Die nackten Zahlen

Liebe Leser,

dieses Jahr habe ich mich gar nicht über den Abituraufwand geärgert, weil es ganz moderat zuging. Lehrer A hat sich bemüht, Lehrer B auch und Lehrer C sieht zwar die großen Differenzen in manch Entscheidung, aber es ist alles vermittelbar. Natürlich werden einige Schüler bei soften Lehrern bevorteilt – glaubt ja nie wieder einem Abi-Schnitt! – aber es sind dieses Jahr keine größeren Katastrophen zu vermelden.

Nur eines stimmt mich etwas wehmütig, weil es auch meine Schüler und auch mal mein Töchterlein betreffen wird, sofern wir nicht noch vor der Oberstufe in eine größere Stadt ziehen sollten.

Die Zahlen lügen nicht.

Die Schüler in den Städten der mir zur Korrektur vorliegenden Abiture haben durch die Bank weg bessere Vornoten als meine Schüler, die Schüler an unserem ollen Landgymnasium überhaupt. Lucy wird sicher mal ein gutes, vielleicht sogar ein sehr gutes Abitur machen, aber der Notenschnitt ist anderswo leichter zu bekommen, denn eines lasse ich mir nicht einreden: die Kinder auf dem Land sind im Durchschnitt nicht dümmer!

Aber sie haben die schlechteren Schnitte.

Weil wir strenger sind.

In der Pause quatsche ich mit ein paar der netten Kollegen. Natürlich ist die Drittkorrektur eines der Themen. Auch die anderen beobachten dieses Phänomen.

„Sind wir denn zu streng?“, frage ich ratlos.

„Du, aber noch bessere Noten geben, das kann ich dann doch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren“, sagt Frau Weinstett.

„Wie oft ich schon ein Auge zugedrückt habe und wenn die Korrekturen zurückkommen, könnte ich mich in den Hintern beißen, weil ich locker zwei, drei Notenpunkte hätte höher gehen können. Dabei hatte ich schon das Gefühl, ich gehe ans Äußerste“, nickt Frau Sellawie.

„Naja, meist werden sie (die Schüler der Stadtgymnasien) ja in den Prüfungen runterkorrigiert, aber guckt euch doch mal die Vornoten an. Kann mir keiner erzählen, dass die alle mit realistischen 12,6 bis 13,6 ins Abi gegangen sind und dann ach so plötzlich nur mit 6 oder 7 Punkten rauskommen. Das ist doch die Ungerechtigkeit!“

Wir kennen dieses Phänomen auch aus mündlichen Prüfungen. Mit 13 Punkten angemeldet und der Schüler stottert sich mit Halbwissen so durch seinen Text und der unterrichtende Lehrer kann nicht fassen, dass ein Lehrer unserer Schule das eher in den befriedigenden Bereich setzen möchte und nicht in den sehr guten. Am Ende einigt man sich dann vielleicht auf 11, 12 Punkte. Bei uns hätte der Schüler 9 Punkte bekommen, weil er nicht mehr verdient hat. Und weil er nett und freundlich war, bekommt er eben 9 statt 8.

Dort eine Zwei bei uns eine Drei.

Am Ende bleibt aber die nackte Zahl. Meine Schüler erreichen die Traumschnitte der Stadtgymnasien nicht. Lucy wird hier mehr rudern müssen, wenn sie eine Medaille will. Ja, wie sagt man so schön: Sellawie!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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14 Kommentare zu „Die nackten Zahlen“

  1. Liebe Frau Henner,
    ich habe zu wenig Abikorrekturerfahrung um deine These beurteilen zu können; trotzdem möchte ich was beitragen.
    Auch ich unterrichte an einem Gymnasium in Ba-Wü auf dem Land, die Uni-Stadt mit ca. 200,000 Einwohnern ist aber nah, gut 15 km entfernt. Als Eltern bzw. Schüler weiß man genau, wohin man gehen muss, um mit möglichst wenig Aufwand ein möglichst guten Abiturschnitt zu bekommen.
    Der Grund, weshalb einige Schulen bessere Noten vergeben ist, dass sie mehr Schüler möchten. Mehr Schüler = mehr Ressourcen.
    Selbst wir auf dem Land „verlieren“ Schüler an die Gymnasien in der Stadt, vor allem ein privates („Papi kauft Abi“) und die beruflichen Gymnasien, die es jetzt schon aber de 8. Klasse gibt.
    Kurzum: In der Stadt stehen die Gymnasien untereinander im Wettbewerb um die Schüler.
    Viele Grüße
    Anna

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    1. Das kann ich bestätigen. Bei usn sind nicht die Nachbargymnasien die Konkurrenten, die gibt es wegen schlechter Busverbindungen so nicht. Aber eine starke Konkurrenz sind die beruflichen Gymnasien. Wir dünnen momentan so stark aus, dass es dann sogar mit einer ordentlichen Oberstufe knapp wird. Aber die Schüler sagen das ganz offen. Entweder: „Ich interessiere mich für Technik und weiß schon genau, was ich werden will.“ oder „Ich will halt mein Abi und am normalen Gymnasium schaff ich das nicht dann halt TG oder WG.“ Das WG ist das beliebteste, denn da bekommt man (so munkelt man) das Abitur am leichtesten…

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  2. :mrgreen: Sellawie, und ich dachte vorher noch an Sellerie.

