Ein kleines bisschen Hexerei

Liebe Leser,

das Lehrercafe fragte mich, ob ich tatsächlich meinen ganzen Unterricht in der Schule vorbereite.

Ja.

Natürlich bin ich kein Übermensch, ich habe genügend Schwächen. Das Unterrichten gehört aber nicht dazu. Es ist einfach so, dass ich im Laufe der Jahre viele pädagogische und methodische Arangements ausprobiert habe und schnell erkenne, was sie mir und der jeweiligen Klasse bringen oder auch nicht, und in meinem Gehirn einen Speicherplatz dafür habe. Ein unermesslicher Erfahrungsschatz, der einfach in mir drin ist. Ich lerne sehr schnell aus eigenen Fehlern. Was nicht funktioniert, wird verändert oder aussortiert. Fachlich stehe ich seit dem Studium sowieso meilenweit über den Schülern, ein bisschen Talent gehört dazu, Interesse und Freude an der Materie, sicher auch Intelligenz. Das ist die Basis, die mir das Lehrersein im Hinblick auf das Unterrichten so leicht macht.

Die räumliche Situation ist ungenügend, aber ich habe meinen kleinen Platz im Lehrerzimmer einfach in die Höhe erweitert und die wichtigsten Arbeitsmaterialien und die fetten Ordner dort deponiert und auch diese kleinen Utensilien wie Schere, Tipp-Ex, Klebeband. Und wenn mein Aufbau meinen Kollegen im Lehrerzimmer vielleicht nicht immer gefällt, meine kleinen Sächelchen nutzen sie so gerne heimlich mit, dass ich immer mal wieder neue Fineliner kaufen muss. Das sind also die Rahmenbedingungen, die man sich schaffen muss.

Eine Grundeigenschaft meines Gehirns ist Strukturiertheit. Mein Platz ist das reinste Chaos, meine Gedanken sind es nicht. Das hilft ungemein beim Planen. Selten mache ich To-do-Listen. Noch habe ich meinen Kram im Blick. Sehr Wichtiges notiere ich auf Zettel, die ich mir auf den Platz lege. Aber wann ich welche Stunde vorbereite, das habe ich im Blut oder besser im Gehirn. Oft gehe ich morgens unvorbereitet aus dem Haus, wenn ich weiß, ich habe doch noch diese Hohlstunde, da kann ich mich dann um meinen Neigungskurs kümmern. Das geht, weil ich soviel Routine habe, dass ich mir sicher sein kann, das auch in 30 Minuten zu schaffen. Das ist die Gelassenheit, die mir Selbstsicherheit gibt.

Dann stelle ich mir im Grunde nur zwei Fragen:

  1. Wohin will ich mit der Stunde? Also, was ist mein Ziel?
  2. Brauche ich für dieses Ziel ein Material, was ich besorgen muss – in meinem Fall in der Regel einen Text oder eine Bildquelle?

Habe ich beides, kann ich eine Stunde halten. Das Handwerkszeug ist da und es sprudelt aus mir immer im richtigen Moment – bis jetzt konnte ich mich immer darauf verlassen. Es ist tatsächlich ein bisschen wie Hexerei. Oft gehe ich in den Unterricht und weiß noch nicht, wie die Stunde im Detail aussehen wird. Im Hinterkopf habe ich aber diverse Möglichkeiten, wie sie aussehen kann. Das hat einen großen Vorteil: Ich bin immer nah am Schüler und beobachte genau, wie weit er im Unterricht mitkommt und kann dann sehr spontan reagieren, denn ich muss mich ja nicht an die nichtvorhandene Vorbereitung halten.

So zu unterrichten, würde vielen Menschen bestimmt Bauchschmerzen machen und sie würden sich überfordert fühlen – mir kommt es entgegen. Es ist nicht der Stein der Weisen und es ist nicht jede meiner Stunden ein Meisterwerk – es ist allein meine Art, Unterricht vorzubereiten.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

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4 Kommentare zu „Ein kleines bisschen Hexerei“

  1. Respekt, fällt uns dazu als Bemerkung ein. Vielen Dank für die detaillierte Darstellung, wir sind echt beeindruckt.
    Was wir teilen können, ist einerseits eine gewisse Struktur, die man entwickeln sollte und andererseits die mittlerweile eingezogene Routine und Erfahrungen durch die bereits jahrelange Unterrichtstätigkeit. Alles andere ist Individualität. Einen schönen Sonntag und LG aus dem Lehrercafe

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