Selig sind die Betrunkenen

Liebe Leser,

mit Spanisch ist das Abitur zu Ende. Zumindest die schriftlichen Prüfungen. Zumindest für die, die sie bestanden haben. Aber soweit denken die Abiturienten heute nicht.

„Frau Henner, darf ich Sie zu einem kleinen Umtrunk einladen?“, fragt mich Max, den ich das letzte Mal in Klasse 6 unterrichtet habe. Er stützt sich auf Anton. Beide halten einen Becher mit blutroter, billig schwappender Flüssigkeit fest.

Sina schwört: „Is‘ bloß Kirschsaft!“

Alle drei grinsen schon verdächtig grenzdebil. Ein Wunder, dass Max noch solch geschliffene Sätze herausbekommt. Außer meiner Wenigkeit sind eh keine Lehrer mehr da. Zum Glück gibt’s Frau Henner, die nach der zehnten schon mal das Schulhaus zuschließt. Und noch ein wenig quatscht.

Der Jahrgang sitzt auf dem Schulhof, einer hat ein Auto rangefahren und es läuft Musik meilenweit unter der Gürtellinie. Aber heute war die letzte Abiturprüfung, alle sind so erleichtert und betrunken, da wird doch keiner meckern. Vielleicht sehen sie sich so nie wieder. Möglicherweise schaffen es nicht alle durchs Abi – es gibt noch ein paar Wackelkandidaten, möglicherweise sind nicht alle beim Abiball dabei, noch kann man sich der Illusion hingeben, dass man voll der Kracher ist und einem die Welt nun endlich zu Füßen liegt – JETZT beginnt das LEBEN! Auch wenn man sich noch über den Abisong streitet.

Die stille Jana ist so redselig wie noch nie. Sie missachtet zum ersten Mal meine Intimsphäre und kommt mir mit ihrem Gesicht gefährlich nahe, weil sie sich so über die Abiaufgabe gefreut hat. Als hätte ich die eingereicht. Ist doch Zentralabitur in Baden-Württemberg! Nagut, Frau Henner hatte mal wieder den richtigen Riecher. Meine Schäfchen haben innerlich gejubelt, als sie die Aufgaben gesehen haben. „Genau das, Frau Henner, hab ich mir am Tag davor noch mal angeguckt!“, schreit sie mir ins Ohr.

Frau Henner kommt mit Grauen eine Diskothek in den Sinn. Werden die stillen Kinderleins da auch durch den Alkohol so hemmungslos? Hoffentlich denken die dann an Verhütung! Janas Freund steht nämlich gleich daneben und ist genauso selig und frei und sorglos glücklich. Hoffentlich kommen die alle gut nach Hause heute.

Frau Henner verabschiedet sich, muss noch schnell auf dem Amt vorbei, hat ja donnerstags bis 18.30 Uhr auf.

„Frau Henner, was machen Sie denn hier!“, ruft mir Annika entgegen.

„Könnte ich genauso fragen, was machen Sie denn hier?“, frage ich zurück. Annika hat sich verändert: sachliche Kleidung der Verwaltung, Haare streng nach hinten. Jetzt grinst sie. Ach da ist sie ja. Annika vom letzten Abijahrgang.

„Ausbildung, aber ey, Frau Henner, das ist…“, jetzt flüstert sie verschwörerisch, „…ganz schön dröge. Und erst die Berufsschule! Also wie doof die da sind, das können Sie sich nicht vorstellen, Frau Henner. Also ich muss noch was anderes machen…“

Dann guckt sie mich an: „Is‘ nicht im Moment Abi?“

„Da komm‘ ich grad her, die sitzen alle auf dem Hof wie Sie letztes Jahr…“

Aber eh ich erzählen kann, schwärmt Annika schon los: „Ach war das schön! Zwar anstrengend, ja, aber irgendwie auch erhebend, so ein Abitur schreiben. Ich wünschte, ich könnte das noch mal machen! Lachen Sie jetzt nicht, Frau Henner, das war die schönste Zeit!“

Wie schnell die jungen Menschen im Leben ankommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

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6 Kommentare zu „Selig sind die Betrunkenen“

  1. Annika hat es erkannt. Die Zeit ums Abitur ist wirklich schön, und tatsächlich auch – trotz anstehender Prüfungen – unbeschwert.
    Ich hab die Abiturienten auch am Dienstag (war doch Dienstag? Mein Gedächtnis lässt so langsam auch nach XD ) vor meiner ehemaligen Schule stehen sehen und wurde daran erinnert, wie wir damals dort standen, saßen und redeten.

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  2. Ja, ich erinnere mich auch und vergangenen Sonntag haben wir zu viert über unsere damalige gemeinsame Zeit gesprochen. Aber Alkohol war nicht im Spiel, auch kein Hanf. Flower Power mit viel Hendrix, Morrison und Joplin.

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  3. Auch wenn es bei mir erst zwei beziehungsweise drei Jahre her ist, bin ich bis jetzt der Meinung, dass die Sommer nach dem (Fach-) Abi die besten in meinem Leben waren bis jetzt 🙂

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