Fotoalbum

Liebe Leser,

es gibt nicht viele Fotos von der kleinen Lilo. Als letztes Kind haben die Eltern nicht mehr so viel Bohei um das Baby, Kleinkind, Schulkind gemacht wie noch beim ersten Kind – dem absoluten Abenteuer. Routine war eingezogen.

Eine große Schuhschachtel mit Schwarz-weiß-Aufnahmen steht vor mir. Die Großeltern väterlicherseits vor dem Krieg schick angezogen in einer Stadt posierend, die bald in Schutt und Asche gelegt werden wird, im Krieg stolz in Uniform und mit kleinem Sohn, der mir nun weißhaarig gegenübersitzt und sagt: „Zeig mal, ach ja, das war damals in E.“

Die Mutter kommt nur ab und zu an den Tisch. Von ihrer Familie sind viel weniger Aufnahmen vorhanden. Ihren Vater, meinen Großvater finde ich nur auf einer Handvoll Bilder und selbst darauf ist er nicht richtig zu sehen. Jugendfotos gibt es gar keine von meinen Großeltern mütterlicherseits. Es war eine andere Zeit.

Wenn mein Vater heute erzählt, was er in der Schule lernen musste, was für das Abitur relevant war, dann gucken wir erstaunt. Natürlich musste er damals intelligent sein, um das Abitur ablegen zu können, die Auslese war eine viel strengere. Aber das Abitur war in weiten Strecken kein schwierigeres. Vieles, so gibt er heute zu, war reines Auswendigpauken. Wo liegt die Wüste Gobi? Wann lebte Goethe? Was ist die Hauptstadt von Ghana?

Ein Klassenfoto taucht auf. Ach, das war kurz vor dem Abitur. Und was ist aus ihnen geworden? Ärzte, Anwälte und Professoren. Es waren so wenige, die Abitur machten, dass alle „etwas geworden“ sind. Heute treffe ich häufiger Schüler, die gerade „nur“ eine Ausbildung machen. Dabei war ihr Abitur nicht weniger anspruchsvoll als das meines Vaters, wenn auch vielleicht das Ergebnis des Schülers weniger strahlend als das meines Vaters war.

Meine Mutter findet endlich ein Foto aus ihrer Schulzeit. „Guck mal, die war schlau und der und der auch, ein ganz schlauer. Das Mädchen hier, sie war ein bisschen behindert, würde man heute sagen, aber die wurde damals einfach mitgeschleift bis zur achten Klasse und dann ist sie abgegangen. Ich weiß nicht, wie die Lehrer das mit den Noten gemacht haben, sie war einfach immer mit dabei.“

Ich suche mir ein paar Bilder aus, zum Einscannen und Ablegen, damit ich auch ein paar erzählte Erinnerungen habe an diese Schwarz-weiß-Zeit, die im Rückblick häufig recht anders erscheint, so schillernd bunt und voller Sonnenschein, verklärt verschwommen und nicht so gestochen scharf, wie es diese Kleinformatbilder tatsächlich sind.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

4 Kommentare zu “Fotoalbum”

    1. Schön!
      Auch wenn die Erkenntnis mitschwingt, dass es irgednwann zu spät sein könnte… leider.
      Meine Versuche, meinen Vater, der einen amüsanten Schreibstil hat, zu Memoiren zu überreden, scheitern bis jetzt. Dabei hätte er so viel zu erzählen als Kriegs- und Nachkriegskind… ich selbst scheue mich, etwas aufzuschreiben, um es nicht zu verfälschen, denn ich sehe nicht mit seinen Augen, weil uns ja ganz andere Erfahrungen prägen.

      Gefällt mir

  1. Liebe Lilo,
    ein sehr schöner Beitrag und passend zu unserer Frage. Rückbesinnung ist auch etwas, was wir gern abfragen möchten. Meine beiden Freundinnen und ich haben einen neuen Blog geschaffen, das Lehrercafe.
    elakranz.wordpress.com
    Unser erster Beitrag beschäftigt sich mit der Frage: Wie kommen Lehrerblogs eigentlich zu ihrem Namen? Wenn du Lust hast, dann schau doch mal bei uns vorbei, klicke auf Blog und hinterlasse einen Kommentar dazu, wie du zu deinem Blognamen gefunden hast. Wir würden uns sehr freuen.
    Viele Grüße Ela, Alexa und Tamara

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s