr rechnen die Kinder in Mathematik Prozente, Brüche, Dezimalzahlen und Winkelgrade wild durcheinander – und Lucy scheitert an 10% von 20 Euro. Fragend nähern wir uns dem richtigen Ergebnis, aber es geht nur über fünfundzwanzig Umwege. Lucy und ich haben dann beide keine Lust mehr auf die T-Shirts.

Im Auto erkläre ich noch einmal im Schnelldurchlauf das Prinzip der Prozente und lasse Lucy fiktive T-Shirt-Rabatte ausrechnen. 40% von 25 Euro, 20% von 10 Euro, 15% von 30 Euro. Als wir zuhause sind, klappt es ganz gut.

Das ist aber kein langanhaltender Erfolg, fürchte ich. Wieder wird mir bewusst, was Lucy nicht kann, weil sie nicht versteht, was sie da tut.

Unglücklicherweise kommt Herr Henner heute auf eine ganz ähnliche Idee. Es geht gerade um den Wert von Büchern.

„Nimm mal an, du hast 4000 Bücher und im Schnitt kostet ein Buch 20 Euro. Wieviel sind denn dann allein deine Bücher wert?“, fragt er Lucy beim Essen.

Lucys Gesicht schläft ein.

„4000 Bücher je 20 Euro?“, hakt Herr Henner nach.

„8000 Euro!“, rechnet das Kind aus.

„Wieviel kostet denn ein Buch, wenn du 4000 Bücher hast und dafür 8000 Euro bekommst?“

„40 Euro?“

Herr Henner verlässt wortlos den Tisch, er ist verzweifelt, gekränkt, würde sonst etwas Blödes sagen.

Ich gehe mit Lucy die Rechnung noch einmal durch, bis zu dem Punkt, wo ihr entfährt: „Ups, da hab ich wohl eine Null vergessen!“

Danach rechnet Lucy halb freiwillig eine ganze Seite Matheübungsaufgaben im Lambacher Schweizer. Muliplizieren und Dividieren von positiven und negativen Brüchen. Auch ein paar T-Shirt-Rabatte jubele ich ihr unter. Sie macht keinen einzigen Fehler. Seitdem wir regelmäßig über den Mathestoff hinaus rechnen üben, klappt zumindest das besser. Aber es ändert nichts daran, dass man Mathematik verstehen muss, um sie anwenden zu können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

11 Kommentare zu „Was Lucy nicht kann…“

  1. Hmmhhhhhh ja. Als Mutter und Mathelehrerin habe ich eine sehr verfestigte Ahnung woran das liegt und wodurch es geheilt werden kann. Haben Sie denn keine Mathekollegin, die Sie ausreichend nicht so unsympathisch finden, wie den Rest der Fachschaft und mit der Sie mal darüber sprechen über all die Dinge die Sie uns bisher berichtet haben zum Thema Lucy, Mathe, der Bildungsplan und der unterrichtende Kollege?
    Das würde ich mal für eine gute Idee halten. Die Kollegin am besten Ü50.
    Viele Grüße
    Coreli

    Gefällt mir

    1. Es gibt mehrere Mathe-Kollegen, die ich sympathisch finde! Von einem weiß ich, dass er auch schwächere Schüler zu einem guten oder befriedigenden Abitur führen kann, weil er sie nicht so absolut abstempelt. Ich hoffe inständig, dass Lucy den mal in der Oberstufe erwischt! Eine junge Kollegin scheint mir sehr nett zu sein, leider ist sie nicht in Lucys Zwei-Jahres-Schiene, so dass wenig Hoffnung besteht, dass sie Lucy mal unterrichtet. Kollegin weiblich Ü50 ist leider Fehlanzeige. Andere Mathekollegen kann ich nicht einschätzen. Man verschätzt sich da auch mal, weil man jemanden als Mensch kennt und ganz nett findet…
      Aber neulich gab es mal so ein Gespräch mit einem Mathekollegen. Er war nach einer Vertretungsstunde völlig entsetzt über den Leistungsstand der Klasse, in der Lucy ist. Er sagte durch die Blume ein paar unschöne Dinge. Aber dazu will ich lieber schweigen, weil es ja nur Hörensagen ist. Es macht mir allerdings Hoffnung, dass sich nächstes Jahr doch einiges ändern könnte. Lucy und viele andere in der Klasse brauchen eine neue Chance.
      Einigen wird das helfen, anderen nicht. Nicht alles darf man auf den Lehrer schieben.

