Ätsch, ich war schneller! – Eine Typologie der Geschwindigkeiten

Liebe Leser,

heute muss noch einmal geübt werden, am Montag steht die letzte Klassenarbeit an: Leseverständnis. Das heißt für die Kinder, sie müssen schriftlich und zusammenhängend erklären können, worum es in einem Sachtext geht und wovon die einzelnen Abschnitte handeln. Sie müssen eine treffende Überschrift finden und Fragen aus dem Text heraus beantworten können. Das ist ganz schön anspruchsvoll für Fünftklässler. Lesen kann hier inzwischen jeder, aber nicht jeder versteht, was er liest.

In diesen Übungsstunden fällt mir immer wieder besonders auf, wie unterschiedlich schnell die Fünfer arbeiten. Und da lege ich, während die kleinen Racker arbeiten, eine Typologie an.

Es gibt grob gesagt zwei unterschiedliche Typen von Kindern, die bis zum Ende der vorgegebenen Zeit arbeiten. Das eine sind Kinder wie Josefine, meine Superduper-Einserkandidatin. Josefine durchschaut eine Aufgabe schnell, erledigt sie gewissenhaft und sehr ausführlich und beschäftigt sich, sollte sie noch Zeit haben, selbst, indem sie hier eigene Fragen erfindet und die dazugehörigen Lösungen formuliert. Sie braucht die vorgegebene Zeit vollständig, weil sie  SEEEEEEHR gewissenhaft arbeitet.

Franca braucht auch die ganze Zeit und ist doch nicht fertig, weil sie weder den Text noch die Fragen genau versteht und dann erhebliche Probleme beim Formulieren hat. Aber sie kämpft sich durch und will diese Aufgabe schaffen. Franca arbeitet motiviert trotz der Schwierigkeiten.

Zu diesen beiden Gruppen gehören fast alle meiner Schüler. Mit Ihnen kann ein Lehrer gut arbeiten. Josefine übt von allein und Franca kann man noch ein paar Tipps geben – oder sie holt sie sich selbständig von ihrem Banknachbarn.

Und dann gibt es noch die Raser, die immer Schnell-Fertigen, die, die das Unterrichten kompliziert machen. Auch sie unterteile ich wieder in zwei Gruppen.

Da hätten wir Rike. Sie könnte eine gute Schülerin sein, wenn sie sich nicht selbst im Weg stehen würde – meist hat Rike schlichtweg keine Lust auf Schule. Heute aber interessiert sie der Sachtext, denn es geht um giftige Tiere. Außerdem hat sie entdeckt, dass diejenigen, die fertig sind, die im Text vorkommende Spinne nach der Beschreibung ins Heft zeichnen dürfen. Da will Rike hin, denn das ist neben speziellen Tieren eine ihrer wenigen Leidenschaften. Also jagt sie durch den Text und ist in wenigen Minuten bei der Spinnenzeichnung. Dann fängt sie an, sich zu langweilen, ist aber nicht bereit, die Aufgaben, die schludrig und viel zu ungenau bearbeitet sind, noch einmal zu überarbeiten. Erst als ich resigniert sage: „Dann zeichne halt noch eine Spinne“, leuchten ihre Augen und sie ist für weitere drei Minuten beschäftigt. Die Spinnen sind wirklich schön geworden. Immerhin etwas. BK-Lehrerin müsste ich jetzt sein…

Wen ich gar nicht mit Zeichnen beschäftigen kann, dass ist Jan. Mal wieder Jan. Er hat sich noch immer nicht eingelebt, die Kinder können ihn nicht leiden. Was vielleicht auch daran liegt, dass Jan halt immer Aufmerksamkeit sucht und dabei an seiner Leistungsgrenze ist. Er sudelt die Aufgaben herunter, kritzelt die Spinne ins Heft und reckt schon den Arm, was ER denn als nächstes machen solle. Dabei möchte ich doch, dass er wenigstens diese Aufgabe richtig löst. Aber Jan hat kein Einsehen, wenn ich ihn bitte, etwas genauer zu erklären, anschaulicher zu beschreiben, leserlich zu schreiben oder (zur Not) die Spinne doch etwas schöner zu zeichnen. Er ergänzt pro Antwort ein Wort und zeichnet der Spinne drei winzige Augen mehr. Schon wieder reckt er den Arm: „Frau Henner, was soll ich JETZT machen?“

Überhaupt, ich habe eine Gruppe vergessen. Es gibt noch die fünfte Gruppe, die sich sehr bemüht, aber unbedingt eher fertig sein will als ihr Banknachbar, nur um dann besonders laut sagen zu können: „ICH bin fertig, Frau Henner! Was soll ich ALS NÄCHSTES tun?“ Schon hundertmal habe ich erklärt: „Ihr seht doch, dass eure Nachbarn auch nur noch einen Satz zu schreiben haben. Dann wartet ihr diesen kurzen Moment. Ich habe das im Blick, wir machen gleich gemeinsam weiter.“ Franziska ist so eine, eine gute Schülerin, aber nicht sehr gut und das wurmt sie sehr. Deshalb will sie immer wieder beweisen, WIE gut sie ist. Ätsch, ich war schneller!

Wenn die Kinder wüssten, wie intensiv die Lehrer über einzelne nachdenken und ihr Urteil fällen…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

5 Kommentare zu “Ätsch, ich war schneller! – Eine Typologie der Geschwindigkeiten”

  1. Liebe Frau Henner, nur eine wirklich gute Lehrerin denkt so viel und intensiv über ihre Schützlinge, so wie du es uns schreibst von dir und fällt dann Urteile. Andere fällen leider nur Urteile, manchmal oder häufig, nun ja. Mach weiter so 😉🤗 LG aus dem Lehrercafe

    Gefällt mir

  2. Schön, dass die Typen auch woanders so ähnlich zu finden sind.
    Auch in der Klassenarbeit heute wollte Jan wieder Erster sein und strahlt dabei. Die anderen schütteln die Köpfe. Sie wissen, dass gut Ding Weile haben will.

    Gefällt mir

  3. Leider, das Geschluder setzt sich dann fort. Hauptsache fertig. Das die Hälfte falsch, unvollständig etc. interessiert oft nicht. Problematisch finde ich, das oft dann Schüler in diesen Tempowahn einsteigen, die etwas mehr Zeit nutzen möchten, und dann vielleicht denken, sie sind zu langsam.
    Schwierig ist auch das: Nicht-warten-können, bis alle soweit sind.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s