Vertretung

Liebe Leser,

manchmal neigt man ja zu Kritik, da findet man jedes Fitzelchen. Ich habe das Gefühl, dass ich mit meinen Fünfern ein wenig milder umgehen sollte. Keine Angst, im Unterricht lache ich, bin meist nett, außer mir kommt einer blöd, dann bin ich’s nicht. Meist habe ich gute Laune und lobe auch kräftig. Aber innerlich denke ich doch immer wieder: Warum sind die so langsam? Wenn nur der Adam nicht in der Klasse wäre, dann wäre ich einen Schritt schneller! Warum ist die Franziska nur so unangenehm verbissen strebsam, die nehme ich jetzt nicht dran! Wenn nur der Jan endlich ein bisschen weniger nervig wäre! Na, Franca, mal wieder nichts kapiert? Wehe, der Keran verpetzt jetzt wieder jemanden!

Alles nicht nett, auch wenn es menschlich und mit Wahrheit versehen ist. Aber trotzdem will ich meine Fünfer mehr lieben.

Bei vielen Kindern ist mir das auch schon gelungen. Eigentlich nur bei den fünf Kinder, die ich oben erwähnt habe, da fehlt mir die Liebe – aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich habe nichts gegen sie, aber ich spüre auch keine Zuneigung.

Heute hatte ich eine kleine Kur. Durch das Abi geht wie jedes Jahr alles drunter und drüber, viele Kollegen haben Korrekturtage, aber die Schüler dürfen wegen des Lärms in den dadurch entstehenden Freistunden nicht einfach durchs Schulhaus laufen und müssen in den Klassenräumen beaufsichtigt werden.

Frau Henner landet in der Parallelklasse meiner Fünfer. Die kenne ich nur vom Flur. Während meine IMMER im Klassenraum auf mich warten, meist mit ausgepacktem Ranzen und mich anstrahlend, balgen sich die Jungs der Paraklasse gerne noch lautstark vor der Tür. Jetzt schauen sie mich verwundert an. Dann fallen Sie über mich her.

„Aber Sie sind nicht Frau Weinstett!“, „Was machen wir denn jetzt?“, „Dürfen wir Hausaufgaben machen!“, „Darf ich meine Mama anrufen?“, „Wieso haben Sie Bücher in der Hand?“, „Ist das jetzt auch wieder wegen dem Abi?“, „Haben Sie mal den Schlüssel?“, „Ich will aber meine Mama anrufen!“, „Sollen wir etwa was lesen?!“, „Ich geh zum Telefonieren auch auf den Hof.“, „Wieso haben Sie denn den Schlüssel nicht?“, „Ich kenne Sie, Sie sind Frau Henne!“, „Und ich dachte, wir machen was Schönes!“

Ich habe noch nicht einmal das Zimmer aufgeschlossen und verkündet, was wir heute Schönes in der Vertretungsstunde machen. Nach diesem Empfang denke ich jedoch sehnsuchtsvoll an meine Fünfer. In diesem Moment spüre ich sogar Zuneigung zu Jan und Franca, Keran und Adam. Die anderen Klassen, die sind immer blöder als die eigene.

Meine Klasse ist voll cool!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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2 Kommentare zu “Vertretung”

  1. Das Gras ist eben doch nicht immer grüner auf der anderen seite, was? 😉
    Aber klar, irgendwann sieht mannur noch die lästigen Angewohnheiten, und die guten Seiten treten etwas zurück. Schön, dass du sie wiederfinden konntest. 🙂

    Gefällt mir

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