Zum Kaffee bei Frau K. – Der Kampf ums Kind

Liebe Leser,

hier folgt mal wieder ein Interview mit Frau K., einer ihre Kinder sehr umsorgenden Mutter, die ihre Familie in einem gänzlich anderem Umfeld durchbringen muss als ich: in einer Universitätsstadt unseres Landes.

Frau Henner: Ich glaube, ich verstehe langsam, warum du so viel Bohei um die Ausbildung deiner Kinder machst.

Frau K.: Naja, man muss ja sehen, wo man bleibt.

Frau Henner: Aber du hast doch nicht wirklich was zu befürchten, deine Kinder sind gute Schüler…

Frau K.: Reicht denn das?

Frau Henner: ?

Frau K.: Es gibt soooo viele sehr gute Kinder!

Frau Henner: Sag mal, kann es sein, dass du auch deiner Familie beweisen musst, dass deine Kinder toll sind?

Frau K. (lacht): Du kennst doch meine Schwiegermutter! Und dann die vielen Rechtsanwälte, Richter und Ärzte – es geht doch nichts mehr drunter bei uns. Deshalb sollen meine Kinder was ganz anderes machen…

Frau Henner: Was aber trotzdem Anerkennung bringt?

Frau K. (nickt): Weißt du, was meine Nichten und Neffen alles nebenbei machen? Fechten, golfen, Auslandsaufenthalte, natürlich Instrumente und dort die Beste und da der Gewinner und alles ist immer so toll! Die Noten in der Schule sowieso. Aber mehr noch geht es um das Dabeisein in einer gewissen Gesellschaft. Beziehungen werden auch da schon geknüpft – für später.

Frau Henner: Aber irgendwie machst du trotzdem mit in diesem Konkurrenzkampf.

Frau K.: Nicht im Konkurrenzkampf, ich hab mich langsam damit abgefunden, dass meine Kinder auch ihre Grenzen haben – aber in dem Zirkus mach ich schon mit, was bleibt mir denn anderes übrig? Ich lebe hier, ich kann uns da nicht völlig rausnehmen. … Außerdem müssen sich meine Kinder ja auch mal denen gegenüber behaupten. Später.

Frau Henner: Deshalb Sprachferien?

Frau K.: Wenn das alle machen, dann kannst du nicht einfach sagen, das machen wir nicht. Ich würde mir für meine Kinder das Essen vom Mund absparen, aber sie sollen die gleichen Chancen haben wie die anderen auch.

Frau Henner: Deshalb die Bildungsreisen zu Pfingsten?

Frau K.: Warum nicht?

Frau Henner: Holst du da auch selbst etwas nach?

Frau K.: Klar, ich hatte nie diese Chancen. Meine Eltern sind arbeiten gegangen und haben mich zur Schule geschickt. Später habe ich vieles nicht gehabt, was andere schon längst wussten, konnten, hatten. Woher auch. Wenn ich mehr gekonnt hätte, hätte ich es leichter gehabt, definitiv. Mein Gott, waren wir unbedarft!

Frau Henner: Aber doch nicht unglücklicher!

Frau K.: Naja, wir kannten ja auch nichts anderes.

Frau Henner: Aber unsere Kinder sollen doch zuallererst glücklich werden, oder?

Frau K. lacht laut: Also zuerst erfüllen sie meine Wünsche und dann dürfen sie glücklich sein!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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11 Kommentare zu „Zum Kaffee bei Frau K. – Der Kampf ums Kind“

  1. Ich finde das ziemlich gruselig.
    Was machen die Eltern denn, wenn deren Kinder eben nicht Arzt oder Rechtsanwalt werden wollen, sondern wenn der Traumberuf Frisör, Mechaniker oder Schreiner ist? Droht dann Enterbung?
    Warum muss man sich denn über die Leistung der Kinder und nicht alleine über die eigene Leistung identifizieren?
    Und muss das eigene Kind immer das Beste beim Sport und Musizieren sein? Ich finde, es ist viel wertvoller Musik oder Sport einfach mal zum Vergnügen oder zum Entspannen zu betreiben.

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    1. Sie haben recht. Gruselig. Konkurrenzkampf bis auf die Knochen und die Kinder baden es aus, denn ich meine, unsere (und Ihre und Frau H.s) Kindheiten waren mehr von Glück bestimmt, nicht von materiellen Dingen und jeden Tag ein anderes tolles Stück Freizeit abhaken müssen.

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    2. Das Umfeld, in dem Frau K. ihre Kinder erzieht, sieht das nach außen hin vielleicht auch so (Och, wir haben nicht so viel dafür gelernt…), aber ganz innen drin wollen alle, dass ihre Kinder über den anderen strahlen – das ist dann wie eine Legitimation für gutes Elternsein. Also fördern, fordern und lernen sie. Da ist nichts einfach so zum Vergnügen – es sollte alles einen Mehrwert haben. Und ich verstehe so langsam, wie schwierig das für Menschen wie Frau K. ist – in diesem Umfeld werden sie auch so und tragen dann maßgeblich dazu bei, dass sich die Spirale ums Kind immer schneller dreht.