    Mhz, ich kann deine These nicht beurteilen, aber diese Ungleichheiten gibt es eben leider immer. Wir hatten in unserem Deutsch-LK einige gute bis sehr gute Leute, und dennoch gab es allenfalls mal eine 1 (13, allerhöchstens 14) – 15 hat die Lehrerin aus Prinzip nicht vergeben und „mehr als eine 1 kann ein Kurs halt nicht haben“. Als die Lehrerin ausfiel, mussten wir für eine Weile in den Parallelkurs, der auch etwa 1-2 sehr gute Schüler hatte, aber im Schnitt doch deutlich mehr durchschnittliche als wir. Trotzdem hatten sie Klausurschnitte von 11 Punkten und wir von 8. Und als wir dann noch ’ne Klausur dort schrieben, gab es doch tatsächlich 9 Einsen – natürlich 3 davon 15 Punkte… 😉
    Also keine Ahnung, ob die These Stadt-Land-Vergleich stimmt, aber diese krassen Unterschiede kann es eben auch schon innerhalb einer Schule geben.

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    1. Da können wir uns nur anschließen. Schon allein die zwei Mathematik-LKs unseres Jahrgangs waren weder vom Schwierigkeitsgrad der normalen Klausuren noch von der Notengebung (wie sind in dem einen Kurs bei zwei Schülern über drei Semester konstant 15 Punkte als mündliche Mitarbeitsnote möglich?!) vergleichbar.
      Und hängt es nicht auch vom Leistungsangebot ab? Hier haben die Stadtgymnasien leider oft ein breitgefächerteres Angebot als die Landgymnasien. :/

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  3. Leidensgrüße aus RLP. Auch bei uns herrscht dieser Trend. Zumindest in unserer Region. Was dazu führt, dass die umliegenden Stadtgymnasien aus allen Nähten platzen und sich nicht retten können vor Anmeldungen jedes Jahr. Was leider dazu führt, dass unserem schnuckeligen Landgymnasium, welches einen hohen Anspruch pflegt, alle Abiturienten aber sicher durchs Studium gehen und erfolgreiche Berufe ausüben im Anschluss daran, die Schüler ausgehen. Von ehemals fünfzügig liegen die Anmeldungen für das kommende Jahr nur noch bei zweizügig. Was nun leider dazu führt, dass Lehrer abgeordnet werden müssen, weil sie nicht voll ausgelastet werden können aufgrund der gesunkenen Schülerzahlen. Aber viele Eltern wollen Zahlen im oberen Punktebereich sehen
    Und die bekommen sie eindeutig im Stadtgymnasium. LG aus dem Lehrercafe, heute von Tamara

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    1. Jetzt fühle ich mich ein bisschen diskriminiert bzw. in meinem Ego angekratzt mit meinem Stadtgymnasiumsabitur aus RLP 😛 – und ich schlage mich trotzdem ziemlich gut im Studium, sogar im hochgelobten Nachbarland BaWü! 😉 Also bitte jetzt nicht so ganz verallgemeinernd werden, wir Stadtkinder kriegen nicht alle unsere Noten hinterhergeworfen… Ich tröste mich jetzt also mit dem „zumindest in unserer Region“ 😉

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  4. Davon hatte ich es heute mit einer „meiner“ Abiturientinnen in der Nachhilfe, von wegen „es könne ja nicht sein, dass ein Schüler mit13-14 Punkten in Mathe im Abi dann bloß 6-8 bekäme“. Das quittierte ich damit, dass es sowohl blackouts als auch Lehrer gäbe, die Schüler ganz (un-)bewusst deutlich nach oben korrigieren.

    Naja, von einer Leistungsgesellschaft entfernen wir un sja mit zunehmender Geschwindigkeit, leider.

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    1. Du hast schon Recht, Blackouts gibt es immer – wohl am häufigsten in Mathe. In meinen textlastigen Fächern passiert das allerdings kaum. Trotzdem hat man als Drittkorrektor häufig sehr zweitklassige Aufsätze vor sich liegen, die zeigen, dass Schüler A eben doch nicht wirklich mit Sprache umgehen kann und dann eben eine Drei kriegen sollte, aber vom Erstkorrektor gleich mal mit 12 Punkten ins Rennen geschickt wird, denn die Vornote liegt ja schon bei 13,6. Das sind eben keine Ausnahmen.

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      1. Jepp, ist mir auch selbst mal in einer Arbeit passiert. Kommt vor. Und ja, du hast schon recht, in textlastigen Fächern findet sich immer etwas, was man noch weiß. Und Sprachgefühl, das spielt ja auch eine Rolle, wie du ja schreibst.
        Dass diese Notenschenkerei keine Ausnahem ist, das ist schon sehr frustrierend und enttöuschend. Denn es entwertet die Leistung derer, die sich tatsächlich anstrengen (oder es einfach so können), und es verzerrt natürlich auch den Wettbewerb um Studienplätze etc. pp. Frustrierend. Und zwischen 12-13 Punkten und der Drei (um die 8 Punkte) liegen ja schon Welten! 😮

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