Denk an dich!

Lieber Leser,

ich komme gerade aus dem Garten. Obwohl der Himmel wolkenverhangen war, zwitscherten die Vögel und die Grillen spielten emsig ihre Weisen. Deshalb habe ich Garten gesessen und dort eine Art Kreativ-Curry mit Spargel und Artischocken gegessen. Egal, ob es schon halb drei ist. Das mach ich jetzt einfach, das gönne ich mir.

Herr Mess hat zur Blogparade aufgerufen und gefragt, was wir als Stress empfinden und wie wir damit umgehen. Und natürlich ist mir aufgefallen, dass Herr Mess nicht mehr so regelmäßig schreibt, wie zu der Zeit, als ich diesen Blog für mich entdeckt hatte. Hat sicher Stress, denkt man sich so. Aber vielleicht auch das Gegenteil, vielleicht nimmt er sich mehr Zeit zur Muße…

An das Thema Stress kann man mindestens von zwei Seiten herangehen. Beginnen wir mit der negativen Frage: Was bereitet mir Stress im Beruf?

Eine kleine Auswahl:

  • die Papierflut, die gerne bis vorgestern abzuarbeiten ist, überhaupt einen Überblick zu bewahren
  • die kleinen Termine, die man so gerne vergisst, weil man ja auch mal ein Päuschen machen wollte
  • Termindruck in Verbindung mit Öffnungszeiten auf dem Land
  • die Meckersucht eines lautstarken Teils meiner Kollegen

Vor einiger Zeit bin ich diese Problemfelder angegangen und habe tatsächlich Lösungen gefunden.

  • Der Papierflut begegne ich mit dem Tablet. Ich fotografiere wichtige Dokumente und werfe das Papier weg. Das erleichtert nicht nur meine Tasche, denn so habe ich tatsächlich alles dabei, ohne ewig kramen zu müssen. Wer will, erfährt von mir seinen aktuellen Notenstand auf zwei Kommazahlen – jederzeit. Und ich trenne inzwischen Zuhause und Schule. Ich habe meinen Schulkram in der Schule. Dort bereite ich Unterricht vor, dort kopiere ich schon am Vortag, falls ich Arbeitsblätter brauche, selbst kleine Test korrigiere ich im Lehrerzimmer. Nur die Aufsätze und Klausuren, die korrigiere ich zuhause. Wenn ich nach Hause komme, ist selten etwas Dringendes zu tun. Das klappt aber nur, weil ich recht strukturiert bin und gut planen kann. Das Unterrichten fällt nach zehn Jahren im Dienst einfach nicht mehr schwer. Inzwischen kann ich völlig unvorbereitet in eine Unterrichtsstunde gehen und eine gute Stunde halten, was natürlich nur geht, weil ich mein Handwerk beherrsche und fachlich eh meilenweit über dem Schulstoff stehe. Am Ende des Tages habe ich gefühlt mehr Freizeit gehabt, was natürlich entspannt.
  • Wenn ich das Tablet öffne, erscheinen kleine Memozettel, die mich an Kleinkram erinnern, die ich trotzdem mit Zetteln auf meinem Tisch sichere. Ich mag es, mir selbst kleine Erinnerungen zu schreiben, dafür habe ich nettes Papier parat liegen. Für die Pausen habe ich mich auch völlig umgestellt. Anstatt wie früher zuhause ein Frühstück vorzubereiten, habe ich jetzt meine Zutaten in der Schule deponiert und frühstücke in den Hohlstunden – so richtig schön mit Teller und Kaffeetasse, Brot und Aufstrich und genieße das. Diese „Auszeiten“ sind von mir fest eingeplant.
  • Zum Glück ist Lucy nicht mehr im Kindergarten und in der Grundschule! Diese Zeit war STRESS, denn ich hatte exakt 5 min nach Schulschluss, um mein Töchterchen abzuholen. Inzwischen schließt der Kindergarten erst um 13.00 Uhr, jetzt würde ich das locker schaffen… es gibt einfach Rahmenbedingungen, die Stress erzeugen. Der Buchladen am Ort schließt, wenn die Schule Mittagspause hat. Natürlich würde ich den kleinen Buchladen gerne unterstützen, aber in meiner Hohlstunde schnell in die Stadt düsen? Nö, da frühstücke ich doch. Dann kaufe ich eben im nächstgrößeren Buchladen, der hat über Mittag auf und ist auch keine Großkette.
  • Emotional hat mich die schlechte Luft im Kollegium die letzten Jahre am meisten belastet. Zuerst habe ich mich aufgeregt, dann versucht zu argumentieren und irgendwann kam der Punkt, an dem es mich nicht mehr angegriffen hat. Möglicherweise hat mir der Blog geholfen, denn hier konnte ich Dampf ablassen, ohne jemandem auf den Wecker zu gehen. Reden kann heilsam für die Seele sein. Vielleicht hat mich auch der Blick in die große weite Welt geerdet. Angesichts globaler und auch familiärer Krisen möchte ich mich nicht auch noch mit den dummen Kollegen belasten. Geholfen hat dabei sicherlich auch, dass mein Chef mir nun Anerkennung zollt und dies immer wieder zeigt. Es sind diese kleinen Gesten „Ihr Projekt übers Mittelalter, also was die Schüler da geleistet haben, das finde ich beachtenswert. Da sieht man mal, was Schüler können, wenn sie richtig gefördert werden“, die runterrutschen wie Öl und mich motivieren weiterzumachen. Danke Chef!

