Selbstüberschätzung

Liebe Leser,

Kollegin Dorn bewirbt sich auf eine Leitungsstelle. Nicht an unserer Schule und nicht zum ersten Mal. Die folgende Szene ist also exemplarisch:

Heute Morgen treffe ich sie auf dem Gang. Ein Auswärtiger spricht mit ihr. Ich erkenne ihn als den Leiter des Schülertheaters, das durch die Lande ziehend deutschschwerpunktkompatible Stücke an den Mann und den Schüler bringt. Er war letztes Jahr schon da und bringt bestimmt schon das Equipment für das Stück, was heute für die Oberstufe aufgeführt wird. Allen Kollegen ist bekannt, dass dafür heute die Aula gesperrt ist.

In seiner präsenten Theaterstimme fragt er nach dem Aulaschlüssel. Frau Dorn zuckt mit den Schultern. Den habe sie nicht. Tja… Will sie jetzt den Theatermenschen einfach stehen lassen? Ja, sie will!

Also gehe ich zwei Schritte schneller. Ich muss die Ehre unserer Schule retten… „Sie haben bestimmt einen Aulaschlüssel!“, schallt es mir sonor entgegen.

„Nein, den haben Lehrer nicht, aber ich besorge Ihnen den Schlüssel. Einen kleinen Moment bitte!“, sage ich, lächele den Herrn kurz an, drehe mich um und verhafte Konstantin, dass er mal eben schnell ins Sekretariat läuft, um für den Theaterleiter den Aulaschlüssel zu erbitten.

Konstantin zieht ab. Der Theatermann bedankt sich. Frau Dorn schlappt weiter durch den Flur.

Ich halte mein Verhalten für keine Heldentat, sondern den normalen Umgang, den ein Lehrer in der Schule leben sollte. Also traue ich mir auch noch keine Leitungstätigkeit zu. Die Schwierigkeiten, einen ganzen Schulbetrieb zu managen, beschränken sich nunmal nicht auf schnelle, freundliche Hilfe beim Aufsperren eines Raumes. Das ist viel komplizierter. Frau Dorn scheint da anderer Ansicht zu sein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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7 Kommentare zu „Selbstüberschätzung“

  1. Heute Morgen (aus Frau Dorns Sicht): Auf dem Flur spricht mich dieser Theatermensch an und möchte den Aulaschlüssel – ihm den zu besorgen ist ja nun wahrlich keine Aufgabe für mich, eine zukünftige Leitungskraft. Kurz nach mir kommt Frau Henner, die für solche niederen Aufgaben viel besser geeignet – also fertige ich den Theatermenschen kurz ab, wohl wissend, dass Frau Henner sich kümmern wird. Und siehe da, meine unschlagbar gute Menschenkenntnis bestätigt sich: Die gute Frau Henner schickt einen Schüler los. Natürlich hätte ich das auch machen können, aber eine fähige Leitungskraft muss solche Aufgaben delegieren können – und ich habe das sogar geschafft, ohne eine direkte Anweisung an Frau Henner zu geben – yeah! Schulleitung – ich komme!
    😉 😉 😉

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    1. Das ist ja vergleichsweise richtig konstruktiv. In meinem beruflichen Umfeld (keine Schule, aber auch etwas Behördliches) behaupten böse Zungen ja: „Wer heult, gewinnt.“ Oder wer mit seiner Arbeit nicht zurande kommt, wird vorsichtshalber in irgendeine Oberbehörde abgeordnet.

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    2. @ AuchLehrer: Wenns nur so wäre…

      Mein Vertrauen in das Regierungspräsidium wächst aber wieder langsam. Ich merke schon, wie sie sich die Befähigung mancher Kollegen genau anschauen. Nicht umsonst hat Frau Dorn bis jetzt noch keine Leitungsstelle. Wenn Frau Dorn diese Stelle bekommen sollte, fresse ich einen Besen – uns viele Lehrer an dieser Schule dann auch.

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      1. Ich hoffe, du hast meine 😉 Smileys nicht übersehen … angesichts von so viel unreflektierter Unfähigkeit, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen
        Und ich wünsche euch ganz sehr, dass ihr keine Besen fressen müsst (und dass die andere Schule kein unfähiges Leitungsmitglied vorgesetzt bekommt)

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  2. Und ich dachte schon, Sie werden in die Leitung gehen. Es stimmt schon, dort gibt es andere Aufgaben, Frau Henner, aber die Leitung bestimmt das Klima, den Umgang, die Verbindlichkeiten an der Schule. Das hat die Kollegin noch nicht kapiert.

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