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  2. Oje, ich finde unseren Familienalltag inzwischen sehr entspannt. Jedes Kind hat noch einen Sport, den es gern macht, Schule und ansonsten Freizeit. Alles andere wurde rigoros gestrichen.
    So brauchen meine Kinder wenigstens kein Yoga oder autogenes Training um sich zu entschleunigen.
    Andere Eltern in unserem Umfeld können das nicht verstehen und schauen mich oft sehr pikiert an. Aber ich wünsche mir für meine Kinder ein zufriedenes Leben, welches nicht nur durch Konsum, Status und der dazugehörigen emotionalen Kälte bestimmt wird. Wenn deswegen das Jahresgehalt nicht sechsstellig wird; es gibt schlimmeres.

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  3. Deprimierende Realität. Aber klar, je schlechter das Schulsystem ist bzw. gemacht wird, desto mehr entscheiden andere Faktoren über Erfolge. Und auf der Strecke bleiben die unbeschwerte Kindheit sowie die Kinder, die sich all das nicht leisten können, aber vielleicht trotzdem genauso gut oder gar besser wären als diejenigen, die alles in den Allerwertesten gepustet bekommen.
    Sehr schade.

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  4. Da könnte ich durchaus die eine oder andere Mutter bei uns an der Schule durchhören. Ein paar Mamis projizieren schon gut in ihre Kinder rein und hätten teilweise auch einen therapeuten dringend nötig. Aber wer bin ich, Ihnen das ins Gesicht zu sagen…

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  5. Kinder fördern ist zwar gut, musikalische Erziehung, Hobbys, alles vollkommen okay… aber heute ist es ja oft so das es egal ist ob das Kind da Freude daran hat. Es MUSS einfach funktionieren und genau so werden wie es sich die Eltern wünschen. Eben ein Arzt, Anwalt etc… die allermieseste Aussage von allen musste ich aber damals in einem Kurs von meiner Banknachbarin hören. Es ging sozusagen um ihr fiktives Kind irgendwann in der Zukunft. *Zitat* „Also MEIN Sohn wird SICHER NICHT schwul!“ …weil sie das einfach nicht erlauben wird. Bei soviel… [bitte Passendes hier einfügen] kommt einem doch die Galle hoch.

    Da ist Frau K. schon etwas harmloser – aber warum müssen Kinder dafür herhalten damit sich die Eltern doch noch irgendwie verwirklichen können? Schließlich geht es da um nichts anderes als Ego.

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    1. Wir leben in einer egozentrierten Gesellschaft.
      Ich kenne FRau K. schon sehr lange und weiß, sie wollte immer hoch hinaus und hat es aber nur bedingt geschafft. Das sollen jetzt die Kinder nachholen. Die Vehemenz, mit der sie dieses Ziel verfolgt, ist aber dem sozialen Umfeld der Familie ihres Mannes und der entsprechenden Wohnumgebung geschuldet. Sie muss beweisen, dass sie auch etwas wert ist. Das kann sie nur noch über die Kinder.

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  6. Ich verstehe das nicht. Wieso kann sie sich nur über ihre Kinder beweisen? Letztendlich ist es die Leistung der Kinder und nicht die der Frau K.
    Vielleicht sollte Frau K. ihre Energie in die Suche nach einem guten Therapeuten stecken. Und das ist wirklich nicht böse gemeint.

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    1. Frau K. ist eine normale Frau – was unsereiner als ausreichend zum Lebensglück betrachtet, wird in manchen Kreisen eben nicht als ausreichend gesehen. Da möchte man schon noch ein bisschen mehr aus sich machen. Frau K. wird das nicht mehr schaffen. Sie hat keine großen Talente – aber sie kann sich für ihre Kinder aufopfern, das kann sie wirklich.
      Und doch, die Leistungen ihrer Kinder sind auch ihre. Ihre Kinder sind gute Schüler, aber es sind auch normale Kinder – keine Überflieger. Frau K. hat aber verstanden, dass man aus einem guten, willigen Kind mit viel Fleiß und Förderung etwas Besonderes machen kann. Ihre Kinder wären definitiv nicht dort, wo sie jetzt sind, wenn Frau K. nicht so hinterher wäre. Und das ist ihre Leistung.
      Im Grunde ihre Lebensleistung, denn so ermöglicht sie ihren Kindern ein Stück weit mit den großen Fischen mitzuschwimmen. Ich beobachte gespannt, wie die beiden Kinder sich entwickeln. Beim Älteren merkt man ganz zaghaft den eigenen Willen…

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