Hochglanzbilder

Liebe Leser,

Frau Henner hat ein Projekt. Frau Henner sucht eine neue Schule. Natürlich gibt es ganz pragmatische Kriterien: Wohnortnähe oder zumindest gute Erreichbarkeit. Das schränkt auf dem Land natürlich schon mal ein. Aber es bleibt doch eine ansehnliche Auswahl.

Dann besucht Frau Henner die Schulwebsites. Naja, das könnte sie sich vielleicht auch sparen. Da erfährt man eher, ob es an der Schule jemanden gibt, der die Website in Schuss hält, oder eben nicht. Manche stellen alles, aber auch alles rein. Da erfahre ich sogar recht private Dinge über potenzielle Kollegen, wenn zum Beispiel die interne Elternbeiratssitzung mit Protokoll abgelegt wurde. Ach Frau M. geht ab 3. 7. in Elternzeit! Andere Schulen geben nicht einmal eine Lehrerliste preis. Manche rühmen sich mit TOLLEN Projekten, von einigen der Projekte kenne ich aber die Wahrheit hinterm schönen Schein… es wird überall nur mit Wasser gekocht. Nur einigen Schulen verkaufen ihr Wasser besser als andere.

So wirbt die eine von mir ins Auge gefasste Schule mit ihrer supergut funktionierenden Grundschulkooperation und ich kann nur darüber lachen, denn die Schüler aus der genannten Grundschule besuchen gar nicht dieses Gymnasium, sondern unseres. Aber es klingt so gut… „wir kümmern uns nachhaltig um eine enge Kooperation mit der Grundschule XY…“ Haben die eigentlich mal auf ihre Anmeldezahlen geschaut? Oder was verstehen sie unter Nachhaltigkeit?

Ich sollte aber nicht zu laut lachen, denn das Wasser scheint mir überall schal zu sein. Im Klartext: Leider gibt es sie einfach nicht, die Wunderschule, die Traumschule, die Schule, auf die ich als Lehrer sofort möchte. Ein sanierter Bau mit Wohlfühlatmosphäre, ein Raum, den ich mir einrichten kann mit meinen Unterrichtsmaterialien, ein durchweg motiviertes Kollegium, das bereit wäre, auch einmal ganz neue Wege auszuprobieren, ein Kollegium, das miteinander Schule denkt und nicht gegeneinander, späterer Schulbeginn und längere Pausen… ach träum weiter, Frau Henner! Es gibt nur Mittelmaß und faule Kompromisse, wie es scheint – was mich allerdings nicht vom Suchen abhält.

Da stellt sich die Frage: Welche Prioritäten möchte ich setzen? Wahllos notiere ich Stichwörter, um dann folgende Liste zu erstellen:

  1. Ganz oben steht der Wunsch nach Verantwortung, der Möglichkeit, bestimmte Bereiche planen, leiten und damit selbst gestalten zu können. Im Fach Deutsch ist das eine Illusion. Da gibt es immer viele Kollegen und meist sehr – wie sagt man – starke Persönlichkeiten. Deshalb schaue ich mir die Arbeitsbedingungungen in meinem Nebenfach an: Wie viele Kollegen gibt es da? Wie alt sind sie? Was kann ich über sie und ihre Arbeitseinstellung in Erfahrung bringen? Dem einen oder anderen bin ich ja bereits auf Fortbildungen oder bei Prüfungen über den Weg gelaufen. Schnell merkt man, ob man miteinander kann oder nicht. Wenn die Chemie nicht stimmt und die Vorstellungen vom Unterrichten und der Fachschaft zu weit divergieren, ist ein etwas höheres Alter des entsprechenden Kollegen und seine absehbare Pensionierung sicher ein Pluspunkt. Das klingt hart, aber wieso soll ich mich unnötig quälen?
  2. Wenn schon keine Wohlfühlatmosphäre, dann wünsche ich mir doch Räume, in denen man es aushalten kann oder die ich mir mit etwas Phantasie annehmbar machen kann. Mindesten fünf, zehn Jahre, vielleicht aber auch ein ganzes Berufsleben werde ich dann an dieser Schule sein. Es ist also legitim, nach dem Potential des Umfelds zu schauen, denke ich.
  3. Die Schulleitung! Wenn ich mir die diversen Schulen anschaue, muss ich mir unbedingt einen Eindruck von der Schulleitung machen. Welche Wege hat sie für die Schule im Auge, was ist ihr wichtig, welcher Typ Lehrer wird gesucht? Wie die Atmosphäre im Kollegium ist, kann ich vorher nicht wirklich durchschauen, auch ändert sich eine Stimmungslage je nach Zusammensetzung und Situation. Aber mit der Schulleitung steht oder fällt vieles. Ich hoffe, dass ich spüre, ob ein Funken überspringt oder nicht.

