Die gläserne Decke

Liebe Leser,

zum Glück gehöre ich zu den Fischlein, die oben im Wasser schwimmen, wo es licht ist und nett und genügend Tang für alle wächst. Dachte ich.

Zwar war mir bewusst, dass es in der Tiefe der See noch viele Fische gibt und einige schaffen es nie bis hierher, als wären unsichtbare Böden eingezogen. Ich kann die Fischlein sehen, wie sie dagegenstupsen. Aber ich? In Deutschland? Hey, wenn ich will, springe ich aus dem Wasser, lasse meine Schuppen in allen erdenklichen Farben in der Sonne schillern und platsche genüsslich wieder ins wohlbekannteNass, wo so viele andere, befreundete Fische umher schwimmen.

Aber manchmal trübt sich auch hier das Wasser. Es gibt sie, diese kleinen Momente, in denen man sich anderen Menschen gegenüber machtlos fühlt. Wenn Menschen berechtigterweise über anderen stehen, sie gut führen und leiten, wenn ihre Leistung ihre Stellung begründet, dann habe ich kein Problem damit, dass es einige Menschen weiter als andere bringen. So ist das Leben. Aber wenn Menschen schneller ans Ziel kommen, weil sie zur „besseren“ Gesellschaft gehören, dann schnappe ich nicht den Wurm, dann nagt er an mir und ich spüre die gläserne Decke, die auch mich hindert, in die Sonne zu springen.

Als Lehrer begegnet man solchen Momenten zum Beispiel an einigen Privatschulen, wenn man auf junge Menschen trifft, die in Prüfungen für weniger Leistung eine höhere Note erwarten, weil es bis jetzt ja auch immer so war.

Eltern begegnen solchen Momenten zum Beispiel bei Wettbewerben, wenn alle Kinder an der Spitze sehr gut sind, aber das Kind mit dem betuchtesten Stallgeruch den Preis der Jury erhält, wenn bei Jugend musiziert auf der Regionalebene wieder die Tochter der alteingesessenen, ehrwürdigen Familie gewinnt, auch wenn das 0815-Mädchen von nebenan begnadet vorgetragen hat.

Lehrer bemerken es, wenn bei Stipendien die Motivationsschreiben, die eigentlich die Kinder selbständig anfertigen sollen, natürlich von elterlicher Stimme in die Feder des Kindes diktiert werden oder eben nicht.

Da verlieren die Kinder an unserem Gymnasium immer. Sie haben nicht die richtige Sprache, Haltung, Kleidung – und vor allem nicht die „richtigen“ Eltern. Es geht gar nicht nur ums Geld, nein es geht um den Habitus, den sich Menschen über Generationen hinweg zugelegt haben, wenn sie zu denen da oben gehören. Zwischen uns ist eine gläserne Decke. Wir hier unten glauben tatsächlich noch, man könne durch Leistung alles erreichen. Das ist eine Illusion. Man kann viel erreichen, aber nicht alles. Und der Weg ist auch steiniger.

Die jungen Grünen wollen in BaWü sehr ernsthaft das Gymnasium abschaffen, weil es  eine elitäre Einrichtung ist, die nicht allen eine Chance bietet, und weil sie sehen, dass ihre schöne Gemeinschaftsschule mit dem Gymnasium nicht so gut funktioniert. Das haben sie letzte Woche mal wieder im Radio gesagt. Ich behaupte also nicht, ich zitiere. Wenn alle auf die gleiche Schule gehen und das möglichst ganztags, dann haben endlich alle die gleichen Chancen. So die Idee.

Welch fataler Irrtum! Liebe Grüne, das Gymnasium ist nicht euer Feind.

Im Gegenteil, an unserem Gymnasium gibt es noch das Leistungsprinzip. Wir Lehrer an den staatlichen Schulen reagieren recht empfindlich, wenn wir merken, dass Eltern ihre Kinder bei uns bevorzugt behandelt haben wollen, nur weil die Eltern glauben, sie hätten einen vererbbaren Anspruch darauf. Zumindest sind die meisten Kollegen sehr sensibel dahingehend, vielleicht, weil wir selbst Leistungen erbringen mussten, um überhaupt hierher zu kommen. Die meisten Lehrer sind selbst nur kleine Fische – mit großer Bildung. Networking ist daher am staatlichen Gymnasium fehl am Platz. Das Gymnasium ist trotz aller Unkenrufe eine gerechte, demokratische Einrichtung, die Aufsteigen zulässt. Gläserne Decken gibt es aus gesellschaftlichen Gründen, sie liegen nicht in der Idee eines modernen Gymnasiums.