      Gefällt 1 Person

  2. Gerade Kopfrechnen ist Übungssache, man muss auch ein Gefühl für Größenordnungen haben. Ich fürchte da hilft nur Üben, Autofahrten bieten sich für Übungsaufgaben an. Einen Taschenrechner haben zwar alle in Form des Handys dabei aber wenn man nicht ungefähr im Kopf mitrechnet, dann haben die meisten Kinder Schwierigkeiten damit, Eingabefehler zu erkennen und glauben jeden Blödsinn, der dort steht.

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist Lucys Problem. Sie hat (noch) keinerlei Vorstellung von Größen und Mengen – und das, obwohl sie noch gar keinen Taschenrechner besitzt. So merkt sie nicht, genau wie du sagst, wenn sie Blödsinn errechnet.

      Gefällt mir

  3. “ Aber es ändert nichts daran, dass man Mathematik verstehen muss, um sie anwenden zu können.“
    Und die Umkehrung des Satzes gilt manchmal auch: Indem man anwendet versteht man. Diese Beobachtung mache ich immer wieder bei Schülern. Es sind nicht die Anwendungsaufgaben aus dem Buch , sondern die aus dem richtigen Leben, aus der Situation heraus, die oft das Verständnis ermöglichen.

    Gefällt 1 Person

    1. Aufgabe im Mathebuch: „Es ist 17.20 Uhr. Es vergehen 1 Stunde 50 Minuten.“ Jetzt ist nicht die Frage, wie spät es ist, sondern: „Wie groß ist der Winkel zwischen den beiden Zeigern?“
      Wer will so etwas eigentlich wissen? 😀
      Schon klar, es geht um Anschaulichkeit. Manchmal ist diese jedoch an den Haaren herbeigezogen. Das Problem hat nicht nur die Mathematik. In Deutsch sind unsere Beispielsätze in Grammatik auch oft dämlich.
      Aus diesem Grund fand ich die Rabatt-Frage gut. Wieviel kostet das T-Shirt nun. Lucy rechnet das inzwischen souverän.

      Gefällt 1 Person

  4. Winkelaufgaben sind toll! 😳

    Das, was du von Lucy schilderst, hab ich so auch erst diese Woche wieder erlebt. Bei Fragen zu einfachen Prozentwerten (25%, 50%, manchmal auch 100% oder 150%) kommt entweder lange nichts, oder eine Angabe in Prozent. Die Verknüpfung mit Anteilen, die fehlt bei vielen Schülern.
    Was mir in dem Zusammenhang aber auch einfällt, dass sind Schwierigkeiten mit dem 1×1, wenn Schüler erst ewig überlegen müssen, was denn 84:4 ergibt, dann wird das Prozentrechnen natürlich schwer. Aber das betrifft die Schüler, die erkennen, dass 25% eben ein Viertel sind, also nur wenige Kinder in der Nachhilfe.
    Gleichzeitig kann ich Reiner Wadel zustimmen, bei anderen Schülern bessert sich das dadurch, dass man unentwegt übt und unerbittlich erklärt, bespricht und wiederholt. Das braucht aber Zeit und Nerven, und das ist innerhalb der Familie eh heikel.

    Gefällt mir

  5. „Leider sind weder Kleid noch Kind schön, was die ganze Szene bizarr macht.“ Darüber musste ich kurz laut lachen. :mrgreen:

    Joa, das Leid mit der Mathematik. Ich bin ja froh, die Grundrechenarten und Brüche und Prozente zu können, das braucht man eben auch im Alltag, da habe ich ein Einsehen (Kurvendiskussion hingegen brauche ich NICHT, danke! :D). Allerdings geht es da vielen Leuten so wie Lucy. Auch einer guten Freundin von mir, die schon über 20 ist und bereits ein Abitur und einen Studienabschluss hat. Die hat es nicht mal geschafft, auszurechnen, wie viel jeder von uns beiden zahlen muss, wenn die Rechnung 19,02€ beträgt… *seufz* Ich stand ungefähr so fassungslos da wie du und Herr Henner, nehme ich an. 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s