Wohlstandsprobleme

Liebe Leser,

auf ein paar Kollegen könnte ich richtig Hass bekommen. Da gibt es diese Gruppe von Menschen, die alles besitzen: eine gute Kindheit (gerne Einzelkind), liebende Eltern, die sich noch um das Kind kümmern, wenn es schon längst erwachsen ist, sogar die Wäsche bügeln und den Urlaub bezahlen, eine Wohnung ohne die Verpflichtungen eines Gartens (gerne auch eine Eigentumswohnung), ein neues Auto, einen sicheren Beruf in einem privilegierten Land, Frieden, Freiheit und Ferien in Sicht. Und gerade diese Menschen beklagen sich immer über die Arbeit, die ja so viel Stress macht.

„Wie, ich soll eine zusätzliche Prüfung abnehmen? Nee, das macht zuviel Arbeit! Das lasse ich mir nicht bieten! Die soll mal jemand anderes machen!“

„Ich habe dieses Jahr jeden Tag zur ersten Stunde an, das ist so eine Belastung! Sonst habe ich immer einen besseren Stundenplan gehabt.“

„Also die Drittkorrekturen fallen in die Pfingstferien, das ist ja eine bodenlose Frechheit! Ich nehme mir die zwei Tage vor den Ferien Korrekturtage, das ihr’s wisst. In den Ferien mache ICH keinen Finger krumm!“

„Jetzt soll ich auch noch die Zettel für meine Klasse einsammeln! Dabei gibt es Kollegen, die sammeln nie Zettel ein! Ist doch wahr.“

„Also für diese Abikorrekturen müsste ich eine Extravergütung beantragen!“

Ich weiß, dass es Stoßzeiten gibt und dass es wirklich nicht immer leicht ist. Aber es sind immer wieder die gleichen Kollegen, die solche Sätze nicht einmal mit dem kleinsten Funken Selbstironie vortragen, als wären sie die einzigen Menschen, die arbeiten.

Hasse ich sie? Nö, ich bin erstaunlich gelassen. Vor zwei Jahren hätte ich mich noch über so viel Dreistigkeit geärgert. Heute perlt das von mir ab. Ich beobachte nur noch, nehme mir meinen Stapel Drittkorrekturen mit nach Hause, wohlwissend, dass ich das nur in den Pfingstferien schaffen kann, und mache mir einen guten Nachmittag mit Kaffee, dem Blick in den Garten und dem guten Gefühl, mit mir im Reinen zu sein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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12 Kommentare zu “Wohlstandsprobleme”

    1. BaWü ist total vorbildlich. Das Abitur wird DREIMAL korrigiert und zwar jedesmal an einer anderen Schule. Objektiver geht es dann kaum, aber ich hab da trotzdem schon so meine Erfahrungen gemacht… selbst da lacht dem Glücklichen der Zufall.

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  1. Ich finde es gar nicht verwunderlich, dass gerade die Menschen, die „alles besitzen“, jeden Mehraufwand persönlich nehmen und sich alles so drehen, wenden und herausnehmen, wie es für sie am besten ist.

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  2. Wäre da auch nicht ein wenig die Leitung gefordert?
    Auf einer Konferenz den Leuten „die Wadln nach vorn richten“ – ihnen vermitteln, was Unterricht, unterrichtsfreie Zeit und gesetzlich zustehender Urlaub ist?

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    1. Der Chef fängt langsam an, sich da durchzubeißen. Ihm bläst deswegen auch gerade eisiger Wind entgegen. Ich möchte grad nicht Chef sein bei uns, aber er sieht es relativ locker. Die letzten Jahrzehnte, auch schon vor seiner Amtszeit, hat sich doch ein gewisser Schlendrian in den Köpfen festgesetzt. Es gibt Kollegen, die glauben tatsächlich, ALLE Ferientage seien auch tatsächlich Urlaubstage. Rechnet das mal zusammen! Selbst wenn man die Mehrarbeit in den Stoßzeiten abrechnet, bleibt da ein Traumurlaub… Und dass Prüfungen einfach zum Job gehören, sollte doch wohl klar sein. Jemand wie ich fühlt sich da sogar geschmeichelt, wenn man mir zutraut, diese heilkle Extraprüfung abzunehmen. Und Mehrarbeit ist das auch nicht – sie findet während der Schulzeit statt. Aber so ticken diese Menschen nicht – Hauptsache sie müssen nichts weiter als ihren Unterricht machen – und Mama kocht schon mal den Braten vor.

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    1. Das war ein Prozess über Jahre. Mir sind viele kleine Dinge im Leben wichtiger geworden, als dass ich mir das eigene Leben mit zuviel Ärger verderben will. Manchmal lohnt es sich, aufzubegehren, manchmal koch ich mir einfach eine Tasse Kaffee und schau in den Garten!

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