Wenn ihr das Gymnasium abschafft, schafft ihr nicht mehr Gerechtigkeit. Die Kinder der feinen Leute werden auch so platziert, sie lernen beizeiten die richten Menschen und Umgangsformen kennen, sie erhalten die spannenderen Praktika, sie gewinnen schneller etwas, wenn die Eltern anwesend sein dürfen und werden außerhalb der Schule besser unterstützt. Da könnt ihr noch so streng eine Gemeinschaftsschule einführen, ihr könnt den Eltern die Kinder nicht aus den helfenden Armen reißen.

Frau Henner reibt sich noch einmal den Kopf, mit dem sie gegen die gläserne Decke gestoßen ist, dann tummelt sie sich wieder unter ihresgleichen und redet sich ein, dass es dort sowieso gemütlicher ist. Wieso sollte mein Lebensglück von der Sonne abhängen – hierher kommt doch noch genügend Licht…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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4 Kommentare zu „Die gläserne Decke“

  1. Das Gerede von der Chancengleichheit hätten sich die Grünen längst abschminken können, vielleicht kommen sie ja nicht hinterher..
    Mittlerweile ist ja bekannt, wovon die Chancen abhängen: Soziale Schicht und Geldbeutel.
    Und daran ändert die Abschaffung des Gymnasiums nichts, rein gar nichts.

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  2. Es gibt eine Korrelation zwischen sozialer Schicht und Aufstieg, allerdings ist das keine notwendige Bedingung. Vielfach ist das auch nur das Vorbild und das Erlernen eines gewissen Arbeitsethos. Wenn man sich die Schichtung von vor hundert Jahren und heute ansieht, dann kann man das auch gut erkennen. Bspw. betrug die Abiturientenquote um 1900 ca. 0,5% eines Jahrgangs, selbst wenn man da noch die noch niedrigere Mädchenquote berücksichtigt, hat sich die in den vergangenen 120 Jahren verhundertfacht. Das kann nicht nur durch „Inzucht“ geschehen sein. Natürlich ist es einfacher, wenn man Kontakte hat und ein gewisses Auftreten, aber es geht auch ohne Kontakte ohne weiteres.
    Es ist auch mit Kontakten schwierig in der Wirtschaft bei Unfähigkeit etwas zu werden, das geht auch im öffentlichen Dienst nicht. Da stellt sich eher die Frage, was als Qualifikation angesehen wird, teilweise ist da die genetische Ausstattung, sprich Frau, schon von Vorteil. Ja, natürlich gibt es den Bekannten, der bevorzugt eingestellt wird, aber das ist bei weitem nicht die Regel und auch für die weitere Karriere nicht ausreichend. Außerdem ist es für die eigene Reputation auch nicht förderlich, wenn man lauter unterdurchschnittliche Mitarbeiter ins Unternehmen holt.
    Ich kenne einige Unternehmen aus meiner Beratungszeit und bin selber inzwischen relativ weit oben angekommen, ohne irgendjemanden in der Gegend zu kennen. Ich glaube, Dinge wie die genannte Kleidung oder die richtigen Eltern werden hier überschätzt. Fleiß, Fachkompetenz, Kreativität, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit, Umgang mit Mitarbeitern sind da wesentlicher.
    Man kann auch immer die Firma wechseln, viele sind dafür aber zu bequem, da das auch oft einen Umzug mit sich bringt. es ist auch einfacher, auf die Verhältnisse zu schimpfen, als selber an sich zu arbeiten.

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    1. Es ging in meinem Fall auch nicht um unfähige Kinder aus guten Haus, sondern um eine ganze Horde sehr fähiger Kinder aus sehr verschiedenen Häusern. Sehr gut sind alle, aber einige von ihnen kommen trotzdem schneller weiter als andere.

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