Also Frau Henner hat kurzgefasst folgende Veränderungen vorgenommen:

  • Technik gezielt eingesetzt, um sich die Arbeit zu erleichtern,
  • die Arbeit von der Freizeit soweit wie möglich getrennt und vorausschauend geplant, um in der freien Zeit auch einen freien Kopf bekommen zu können,
  • Auszeiten fest eingeplant, um der Hektik des Alltags zu entkommen,
  • Prioritäten gesetzt, um sich nicht zu belasten
  • sich mehr und mehr von den miesgelauten Kollegen ferngehalten, um sich nicht runterziehen zu lassen,
  • die Ideen von Schule einfach durchgezogen und mit dem Chef darüber gesprochen, um ernster und überhaupt wahrgenommen zu werden.

Durch diese Maßnahmen fühle ich mich relativ stressfrei. Natürlich ballt sich an manchen Tagen die Arbeit, natürlich wird es manchmal hektisch, aber es stresst mich nicht. Arbeit soll schließlich auch Arbeit sein. Und mit den Schülern und dem Unterrichten hatte ich ja sowieso keinen Stress, dank einer guten universitären Ausbildung, die mich in diesen Stand versetzt hat!

Nun kann man die Frage auch positiv stellen: Was entspannt mich?

Draußen sein, ein gutes Essen, Musik… es gibt so vieles, was einem guttut. Mir gelingt es immer mehr, mir genau dafür Zeit zu nehmen. Mit der Trennung von Schule und Zuhause habe ich definitiv mehr Muße. Also setze ich heute Prioritäten und kaufe Lucy beim Wocheneinkauf ein Stück Pizza. Sie ernährt sich ansonsten gesund, was soll’s also. Aber nun habe ich Zeit, in Ruhe zuhause zu kochen, auch wenn das Essen erst halb drei fertig ist, ich setzte mich in den Garten und genieße das Leben. Die Klausur, die ich heute geschrieben habe, die kann ich auch am Samstag korrigieren. Ich kenne mich, da brauche ich drei, vier Stunden dafür. Das ziehe ich dann durch. Die Kopien der Texte für die Fünfer, die ich morgen in der ersten Stunde brauche, habe ich nach Schulschluss in Ruhe kopiert, die liegen im Lehrerzimmer bereit. Die Stunde im Neigungskurs in der dritten Stunde, die bereite ich morgen in meiner Hohlstunde vor, wenn ich mein Brot gegessen habe. Das schaffe ich schon, ich weiß ja eh, wohin ich mit dieser Stunde will. Heute habe ich genug gearbeitet. Jetzt denke ich nur an mich…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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8 Kommentare zu „Denk an dich!“

  1. Solche Tipps sind wirklich Gold wert! Zwar bin ich noch nicht an der Schule, aber ich habe während meines Praxissemesters viel von diesen Stressfaktoren mitbekommen. Es ist wirklich schön, dass man sich teilweise so einfach helfen kann! Danke dafür! 🙂

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    1. Richtig gelacht habe, ich, als ich dann über Herrn Mess zu Kreide fressen gekommen bin, der fast das gleich schreibt wie ich – es scheint also schon übergreifende Tatsachen zu geben. Dennoch glaube ich, dass jeder seinen eigenen Stil finden muss, herausfinden, was ihm hilft – viel Kraft und Erfolg dir bei deiner Suche!

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  2. Das klingt richtig, richtig gut! Und insgesamt schient es mir, als ob du es geschafft hast, eine sehr gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit gefunden zu haben. Ist ja auch notwendig, sonst geht man nach ein paar Jahren auf dem Zahnfleisch.

    Ich beobachte das ja im Freundeskreis, und auch da fällt mir auf, wie sich im Laufe der Jahre Abläufe ändern oder routinierte, und damit eben auch schneller und entspannter werden. Oder wie Hohlstunden im noch zu oft unglücklich aufgebauten Stundenplan zur Vorbereitung genutzt werden. Früher wäre das eher ein Grund zu mehr Stress und damit Ärger gewesen.

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    1. Ich bin inzwischen ganz unglücklich, wenn ich keine Hohlstunden habe! Die machen mir das Leben stressfrei. Dann komme ich eben eine Stunde später nach Hause – was soll’s, aber dann bin ich richtig zuhause und nicht noch halb mit dem Kopf in der Schule.

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  3. Liest sich wirklich sehr gut, liebe Frau Henner. Schaffst du es wirklich, deinen kompletten Unterricht in der Schule vorzubereiten? Das finden wir alle drei echt spannend. Keine von uns bekommt das hin. Kopieren und Tests korrigieren okay, aber die Stundenvorbereitungen laufen bei uns am heimischen Arbeitstisch. Dort haben wir alle Materialien und vor allem Ruhe.
    Wir haben uns auch am Wochenende mit dem Aufruf zur Blogparade auseinandergesetzt und Strategien entwickelt, kannst ja mal bei uns reinschauen. Für uns sitzt der größte Stress in der digitalen Post von Kollegen und Schulleitung, besonders am Wochenende. Dem sagen wir jetzt den Kampf an. Wie ist das bei euch? Bekommt ihr noch Zettel ins Fach oder werdet ihr auch mit E-Mails überhäuft?
    LG aus dem Lehrercafe, heute von Ela

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