So viel zur Wunschliste. Auf den Schulhomepages ist alles toll, Friede – Freude – eitel Sonnenschein! Die Fotos auf Hochglanz poliert zeigen auch langweiligste Zweckbauten kontrastreich, modern und spritzig. Immer gewinnen alle Schüler alle Wettbewerbe und alle Schüler strahlen auf den unzähligen Konzerten, Theateraufführungen und halten die Medaillen in die Kamera. Überall sind nur glückliche Kinder, weil wir wissen, wie Schule geht, weil wir Schule leben, weil bei uns alles besser ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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7 Kommentare zu „Hochglanzbilder“

  1. Noch sind Sie in der Illusion gefangen, dass Sie sich die Schule selber aussuchen können.
    Ich habe Kollegen, die schreiben Versetzungsanträge im Dutzend, schon seit Jahren, aber die Schulleitung lässt sie nicht gehen. Oder in der Wunschregion ist keine Stelle mit der passenden Fächerkombination verfügbar.
    Ich kenne sogar einen Fall, wo es einen Tauschpartner gegeben hätte: Dieselbe Fächerkombination, allerdings die eine Teilzeit, der andere Vollzeit. Der Kollege wurde versetzt, die Teilzeit-Kollegin schreibt weiter Versetzungsanträge.

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    1. Lasst mir meine Illusionen – sie halten mich am Leben!
      Nein, keine Angst, ganz so schlimm ist es nicht. Ich ahne jetzt eh schon, wo man mich hinversetzen wird… aber ich bin auch neugierig und möchte diese Gelegenheit nutzen, um ernsthaft mal hinter die Kulissen diverser Schulen schauen zu können. Da ich wahrscheinlich eh von Regen in die Traufe kommen werde, ist das Gefühl, dabei wenigsten aktiv werden zu können, schön – frei nach der asiatischen Weisheit: Lieber auf neuen Wegen stolpern, als auf alten auf der Stelle zu treten.

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  2. Liebe Frau Henner,
    gibt es in der Nähe Ihres Wohnortes vielleicht eine Privatschule? Meiner Erfahrung nach – ich war im Laufe meines bisher 15-jährigen Lehrerdaseins bisher an zwei Privatschulen: einer in kirchlicher Trägerschaft, einer Deutschen Schule im Ausland – gibt es das, wonach Sie suchen, am ehesten an Privatschulen: Motivierte, innovationsfreudige Kollegen und mehr Ressourcen für das Schulgebäude. Auch als Beamter kann man in Ba-Wü an einer Privatschule arbeiten.
    Viel Erfolg!

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    1. Es gibt die Waldorfschule – da bin ich Büchermensch eher schlecht aufgehoben und Herr Henner meinte, an Waldorfschulen sei das Gehalt auch niedriger, worum ich mich aber, ehrlich gesagt, noch gar nicht gekümmert habe – und es gibt eine Privatschule, die noch erreichbar ist. Und ja: dort ist viel mehr Geld da, wenn ich an den Fachraum denke und an das wunderbar gestaltete Schulhaus… hach!… das Problem ist, dass das so eine Schule ist, wo man sich das Abitur erkauft. Da habe ich auch ein Problem damit.
      Ich finde aber auch überall das Haar in der Suppe… ich weiß, es ist nicht einfach mit mir…

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    1. Das erinnert mich so ans Studium!!! Da haben wir dann im Lehramtsfreundeskreis zusammengesessen und bei Tee, Wein und Kaffee nach 22.00 Uhr geträumt: du machts Deutsch und Geschichte, Jette macht die Förderkurse und Musik, Kurt Philosphie und Sport und Mathe und wir suchen uns ein Gebäude, das nach Leben riecht und uns und die Schüler glücklich macht.
      Heute ist jeder in einer anderen Stadt, versucht sich mit den Realitäten des Alltags herumzuschlagen und hat die Schwierigkeiten erkannt, die in einem solchen Projekt liegen. Das könnte traurig machen. Tut es aber nicht. Wir diskutieren mit Kollegen, bloggen, wir haben noch Träume, wir sind die, die zwar die Realität anerkennen, aber doch gestalten wollen, weil morgen eben nicht heute ist. Ich glaube, zu diesen Menschen gehört ihr auch.
      Und ich gebe zu, dass ich hoffe, ab und zu liest ein Verantwortlicher auch ein paar Lehrerblogs und denkt darüber nach, was sich dort Menschen durchaus reflektiert ausdenken…

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